von: Petra Lohrmann
20. Januar 2023

„Strega“ von Johanne Lykke Holm

Buchbesprechung

© Aki Verlag

 

Dieser einzigartige und extrem faszinierende Roman, der sich Elemente der Gothic Novel und des Märchens bedient, spielt in einem Hotel. Dort verbringen neun Mädchen, alle 19 Jahre alt, einige Monate als Saisonarbeiterinnen. Das Hotel ist ebenso aus der Zeit gefallen wie die drei Schicksals-göttinen Rex, Toni und Costas, die die Mädchen dort regieren. Die Erzählerin der Geschichte ist Rafaela, eines der neun Mädchen, die alle zusammen in einem Saal schlafen, der „ebenso gut der Schlafsaal einer Strafanstalt (hätte) sein können.“ Das wie eine Raumkapsel oberhalb des Alpendorfes Strega liegende Hotel gleicht einem „Puppenhaus“, es hat unendlich viele Räume und Treppen, erinnert hier an ein „Bühnenbild aus einem blutigen antiken Drama“, dort an ein „Bordell“. Es ist umgeben von einem Park, an diesen grenzen ein dunkler Wald und ein Nonnenkloster. Die Mädchen arbeiten von früh bis spät. Putzen, bügeln, Tische decken usw. – doch es kommt niemals auch nur ein einziger Gast. Wozu sind sie hier? Das Hotel ist ein Labor, Rafaela, ihre Freundin Alba und die anderen Mädchen sind hier, um sich in ihre zukünftige Rolle als Frau einzuüben.

Wie die Nonnen nebenan unterliegen sie einem Ritual, das vor allem darauf ausgerichtet ist, Körper und Geist der Frauen zu beherrschen. Der in ein märchenhaftes Gewand gekleidete Roman ist hochpolitisch und feministisch. Johanne Lykke Holm beschreibt, wie Mädchen von Anfang an von Müttern, Tanten und anderen Frauen dazu erzogen werden, den Pfad der Tugend nicht zu verlassen. Sie beschreibt auch das Wissen eines jeden Mädchens, dass es einen Mörder hat: „Der Mörder taucht im Laufe des Lebens mit verschiedenen Gesichtern auf. In der Kindheit lebte er wie eine Drohung im Gesicht des Tabakhändlers. … Als ich dreizehn wurde, zog der Mörder in ein neues Gesicht ein. Eines Abends während eines Ferienbesuchs wurde er in den Augen des besten Freundes meines Vaters sichtbar. … Ich wusste, dass der Mörder nie weit war.“ Wie soll sich ein Mensch unter diesen Umständen frei entfalten können? Um die Mädchen zu unterhalten, wird einmal auf der Hotel-bühne ein Theaterstück aufgeführt. Sein Inhalt: „Das hier ist die Geschichte über die Sehnsucht eines jungen Mädchens nach Gewalt und Erniedrigung.“

Die nicht aus der Luft gegriffene Angst vor Gewalt wird umgedeutet zur Sehnsucht – die Frau bettelt darum, miss-braucht oder ermordet zu werden? Der Roman kulminiert an einem Abend, an dem das Hotel ein einziges Mal lebendig wird, ein großes Fest findet statt.  Aus Strega und den umliegenden Dörfern kommen Gäste, der Alkohol fließt in Strömen, Männer werden ekelhaft zudringlich, Cassie muss einen Tanz aufführen. Danach  verschwindet sie. Einige Zeit später finden Rafaela und Alba nach langer Suche Cassies Kleid im Wald. Aus der Furcht wurde Wirklichkeit. Das Geschehnis ist aber auch ein Wendepunkt. Auf der ersten Seite des Romans, der in Rafaelas Kinderzimmer vor ihrer Abreise nach Stresa spielt, ist zu lesen: „Ich wusste, dass sich das Leben einer Frau jederzeit in einen Tatort verwandeln kann.“ Am Ende steht der Satz: „Wir hinterließen alles so, wie wir wollten, dass es vorgefun-den wurde. Wir wussten, dass das Leben eines Mädchens sich jederzeit in einen Tatort verwandeln kann. Das hier war unser Tatort.“

Es geht um Selbstermächtigung, um das Töten der eingeimpften Vorstellungen, darum, dem Mörder die Stirn zu bieten. Den Spieß umzudrehen, wie Dorothee Elmiger in ihrem Nachwort schreibt. Johanne Lykke Holm, geb. 1987, lässt mit ihren sehr sinnlichen Beschreibungen (vor allem die Vielfalt, mit der sie Gerüche beschreibt, ist beeindruckend) eine märchenhafte Welt entstehen, in der sich jedoch eine weibliche Realität ereignet, die hart und brutal ist. Die Autorin verwebt klassische Elemente des Märchens, wie Brunnen, Kräutergarten, glitzernde Objekte, Gesichter hinter Spiegeln und mehr, mit knallharten Fakten, beispielsweise einer Aufzählung von Femiziden. Diese Diskrepanz zwischen Form und Inhalt ist außer-gewöhnlich und macht den Roman zu einem aufrüttelnden Leseerlebnis. Erschienen ist der Roman im jungen AKI-Verlag, der einmal im Jahr, im Herbst, fünf bis sechs Bücher veröffentlicht und dessen Augenmerk besonders auf einer „experimentellen, mutigen und eigenen Sprache“ der Autorinnen ruht. Der Verlag legt viel Wert auf die Gestaltung der Bücher, so entsteht für jedes Cover eigens ein Gemälde, für das sich eine Malerin oder Fotografin von dem Buch inspirieren ließ!

 

Petra Lohrmann

 

Johanne Lykke Holm: Strega, Aus dem Schwedischen von Hanna Granz, Mit einem Nachwort von Dorothee Elmiger, Covermotiv von Ida Sonder Thorhauge, Covergestaltung von Naomi Baldauf, Aki-Verlag, 2022, 102 Seiten, (Originalausgabae 2020)