von: Petra Lohrmann
29. Juni 2022

Petra Lohrmann las: „Silas Marner, Der Weber von Raveloe“ von George Eliot

© Ars Vivendi

 

Dies ist die Geschichte eines Mannes, der mit Mitte zwanzig alles verliert, was er hat und sein Leben ausmacht. Der in die Fremde geht, dort sehr einsam lebt, sich ausschließlich an seinem selbst verdienten Geld erfreut – bis auch das abhanden kommt. Doch es scheint so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit zu geben. Anstelle des Geldes bekommt er einen Schatz. Das klingt märchenhaft und doch ist der Roman aus dem Jahr 1861 ein Lehrstück des Realismus. Ziel der Autorin war es, in all ihren Romanen, die Menschen so darzustellen wie sie sind, ein Bild ihres Lebens zu zeichnen, das weder die Grobheit noch die Selbstsucht auslässt. Die Autorin: George Eliot kam 1819 als Mary Anne Evans zur Welt. Sie wurde auf dem Land groß, genoss jedoch eine gute Schulbildung. 1841 geriet sie zufällig in das Umfeld des Freidenkers Charles Bray – eine folgenreiche Begegnung. Sie führte zu einer kritischen Betrachtung des Glaubens, den sie schließlich ganz ablegte, und sie führte dazu, dass Mary Evans anfing zu schreiben. Zunächst für eine Zeitschrift, dann übersetzte sie religiöse und philosophische Texte, 1857 erschien ihre erste Erzählung unter dem Namen George Eliot, dieses Pseudonym sollte sie beibehalten. Zwei Jahre später kam ihr erster Roman, „Adam Bede“, heraus.

Die Dichterin führte ein unkonventionelles Leben. Ihre wilde Ehe mit George Lewes war Gegenstand heftigen Tratsches, ihre Abwendung von der Kirche wurde mit Argwohn betrachtet. Und doch: George Eliot wurde zu einer moralischen Instanz der viktorianischen Zeit. Warum? Weil all ihre Texte von einem so tiefen Verständnis des Menschen zeugen, seine schlechten Eigenschaften nicht ausblenden, ihn aber dafür nicht verurteilen. Doch nun zu Silas Marner, dem Weber von Raveloe: „Silas Marner war hoch geachtet gewesen in dieser kleinen, verborgenen Welt, die sich die Kirche vom Lantern Yard nannte; man sah in ihm einen jungen Mann mit beispiel-haftem Lebenswandel und glühendem Glauben; …“ Dies ändert sich schlagartig, als er eines Diebstahls bezichtigt wird, den er nicht begangen hat. Ausgerechnet sein bester Freund sorgt dafür, dass Silas angeklagt wird. Die „Wahrheitsfindung“: „man einigte sich darauf, Gebete zu sprechen und Lose zu ziehen. … Die Lose sprachen Silas Marner schuldig. Er wurde feierlich von der Kirchengemeinschaft suspendiert und aufgerufen, das gestohlene Geld zurückzugeben.“

