von: Simone Klein
22. April 2015
Kommentar

Traumlos fremdbestimmt oder doch als Dauergast mit festem Wohnsitz in Zürich?

Simone Klein über den Roman von Patrick Thali
BoD/Thali

© BoD/Thali

Ob Bankenmetropole, Touristenmagnet oder Gastgeber für Kultur- und Sportereignisse, Zürich hat viele Gesichter. Und viele Einwohner. Der Autor Patrick Thali ist einer von ihnen und blickt hinter die Fassade der angeblich schönsten Stadt der Welt. Ins Zentrum seiner Reflektionen rücken Menschen aus dem täglichen Leben: Angestellte und Dichter, Lehrer und Abteilungsleiter, Stille und Laute. Ihnen allen gemein sind eine gewisse Rastlosigkeit, die Unfähigkeit, an einem Ort auszuharren und das Gefühl von Fremdbestimmung, gegen das jeder von ihnen auf seine ganz persönliche Art und Weise ankämpft. Ein eigenes Werk zu schaffen, etwas Individuelles in einer ent-individualisierten Stadt zu hinterlassen, darin besteht die gemeinsame Vision der Charaktere. Die Mittel dazu erscheinen ebenso vielfältig wie die Personen selbst. Während bei den einen Gedichte, Prosaliteratur und Musik-CDs entstehen, setzen sich andere durch das Aufbegehren gegen Arbeitssituationen und Vorgesetzte oder auch durch Selbstjustiz ein Denkmal.

Zu Hause trifft man niemanden von ihnen an – sie sind am Arbeitsplatz, auf Reisen, im Freien und besonders häufig in den Zürcher Cafés und Szenelokalen zu finden. Dort lassen sie, mehrheitlich alleine und auffallend beziehungslos, ihr kostbarstes Gut: die Zeit.

Etwas Bleibendes zu schaffen und dabei möglichst intensiv zu leben, darum geht es in den etwa dreißig Episoden und hundert Aphorismen (vom Autor als „Feststellungen“ eines seiner Charaktere bezeichnet), durch die sich der Umgang mit der Fremdbestimmung wie ein roter Faden zieht. Einige der Episoden sind zu einem Zyklus zusammengefasst, dennoch steht jede einzelne als individuelles Kunstwerk. Vereint in einem Sammelband werden sie zu einer gelungenen literarischen Hommage an Zürich und an seine Einwohner, mit denen sich Patrick Thali ein äußerst lesenswertes Denkmal geschaffen hat. „Fremdbestimmung oder Die Glanzlosigkeit der Traumlosen“ überzeugt durch Tiefgang, Stil und feine Antennen für Menschen, Stimmungen, Situationen und Details. Das Buch schlägt eine Brücke hinter die Kulissen der Stadt und wird damit beinahe zu einem soziologisch-philosophischen Reiseführer, in dem sogar die Traumlosen glanzvoll erscheinen.

Das Buch: Thali, Patrick: Fremdbestimmung oder Die Glanzlosigkeit der Traumlosen. BoD – Books on Demand: 2014. 303 S.. ISBN 978-3-7357-0405-4.

Simone Klein lebt als Autorin bei Zürich und veröffentlichte schon mehrere Romane. Besuchen Sie ihre Website hier.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *