von: Edition Converso, Bad Herrenalb
29. November 2020

Zu Leonardo Sciascias 100. Geburtstag am 8. Januar 2021

Neuerscheinung Ein Sizilianer von festen Prinzipien präsentiert essayistische Erzählungen in Erstübersetzung

© Edition Converso

Am 8. Januar 2021 wäre Leonardo Sciascia hundert Jahre alt geworden. Unsere Gegenwart hätte reichlich Stoff bereitgehalten für den sizilianisch-europäischen Intellektuellen mit dem aufklärerisch-politischen Antrieb und dem untrüglichen Blick für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Wir können uns weiter an sein Werk halten und von ihm lernen, unter die Oberfläche zu schauen, uns von der Vernunft leiten zu lassen.

Leonardo Sciascia wurde zunächst mit Kriminalromanen wie „Der Tag der Eule“ und „Todo modo oder das Spiel mit der Macht“ bekannt, in denen er die Verbindungen zwischen Politik und organisierter Kriminalität freilegte. Doch die Engführung des Blicks auf diese Bücher – so innovativ sie als Demontage des Kriminalgenres auch waren – wird dem Autor nicht gerecht: Zu den größten Höhen schwang er sich mit seinen literarisch-historisch-soziologischen Essays und Romanen auf, mit seinen Rekonstruktionen und Fallbeschreibungen in Nachfolge Manzonis. Jahrzehntelang war er eine der prägenden intellektuellen Figuren Italiens, schrieb in allen Genres. So entstand etwa „Die Affäre Moro“, ein Pamphlet, in dem er darlegte, wie die Christdemokraten ihren Vorsitzenden im Stich gelassen hatten. Als pointierter, teils provokanter Kommentator in den großen italienischen Zeitungen war er bekannt und gefürchtet, auch in Frankreich und Spanien, wo er regelmäßig publizierte.

Als Hommage an den Mann mit dem unabhängigen Geist und der spitzen Feder erscheint am 8. Januar 2021 ein „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“: ein Band mit zwei literarischen Fallbeschreibungen, „Tod des Inquisitors“ und „Der Mann mit der Sturmmaske“. Die Beschreibung eines Falls aus der Zeit der Spanischen Inquisition in Sizilien lag Sciascia von all seinen Texten besonders am Herzen: Sie bildet einen Angelpunkt seines Werks, das sich stets um das Problem der Gerechtigkeit dreht. Im Zentrum des Essays steht der als Häretiker angeklagte Mönch Fra Diego La Matina, der seinem Folterer, dem Inquisitor, den Schädel einschlug und dafür auf dem Scheiterhaufen landete. Doch wieso wurde der Geistliche überhaupt verfolgt? Was warf ihm die Inquisition vor? Diese war damals die mächtigste aller Organisationen, stand über Verfassung, König und Papst und wurde gestützt von 1000 familiari, Delinquenten auch aus den obersten Gesellschaftsschichten.

Sciascia heftet sich auf die Spuren eines Menschen mit sozialem Gewissen und analysiert dabei das Unrechtssystem der Inquisition, die „weit davon entfernt ist, nicht mehr in der Welt zu existieren“. Entsprechend hält der Text ein Instrumentarium für die Nachwelt bereit: Wie erkennen wir Mechanismen der Macht, Gefahren, die aufkommen, wenn es keine regulierenden Instanzen gibt? Wie benennen wir die Fehler der Vergangenheit und erkennen sie in der Gegenwart wieder? Wie halten wir die Freiheit des Individuums hoch, wie die Wehrhaftigkeit der Demokratie? Diese Fragen sind nach Sciascia jedem von uns aufgegeben.

Abgerundet wird der Band durch den biographischen Essay „Klarheit, Vernunft und Häresie“ von Maike Albath und die Abhandlung „Ironie – ein sizilianisches Instrument des Überlebens“ von Santo Piazzese.

Sollten Sie an einer Rezension interessiert sein, stellen wir Ihnen gern vorab das Pdf zur Verfügung.

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