Dies erschüttert nicht nur seinen Glauben an die Menschen, sondern auch an Gott. Er verlässt die Stadt, geht ins „Exil“. So geschlagen kommt er nach Raveloe. Er richtet sich in einer Hütte bescheiden ein, setzt sich an den Webstuhl und arbeitet. Er ist und bleibt für fünfzehn Jahre der Fremde, um den man einen Bogen macht. Nachdem er eine Frau mit Kräutern geheilt hatte, steht er im Ruf, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Man gibt ihm Aufträge, Arbeit hat er immer genug, aber man reicht ihm nicht die Hand. Silas arbeitet ohne Pause. Er verdient nicht schlecht, sammelt sein Geld in einem Erdloch seiner Hütte. Jeden Abend holt er es heraus, erfreut sich daran – das Geld ist ihm Lebenszweck und Lebensersatz geworden. Parallel zu der Geschichte des Silas erzählt George Eliot die von Dunstan und Godfrey Cass, Söhne des reichsten Mannes Raveloes. Dunstan ist ein Tunichtgut, der das Geld verprasst, Godfrey ist zwar guten Herzens, aber er hat sein Leben ebenfalls nicht ganz im Griff und begibt sich auf fatale Weise in eine Abhängigkeit von seinem Bruder, die ihn nicht ohne Angst leben lässt. Diese Familie gibt Einblick in das Leben der Reichen. Ihre Feste, ihre Sprache, ihre Sorgen, ihre Gier und ihre Art, sich die Welt untertan zu machen. Gegen diese Welt stellt George Eliot die der normalen Bürger, der Handwerker, Bauern, Dienstmädchen und Knechte. Sie gibt deren Art in einer jeweils eigenen Sprache wieder, sie zeichnet Porträts von Menschen in beeindruckend präziser Art, plastisch und eindringlich, lebensecht und ungeschönt. Eines Abends wird das ganze Geld Silas Marners gestohlen. Eine Rückbindung an den vermeintlichen Diebstahl, den er begangen haben soll, ein weiteres Mal ist er das Opfer, ein weiteres Mal verzweifelt er an der Welt. Doch es geschieht ein Wunder: ein kleines Mädchen sucht Schutz in seiner Hütte, bei ihm. Sie ist ein Waisenkind, ihre Mutter wird unweit der Hütte erfroren im Schnee gefunden. Es gibt einen Menschen im Dorf, der weiß, wer der Vater ist. Er bekennt sich nicht zu dem Kind, es bleibt bei Silas. Dieser entwickelt sich zu einem wunderbaren Vater, sein Interesse an Geld ist nun darauf gerichtet, genug zu verdienen, um sich und Eppie zu versorgen. Eppie liebt ihren Vater, wie sie Silas von Anfang an nennt, innig. Er verschweigt ihr nicht ihre Herkunft, doch für sie zählt das, was sie täglich erlebt: seine Liebe. Damit ist er ihr Vater. Sie hat ihm das Leben zurückgegeben und mit ihrem Einzug in die Hütte verändert sich auch die Haltung der Dorfbe-wohner Silas gegenüber. Er bekommt Hilfe, wird Teil der Gemeinschaft. „Wenn du nicht hergesandt worden wärst, um mich zu retten – ich wär bis ins Grab hinein alleingeblieben in meinem Elend. Das Geld ist mir gerade noch rechtzeitig genommen worden; und schau, wie es bewahrt worden ist – bewahrt bis jetzt, wo du es brauchen kannst. Es ist ein Wunder – unser Leben ist voller Wunder“, so Silas zu Eppie.

Das Geld taucht nämlich wieder auf. Stellt aber erneut eine ernste Bedrohung für Silas´ Leben dar. Das weiß Silas noch nicht, als er oben zitierte Worte zu Eppie spricht. Der Roman ist ganz wunderbar konzipiert. George Eliot versteht es, die verschiedenen Ebenen der Zeit, der Gesellschaftsschichten und der Geschehnisse ineinander zu verweben. So ist zum Beispiel kurz vor Eppies Auftauchen erstmals ein Nachbarskind zu Gast bei Silas, es erscheint wie ein Wegbereiter des Wunders. Oder die Darstellung der inneren Kämpfe von Eppies leiblichem Vater: er ist eine eine Figur eines Menschen, der lebenslang unter einem Fehltritt zu leiden hat. George Eliots psychologisch-soziale Romane sind genau in ihrer Zeichnung der Historie und der Menschen. Sie entwickelt einen eigenständigen Stil, beugt sich weder im Schreiben noch im Leben den Konventionen. Der zunehmende Erfolg ebnet ihr den Weg zurück in die Gesellschaft, George Eliot ist eine feste Größe im geistigen Leben Englands, bis zu ihrem Tod 1880.

 

Petra Lohrmann

 

George Eliot: Silas Marner, Der Weber von Raveloe, Übersetzt von Elke Link und Sabine Roth, Mit einem Nachwort von Alexander Pechmann, dtv Taschenbuch, 2019, 240 Seiten, (Originalausgabe 1861) oder im Verlag ars vivendi (Cover)