von: Petra Lohrmann
24. März 2022

Petra Lohrmannn las: „Mein Name ist Maryte“ von Alvydas Slepikas

Mitteldeutscher Verlag ©

Winter 1946 auf 47 in der Grenzregion zwischen Ostpreußen und Litauen: ein geschundenes Land, durch das sich verzweifelte Menschen bewegen. In östliche Richtung oder in den Westen: überall regieren Hunger und Kälte. Mitten in der Verwüstung: Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder sich alleine auf den Weg machten, um Nahrung zu finden. Von diesen handelt der Roman, der auf Gesprächen und Recherchen zum Thema „Wolfskinder“ beruht, ein Begriff, der erst in den 1990er Jahren geprägt wurde, um jene Gruppe von Menschen zu fassen, deren Leiden jedes vorstellbare Maß überstieg und deren Leid weit über das Ende des Krieges hinaus andauerte. Dem eigentlichen Roman sind zwei kurze Vorsätze voran-gestellt. Zum einen zwei kursiv gedruckte Seiten, die „Sie sagt:“ überschrieben sind. In kurzen Fetzen erinnert sich eine Person an die Vergangenheit, die Erinnerungen tauchen ungeordnet auf, sprechen in wenigen Worten vom Land und den Menschen – alle handeln von der Gewalt, die ungebremst hereingebrochen ist. Dann folgen drei Seiten, die eine kleine Gruppe von Kindern zeigt, die versucht, die gefrorene Memel zu überqueren. Ein Kind ertrinkt in einem Eisloch, entstanden durch eine Granate, die ein Wachsoldat aufs Eis warf. Ein anderes Kind ist schwer verletzt von der Explosion, der Soldat erschießt es. Die restlichen fünf Kinder erreichen das andere Ufer, eines davon ist der sechsjährige Hans – ihm wird der Leser später wieder begegnen. Er lebt vollkommen allein im Wald, er ist einem Tier ähnlicher geworden als er es den Menschen noch ist. Mit diesen beiden Auftakten ist das Thema mehr als klar umrissen. Ausgeführt wird es an zwei Familien, d.h. zwei Frauen und ihren Kindern.

Die Männer sind längst nicht mehr da. Eva, die Mutter von Heinz (1932), Brigitte (1934), Monika (1936), Renate (1939) und Helmut (1940) – die Altersangaben sind wichtig – ist eine gebürtige Berlinerin, die nach Ost-preußen geheiratet hat. Sie ist zu Beginn des Romans unterwegs mit Martha, Mutter von Grete, Albert und Otto, auf dem Weg nach Hause mit den erbeuteten Essensresten, die zwei russische Soldaten auf den Boden hinter der Soldatenkantine gekippt hatten.“Evas Familie haust im Schuppen, in den sie die Neusiedler vertrieben haben – ein verwundeter Offizier und seine Frau. Der Holzschuppen ist jetzt ihr Zuhause.“ Die Freundin Martha wohnt in einem Stall, bis sie in diesem überfallen, misshandelt und fast zu Tode geprügelt wird, um danach hinausgeworfen zu werden. Sie kriecht mit ihren Kindern bei Eva unter, lange überlebt sie die Misshandlung nicht. Bislang ist nur Heinz, der älteste Sohn Evas, nach Litauen gefahren, um dort bei Bauern zu arbeiten. Illegal, in einem Zug versteckt. Er kehrt regelmäßig zurück und bringt in einem Beutel Nahrung für die Familie mit. Diese lindert ganz kurz den permanenten, nagenden Hunger, der die kleine Schar fast zur Verzweiflung treibt. Albert, Marthas Sohn, schließt sich Heinz an, als dieser das nächste Mal nach Litauen fährt.

Sie begegnen hilfsbereiten Menschen und solchen, vor denen sie flüchten müssen. Bei einer solchen Flucht werden die beiden Jungen getrennt, sie werden sich viel später in ihrem Heimatdorf wieder finden. Das ist ein großer Zufall, denn Albert läuft in einer Kolonne von Deutschen, die im Frühjahr 1947 nach Westen getrieben werden. Heinz schließt sich an. Er hat niemanden mehr in seinem Dorf. Heinz kehrte zurück in sein Zuhause – doch dieses war leer. Die Mutter, und alle, die noch dort lebten, waren nach Osten abtransportiert worden, zum Arbeitseinsatz. Die Mädchen? Als erste ist Monika gegangen, dann Brigitte, dann Renate. Jede für sich alleine, bzw wie Heinz und Albert unterwegs getrennt. Die Kinder sind zu diesem Zeitpunkt zwischen zwölf und sieben Jahren alt. Das muss man sich immer wieder vor Augen halten. Den größten Raum nimmt Renate ein. Auch sie wird hin und her geworfen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Zwischen der Möglichkeit zu arbeiten und dafür Essen zu bekommen, oder weggejagt zu werden, oder auch verprügelt zu werden. Einmal hat sie Glück und wird von einem sehr liebevollen jungen Ehepaar aufgenommen. Doch diese beiden werden denunziert – es ist verboten, Deutschen zu helfen – und deportiert. Nach dieser Verschnaufpause zieht Renate weiter.

Man hat ihr eingeschärft, niemals zu sagen, dass sie Deutsche ist, sie soll auf litauisch lediglich sagen: „Mein Name ist Maryté.“ So wird aus Renate Schukat Maryté, ohne Nachnamen. Ohne Familie, ohne Zugehörigkeit, ohne Schutz. Es scheint, als hätte der Autor den Leser mit jeder Hoffnung weckenden Episode auf eine Wendung zum immer noch Schlimmeren vorbereitet. Dadurch erzeugt er vor allem eines: einen ungeheuren Respekt vor diesen Kindern. Sie sind getrieben vom Mut der Verzweifelten, aber auch von einem unglaublichen Lebenswillen. Zum Ende des Buches hin haben sich sämtliche Spuren verloren. Einzig von Renate weiß man, dass sie in der Stadt Kaunas auf der Straße zusammenbricht. Sie ist jetzt acht Jahre alt. Eine gute Seele hebt Renate auf und trägt sie in ihr Haus. Es gibt sehr viele Romane, die vom Krieg und der Nach-kriegszeit handeln, aber nur wenige, die Kinder in den Mittelpunkt stellen. Am Schicksal dieser Kinder wird jedoch überdeutlich, wie grausam jeder Krieg ist, wie zerstörerisch. Der Roman erzählt aber auch von jenen mutigen Menschen, die auch im Krieg ihre Menschlichkeit nicht verloren haben.

 

Petra Lohrmann

 

Alvydas Slepikas: Mein Name ist Maryté, Übersetzt von Markus Roduner, mitteldeutscher Verlag, 2015, 208 Seiten, Taschenbuch: mitteldeutscher Verlag 2018, (Originalausgabe 2012)