von: Simone Klein
1. Mai 2016
Kommentar

Wie ein grau-melierter Regenbogen: Kindheit der Kriegsenkel

Simone Klein hat das Buch "Das Erbe der Kriegsenkel" von Matthias Lohre gelesen und lässt uns wissen, was sie davon hält.

© Das Erbe der Kriegsenkel von Matthias Lohre

„Eilig suche ich mir eine neue Herausforderung, eine weitere Aufgabe. Nichts zu tun macht mich nervös […] Hinter dem nächsten erreichten Ziel, da bin ich fast sicher, wird die Zufriedenheit schon auf mich warten. Ich muss mich nur noch ein wenig länger noch ein bisschen mehr anstrengen, eine noch effizientere Variante meiner Selbst werden. Mehr arbeiten, mehr vorausberechnen, mehr vorsorgen. Mit Mitte Dreißig führe ich kein Leben, sondern eine Null-Fehler-Existenz.“

Obwohl nicht jeder einen solchen Zustand derart minutiös in Worte zu fassen vermag, wie Matthias Lohre, so fühlt doch eine ganze Generation des Landes ähnlich. Denn was der renommierte Journalist anschaulich beschreibt, trifft das Lebensgefühl der Jahrgänge 1955 bis 1975, der so genannten „Kriegsenkel“. Kriegsenkel wuchsen als Kindern von Eltern auf, deren Eltern zwei Weltkriege durchzustehen hatten. Kriegsenkel übernahmen die Tüchtigkeit der Eltern in eigene Karrieren. Kriegsenkel erlebten materiellen Wohlstand und doch wenig Freude. Kriegsenkel verfügen über die Fähigkeit, Schweigen zu hören.

Ihre Sinne sind geschärft. Sie haben sich daran gewöhnt, auf Fußspitzen zu gehen, um Rücksicht auf ihre Eltern zu nehmen, die über das, was sie erlebt haben, nicht sprechen, weil schon ihre Eltern nicht darüber sprachen. Sie haben sich daran gewöhnt, Ungerechtigkeit zu dulden und Gehorsam zu ertragen, wie ihre Eltern es taten. Und sie gewöhnen sich immer mehr daran, dass ihre Fragen nicht beantwortet werden.

Bezug nehmend auf den Tod seines Vaters begibt sich Matthias Lohre als jüngstes von fünf Geschwistern auf Spurensuche in der Heimat. Nach dem Tod beider Eltern ist er auf Indizien und Aussagen von Zeitzeugen angewiesen. Der heute 40-Jährige forscht nach Ursachen des eigenen Gefühls, trotz aller Erfolge nicht zu genügen. Die Wurzeln dafür vermutet er in der Stimmung des Elternhauses, die seiner Kindheit jede Lebendigkeit nahm. Gemeinsam mit vielen anderen erlebt er einen Eindruck, dass Anstrengungen nicht zum Ziel führen. Jedes neu erreichte Ziel umgibt eine seltsame Schwere. Sie muss etwas mit den Kriegstraumata der Eltern und der unbekannten Großeltern zu tun haben, die ohne jede Benennung oder Aufarbeitung in die Erziehung der nachfolgenden Generation mit einflossen und sich wie ein genetischer Code in die Gewissen brannten. Denn wo bereits die Großeltern eigene Ziele den Allmachtsphantasien politischer Systeme unterordnen mussten, die ausschließlich Verwüstung und Schuldgefühle hinterließen, hatten sich deren Kinder dem kräftezehrenden Wiederaufbau zu beugen. Ihre Ziele wurden quasi „zwangskanalisiert“, so dass kein Raum mehr blieb, Erreichtes zu genießen. Den Kriegsenkeln fehlten die Vorbilder zur Freude am Ernten von Früchten. Vielleicht werden ja Umwelteinflüsse, die gerne als Ursache für die Unverträglichkeit von Lebensmitteln benannt werden, zum Symbol des Schleiers unterdrückter Freude.

Gründlich reflektiert und doch voller Emotionen beschreibt Matthias Lohre die Suche nach seinen Eltern und Großeltern in der westfälischen Heimat. Ausgehend von einer Ahnung, dass Kriegsschuld nicht nur explizite Täter betrifft und die Folgen davon sogar in die Erziehung der (Kriegs-)Urenkel mit einfließen, widmet er sich den einzelnen Generationen ausführlich und recherchiert gewissenhaft in der psychoanalytischen Literatur zur Wiederaufarbeitung.  Es gelingt ihm, ohne Anklage zu hinterfragen und im Ergebnis auf Schuldzuweisungen zu verzichten. Stattdessen übernimmt er selbst Verantwortung, Licht in die eigene Vergangenheit und in die der Familie zu bringen. Überaus schmerzlich begreift er dabei, dass nicht jede Unklarheit beseitigt werden kann.

Mit der Last des eigenen Erfolges ringend, gelingt ihm der Quantensprung, jene Unklarheit als Teil von sich zu akzeptieren. Aus der daraus gewonnenen Schubkraft resultiert das vorliegende Werk, in dem Lohre beweist, dass sich die von Kriegsenkeln so sehr geliebte Faktentreue mit heilenden Emotionen ebenso mischen lässt, wie eine Familiengeschichte mit Erkenntnissen aus Historie, Psychologie und Soziologie. In Kombination mit einem makellos geschliffenen Stil wird ein Sachbuch zum Kunstwerk, das Leser mehrerer Generationen begeistert und tief berührt. Möge es helfen, das Bewusstsein auf das Ablegen des Schleiers lenken.

Simone Klein

Simone Klein lebt in Baden-Baden und veröffentlichte mehrere Bücher. Besuchen Sie ihre Website hier…

Das Buch: Lohre, Matthias: Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2016. ISBN. 978-3-579-08636-1


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