von: Simone Klein
17. April 2016
Kommentar

„Pfingstrosenrot“

Zwischen Verwurzelung, Wandlung und westlicher Wertebildung auf dem Balkan

© Diogenes Verlag

„‘Morgen pflanzen wir eine Pfingstrose’“ ist der vorletzte Satz, den Ljubinka Valetić von ihrem Mann Miloš hört. Danach gibt es für sie keinen Schutz mehr, nicht einmal mehr im eigenen Haus. Und obwohl von Anfang an Klarheit darüber herrscht, dass es sich um Mord an serbischen Rückkehrern in die Republik Kosovo handelt, so wenig Anhaltspunkte existieren dafür, dass tatsächlich ermittelt wird. Stattdessen nimmt Milena Lukin, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Kriminalistik und Kriminologie Belgrad, die Fährte auf. Zu der getöteten Frau hatte ihr Onkel vor Jahrzehnten eine Liaison gepflegt. Ihre Recherchen starten in Serbien im Kreise der Hinterbliebenen und führen sie bald über die Landesgrenzen hinaus, in das Dorf Talinovac in Kosovo-Albanien, wo ihr die eigene Nationalität zum Verhängnis wird. Doch taugt ein ethnischer Konflikt als Motiv für einen Mord? Und wer trägt tatsächlich die Verantwortung am Tod des Ehepaares?

Bereits das literarische Aufgreifen des Konflikts zwischen Kosovo-Albanern und Serben in der heutigen Zeit wirkt überraschend, denn die zivilisatorischen Nachwehen des Jugoslawienkrieges, einschließlich des innenpolitisch nach wie vor bestehenden Konflikts, erscheinen im deutschsprachigen Rezeptionskreis nur bedingt zugänglich. In Verbindung mit der thematischen Umsetzung eines ungeklärten Kriminalfalles im Kosovo wird der Leser von Anfang an in einen kulturellen Bann gezogen, der ihn gleichzeitig fasziniert und erschaudern lässt. Milieuschilderungen fließen selbstverständlich in die fiktiven Geschehnisse ein und lassen die Charaktere authentisch erscheinen, ethnologische und geographische Szenarien jenseits des literarischen Mainstreams vertraut.

In der Figur der Milena Lukin zeichnet das erfolgreiche Autorenduo Schönemann / Volić eine kosmopolitische Grenzgängerin, die mühelos zwischen geographischen, politischen und soziologischen Grenzen interagiert. Als Dreh- und Angelpunkt fungiert dabei die Familie, während die Protagonistin eigene Interessen zurückstellt, fast schon dementiert. Hektisch und getrieben jagt sie diversen Idealen und Spuren hinterher, um schließlich in einer ernüchternden Realität zu landen.

Milena Lukins zweiter Fall nach „Kornblumenblau“ endet ebenso rasant, wie er beginnt.

„Pfingstrosenrot“ packt von der ersten Seite an und fasziniert ein breites Leserspektrum. Der (Kriminal-)Roman behält Spannung und Tempo bis zur letzten Seite und wird durch einen hohen sprachlichen Anspruch als roter Faden durchzogen. Bleibt zu hoffen, dass „Fall drei“ der Milena Lukin nicht allzu lange auf sich warten lässt. Simone Klein

 

Das Buch: Schünemann, Christian / Volić, Jelena: Pfingstrosenrot. Ein Fall für Milena Lukin. 368 Seiten. Roman. Zürich: Diogenes Verlag, 2016. ISBN 9783257069570. EUR 22.00.

Simone Klein lebt in Baden-Baden und veröffentlichte mehrere Bücher. Besuchen Sie ihre Website hier…


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