von: Urs Heinz Aerni
1. Dezember 2022

„Ein rostiger Klang von Freiheit“ von Toril Brekke

Literaturktirik von Petra Lohrmann

© Stroux-Edition

Dieser fein und differenziert komponierte, in den Endsechzigern spielende Roman, erzählt von Auf-, Aus- und Umbruchzeiten in der Gesellschaft und im Leben der zu Beginn des Romans siebzehnjährigen Erzählerin Agathe. Er erstreckt sich über anderthalb Jahre, Jahre, in denen sich die Familiengeschichte verdichtet und auch offenbar wird, dass Geheim-nisse keine stabile Lebensgrundlage bieten. Die erste Seite des Romans ist unglaublich konzentriert. Die Personen werden eingeführt, die Situation Agathes umrissen: „Es war der Sommer vor dem letzten Jahr auf dem Gymnasium. Ich war jung, ich hatte Freunde, ich hatte die Musik. Zugleich war ich erfüllt von einer Unsicherheit, wer ich war, denn noch ahnte ich nicht einmal, wer mein Vater sein könnte. Ich weiß, dass Isak sich dafür hielt, Isak, der Klavierstimmer, den Mama geheiratet hatte, als ich fünf war, aber ich war sicher, dass er sich irrte. Ich glaubte auch nicht, dass er der Vater von Morten war, meinem kleinen Bruder, der in dieser Ehe geboren worden war. … In diesem Sommer war es vier Jahre her, dass sie uns verlassen hatte. damals war sie mit einem Bassisten namens Lennart nach Kopenhagen gegangen.“ Agathes Mutter ist Pianistin, sie ist strahlend schön, Feministin und Freigeist. Und sie ist plötzlich ein weiteres Mal verschwunden. Wie damals aus dem Leben Agathes, Mortens und Isaks. In diesem Sommer 1967 erreicht Agathe ein Anruf Lennarts aus Kopenhagen, Veronica sei weg, Agathe solle kommen und ihm helfen, sie zu suchen.

Jahrelang hatte sie weder von ihm noch von der Mutter ein Lebenszeichen erhalten, nun fühlt sie sich verantwortlich und bricht zusammen mit Morten von Oslo aus nach Dänemark auf. Sie finden sie tatsächlich, doch die Mutter flieht ein weiteres Mal, ohne auch nur ein Wort an ihre Kinder zu richten. Morten ist nach diesem Erlebnis und der Rückkehr nach Hause völlig „zerschmettert“. Er zieht sich zurück, seine Freunde helfen ihm schließlich aus der Dunkelheit heraus, seine Freunde und die Musik. Sie gründen eine Band, Morten inszeniert sich als Sergeant  Pepper, diese Figur reflektiert seine Einsamkeit. Agathe versucht, ihr Leben weiterzuleben. Sie wechselt auf das Versuchsgymnasium, dem „Summerhill“ Norwegens. Sie muss verkraften, dass ihr langjähriger Freund Leon sich von ihr wegbewegt. Sie muss Geld verdienen, zieht in die Wohnung ihres Ex-Freundes Philip, auch er ein Musiker, doppelt so alt wie sie, der für einige Monate in die USA geht. Sie muss sich um die Großeltern kümmern, die vom als endgültig empfundenen Verschwinden ihrer Tochter ebenfalls schwer getroffen sind. Auf Partys und bei Strand-abenden versucht sie ihre Jugend und die Freiheit des Sommers wenigstens ein bisschen zu genießen. Selbst für Isak fühlt sie sich verantwortlich – Agathe ist eine starke junge Frau, die versucht, allen gerecht zu werden und zugleich herauszufinden, wer sie ist. Und auch woher sie kommt, denn die Frage nach ihrem Vater schwebt im Hintergrund ständig über ihr. Wer der Vater Mortens ist, klärt sich schließlich. Er ist der Glückliche, der eine gewagte Reise unternimmt, die ihm einen Vater und eine Großmutter schenkt. Seine Mutter erwähnt er nie wieder. Toril Brekke bettet die Geschichte der Familie eindrücklich die Situation der Zeit.

Die endlosen Diskussionen im neuen Gymnasium, der Hass des Großvaters auf dieses Experiment (er ist ganz alte Schule, ein Patriarch, der alles für alle bestimmen möchte), die zufälligen Begegnungen, die auch mal im Bett enden, immer wieder die Musik, ein verbindendes und tröstendes Element im Roman. Sie erzählt von Demonstrationen und Freundschaften, von jungen Lehrern, die wie Freunde auftreten, von Müttern, die meist Hausfrauen sind. Über ihre Kusine Madeleine, die in Paris studiert, erfährt Agathe, und mit ihr die Lesenden, von den Entwicklungen dort – die Welt ist an vielen Stellen aus den Fugen geraten. Ein wichtige Figur im Roman ist Onkel Jannik, der Bruder von Agathes Mutter. Er verschwand als Agathe fünf war, dreizehn Jahre hat er sich nicht gemeldet, man wusste nur, dass er zur See fährt. An Weihnachten 1968 kommt er völlig überraschend zurück, besucht seine Eltern und gerät recht schnell in einen Konflikt mit seinem Vater.

An dessen 75. Geburtstag im Jahr darauf kulminiert das Geschehen, „Denn nun kam jemand zur Tür hereingefegt, eine Frau in schwarzem Kleid mit rotem Lackgürtel und roten Schuhen. Es war Mama, und sie war wütend.“ Zum ersten Mal werden Wahrheiten ausgesprochen, die jahrzehntelang unter Verschluss waren. „Jemand schrie, es war der Schrei des Wahnsinns, der Omas Röcheln übertönte, er stammte von mir, denn es konnte nicht wahr sein, was Mama da gesagt hatte, es durfte nicht wahr sein. Doch, sagte Onkel Jannik, leise, aber dennoch fest, und unbeschreiblich traurig.“ „Was wie eine ganz normale kleine Familie ausgesehen hatte, war das offenbar nicht. Das Bild, das ich gehütet hatte, damit niemand es durchschaute, war enthüllt, entlarvt. Eine Lüge.“ Dieses Bild war eine Illusion gewesen, die Wahrheit ist ein Wahnsinn. „Das, worüber nicht geredet wird, gibt es nicht, sagte Jannik.“ Offensichtlich ist auch dies eine Illusion, denn es gibt dieses doch. Es ist mindestens so mächtig wie das, worüber geredet wird. Der Roman Toril Brekkes, geb. 1949, ist ein starkes Porträt Agathes, ein Coming-of-Age-Roman, der die Entwicklung der Hauptfigur und ihre Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt aufzeichnet. Indem die Autorin die Perspektive der Ich-Erzählung wählt, schafft sie einen ganz direkten Zugang zu ihrer Figur, ermöglicht den Blick in ihr Innerstes. Dabei nutzt sie diverse literarische Möglichkeiten wie Rückblicke, verknappte Passagen oder überraschende Wendungen, um den Roman sehr spannend zu gestalten. Er ist ein Pageturner, der aufmerksam gelesen werden will, denn viele kleine Mosaiksteinchen ergeben am Ende das komplette Bild.

 

Petra Lohrmann

Toril Brekke: Ein rostiger Klang von Freiheit, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Stroux-Edition, 2022, 332 Seiten, (Originalausgabe 2020)