von: Petra Lohrmann
5. Oktober 2022

Petra Lohrmann las: „Selig & Boggs – Die Erfindung von Hollywood“ von Christine Wunnicke

© Berenberg Verlag

Die Erfindung von Hollywood trug sich tatsächlich in Chicago zu. Diese Stadt im Nordosten der USA, am Michigansee gelegen, hatte 1907 um die zwei Millionen Einwohner, Hollywood in Kalifornien brachte es auf lediglich achthundert. In Chicago gab es über einhundert Kinos, in Hollywood kein einziges. Warum also siedelte sich gerade dort die Filmindustrie an? Die Antwort ist bestechend einfach: weil dort immer die Sonne schien! Das Buch Christine Wunnickes basiert auf Fakten. Die schäumende Phantasie und Fabulierkunst der Autorin kleiden diese in eine feine Geschichte, wie sie sich zugetragen haben könnte. Sie macht aus den handelnden Personen einzigartige Individuen, die lebendig und unverwechselbar durch die Szene marschieren, hüpfen, küssen, auf Wagen gezogen werden … Der Auftakt ist eine häusliche Szene. Senator Lilburn W. Boggs sitzt im Kreis der Familie in der Wohnstube seines Hauses in Missouri.

Es ist der 6. Mai 1842. In diese Idylle feuert jemand einen Schuss durch das Fenster. „An dieser Stelle musste Francis W. Boggs die Aufnahme ab-brechen. Er schrie Stopp und alles hielt an. … alle erstarrten geübt und standen artig wie Puppen, denn wieder war eine Wolke vor die Sonne gezogen über dem Glasdach der Selig Polyscope Lichtspielateliers, und wieder war es zu dunkel zum Drehen, und wieder wollte Mr. Boggs einen Schnitt sparen, an einem typisch durchwachsenen Herbsttag in Chicago im Jahr 1907.“ Francis Boggs ist der Enkel jenes Mannes, auf den das Attentat verübt wurde. Warum er gerade diesen Stoff verfilmt, weiß er selbst nicht so genau, aber immerhin führte dieser Großvater einen Treck in den Westen. In den Adern der Boggs fließt „Pionierblut“, und so wie sein Urgroßvater Kentucky entdeckte, entdeckt Francis Boggs jenen kleinen und unbedeutenden Ort in Kalifornien, der einst die Haupt-stadt des amerikanischen Films werden wird. Chef des Spielleiters Boggs und der Polyscope ist William Selig, geboren 1864.

Er hat die Gabe, Menschen glücklich zu machen. Er fühlt, was sie wollen, wie er das macht, weiß er auch nicht. Über die Hausmeisterbranche, von der er in die „kleine Salonmagie“ und von dort ins Management einer reisenden Minstrel-Show wechselt, gelangt er völlig zufällig in die Welt des Lichtspiels. Eine Kinetoskop-Vorführung führte zur Geburtsstunde seiner Filmproduktionsfirma. Eine Person, die von einer Neben- in eine Hauptrolle hineinwächst, ist der Japaner Frank Minematsu. Er ist still, hat einen grünen Daumen und wechselt irgendwann von Chicago nach Edendale, „transferiert“ von Selig, der Boggs unterstützen möchte. Er selbst, Selig, verharrt noch lange in Chicago, er kann sich nicht entschließen, in dieses Dorf im Westen zu ziehen, das sein Angestellter Boggs gefunden und aufgebaut hat. Erst im Herbst 1911 reist er an. Und ist bezaubert. In die Geschichte eingearbeitet ist der Gründungsmythos der Polyscope. Da wären die Wurstfabrik, über die Upton Sinclair in seinem berühmten Roman „Der Dschungel“ berichtet. Es geht um den Edison-Trust, dessen Patentrechte und „Lizenz-verhau“, mit denen er die ganze Filmbranche unter seine Peitsche zu zwingen versucht.

Man erfährt, wie der Zoo in Los Angeles entstand und wie schnell „die rätselhafte Besiedlung des Ortes Edendale durch die Selig Polyscope … sich in der Branche“ herumgesprochen hatte und weitere Firmen anzog. Außerdem sind jedem Kapitel Zeitungsartikel, Ausschnitte aus Ratgebern für Schauspieler, zeitgenössische Texte über Filme, Leitfaden für Einwanderer, Briefe etc., vorangestellt. Sie sind kurze Einblenden, die die Geschichte, die an vielen Stellen völlig aberwitzig klingt, mit der Realität verzahnen. Der rasante, abwechslungsreiche und überraschende Plot wird durch den unverwechselbaren Stil Christine Wunnickes zu einer Geschichte, die ihresgleichen sucht. Sie führt vor Augen, wie naiv, handgestrickt, einfach, trickreich, verwickelt und gefährlich die Anfänge der heute so ganz anders agierenden Filmindustrie waren. Sie entwirft Charaktere, die so eigenartig, verblüffend und liebenswert sind, man möchte ihnen allen applaudieren. In einer Dreh-Szene wird all dies vor Augen geführt: „`Ich würde auch durchaus recht gern einmal Miles Standish spielen´, sage Bosworth. `Die Sache mit den Römern leuchtet mir ohnehin nicht ganz ein.´ Die Sache mit den Römern leuchtete niemandem ein. Boggs hatte sie ersonnen, weil im ersten Edendale-Rummel ein Pferde- und Indianermangel herrschte und weil sie mit Bettlaken und ein paar abgelegten Theatersäulen schnell zu bewerkstelligen war. Jetzt verstand keiner mehr die Handlung, am wenigsten Boggs selbst. Ein paar Mädchen, die man rasch rekrutiert hatte, tanzten gerade im Hemd und mit Blumenranken vor Persons Kamera. Daisy Mae, die Tragödin, eine Freundin von Bosworth´ Frau, übte derweil im Schatten ihren Suizid. An den erinnerte man sich noch. Nicht an sein Motiv. `Eine Frau hat tagtäglich tausend Gründe, sich umzubringen´, sagte Daisy Mae rätselhaft.“

Rätselhaft sind auch die Gründe, die den höflichen Japaner Minematsu zu einer Waffe greifen lassen, um … Wie es sich gehört, gibt es am Ende dieser Film-Geschichte einen Abspann, in dem die Werdegänge und Schicksale der Figuren aufgeführt werden. Und dann erfährt man noch, wie im Jahr 1928 die Brüll-Szene des Löwen eingespielt wurde. „Noch 1956 brüllte der Löwe Jackie tagaus, tagein, landauf, landab, jedesmal wenn ein Film MGM (Metro Goldwyn Mayer) begann. Aber da war er längst schon gestorben.“ Christine Wunnicke hat mit ihrer Erzählung, wie die Film-industrie von Chicago nach Hollywood kam, den Pionieren Selig & Boggs ein flirrendes Denkmal gesetzt. Besser gesagt, die Herren und diverse Damen, Löwen, Affen und Papageien in einer denkwürdigen, geistreichen und unterhaltsamen Aufführung zum Leben erweckt.

 

Petra Lohrmann

 

Christine Wunnicke: Selig & Boggs – Die Erfindung von Hollywood, Berenberg Verlag, 2021, 144 Seiten, (Erstausgabe 2013)