von: Urs Heinz Aerni
15. August 2022

Petra Lohrmann las: „Mendel Kabakov und das Jahr des Affen“ von Steven Bloom

© Wallstein Verlag

 

„Ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist: was in diesem Land los ist oder in meiner Familie.“ So Eva, die Tochter Mendels und Sonias, deren Tochter Maria ihr Herz an einen verheirateten Mann verloren hat, deren Sohn James in Indien ist und sich nicht meldet und deren Ehe mit Robert soeben in die Brüche gegangen ist. Evas Bruder Sammy, ein Bär von Mann in jeder Hinsicht, wurde von seiner Frau Amy verlassen, seine Tochter Melissa ist ungewollt schwanger, sein Sohn Aaron sitzt nach einer Demonstration in Chicago im Gefängnis.  Unruhige Zeiten, in denen sich alte Gewissheiten auflösen.

Der Fels in der Brandung – auch wenn er sich selbst nicht unbedingt so fühlt – ist Mendel: er ist in diesem Jahr des Affen, 1968, immerhin zweiundachtzig Jahre alt. Und er trauert um Sonia, mit der er fast fünfzig Jahre glücklich verheiratet war. Sonia war der Fixstern der Familie. Eine sehr vernünftige, besonnene Frau, stets überlegt und gerecht, eine echte Menschenfreundin. Sie kam aus sehr gutem Haus, reiche amerikanische Juden, deren Glauben keine Rolle in ihrem Leben spielte. Mrs. Goldman war zuerst nicht allzu begeistert vom Auserwählten ihrer Tochter, denn er hatte keinen finanziellen Hintergrund, aber sie stellte sich der Ehe auch nicht in den Weg. Mendel selbst hat seine Eltern im Alter von sechzehn Jahren verlassen. Er konnte die Strenge und Härte, die auf einem sehr wörtlich verstandenen Glauben seines Vaters beruhte, nicht mehr ertragen. Er arbeitete, um sich die Ausbildung leisten zu können, und brachte es zum Professor für Geschichte. Sonias und Mendels Ehe war von Harmonie geprägt. Unter dieser engen Zusammengehörigkeit der Eltern litt jedoch Sammy, der Sohn.

Er fühlte sich hintenangesetzt, hinter die Schwester Eva und in Mendels Gunst auch hinter Sonia: dass es ihr gut geht, war immer Mendels Haupt-augenmerk. „Zu Hause, sagte er (Sammy), habe ich über Konfliktlösung nicht viel gelernt. Was war euer Geheimnis? Meinst du, ich hätte eine blinde Frau heiraten sollen? – Vermutlich, dachte ich (Mendel). Wenn deine Frau blind ist, möchtest du ihr auf jede dir mögliche Weise helfen. Und sie nimmt diese Hilfe freudig an und fühlt sich nicht herabgesetzt.“ Schon als Mendel und Sonia sich kennen lernten, war Sonia blind. Und diese Tatsache war immer nur ein Grund, dass die beiden noch enger zusammenwuchsen. Und nun das Jahr 1968, in dem nichts mehr ist wie es war. Steven Blooms Roman ist nicht nur ein Familienroman. Er wirft viele Blicke in die Geschichte der Vereinigten Staaten, vor allem die Sklavenhaltung und der immer wieder vorschnelle, bzw vermeidbare Eintritt des Landes in Kriege weltweit sind die Themen, über die er spricht. Da Mendel Historiker ist, sich mit Sonia oder Kollegen unterhält, werden diese Themen in die Romanhandlung eingeflochten, sie erwecken dadurch nicht den Eindruck, hier referiere der Autor über seine politischen Einstellungen. Es fallen viele Namen, Präsidentschaftskandidaten, Vize-kandidaten oder Gouverneure, die einem Europäer nicht unbedingt geläufig sind, aber es ist stets klar, wie kritisch Mendel und vermutlich auch Steve Bloom (geb. 1942 in Brooklyn als Sohn eines polnischen Juden), der viele Jahre in Heidelberg amerikanische Geschichte lehrte, den Mächtigen gegenübersteht.

Auch der Holocaust wird nicht ausgespart, es gibt vermutlich keine jüdische Familie, in der nicht darüber gesprochen wird. Bzw. die Familienmitglieder oder Freunde hat, die davon betroffen waren. Während Eva Vegetarierin und Pazifistin ist, vertritt Sammy eine konservativ-patriotische Haltung. Was den Patriotismus angeht, wird er nur noch von Brewster, einem Kollegen Mendels, übertroffen. Er repräsentiert den stolzen, unbelehrbaren Amerikaner. Die jungen Leute, die Enkel, vertreten die Ideen der neuen Zeit: make love not war, ist ihr Credo. Dazu kommt noch Fritz, ein langjähriger Freund Mendels, der sich mit über siebzig Jahren als homosexuell outet, zuerst nur Mendel gegenüber, dann jedoch engagiert er sich politisch.

So fächert Bloom diverse Charaktere und Einstellungen auf, die ein sehr lebendiges Bild der Gesellschaft ergeben. Er wird nicht müde zu betonen, wie ungerecht diese ist, wie stark die Widersprüche sind, auch im Leben von Personen, die als integer betrachtet werden. Präsident Lincoln wird hier als Beispiel angeführt: „Die Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten resultierte nicht aus der Überzeugung, dass Negern dieselben Rechte zustanden wie Weißen, sondern war lediglich eine unbeabsichtigte Folge des Krieges um den Erhalt der Union. Und da der nicht aus moralischen Gründen geführt worden war, erlaubten Nordstaaten-Weiße Südstaaten-Weißen schon bald, Neger abermals auszubeuten und zu terrorisieren. … Brewster war keine Besonderheit. Dass so viele Indianer getötet und von ihrem angestammten Land vertrieben worden waren, erfüllte die meisten Amerikaner ebenso wenig mit Scham für ihre Geschichte wie die Sklaverei.

Amerikaner sahen sich auch nicht gern als `Imperialisten´. Dieser schändliche Begriff war für andere reserviert.“ Die Übersetzerin Silvia Morawetz hat durchgängig das Wort `Neger´verwendet, da der Roman im Jahr 1968 spielt, ist das konsequent. Es zieht sich noch eine Linie durch das Buch: die Beleuchtung von Begriffen wie Liebe, Treue, Verantwortung, Verzeihen können, oder, was soll ein Vater fühlen, generell oder in bestimmten Situationen? Außerdem immer wieder die Frage nach den Menschenrechten, die man nicht mit Kriegen durchsetzen kann – Mendel ist ebenfalls überzeugter Pazifist. „Es ist jedoch an der Zeit, dass wir aufhören, uns unser Verhalten von Angst diktieren zu lassen. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, andere so zu behandeln, wie wir selbst nicht behandelt werden wollen“, schreibt Mendel in einem Artikel, den er verfasst, um seinen Freud Fritz zu unterstützen. Mendels und Sonias glückliche Ehe verdankt sich übrigens nicht zuletzt der Fähigkeit, das Leben mit Ironie zu betrachten und hier und da Schwierigkeiten mit einem Witz zu begegnen…

Petra Lohrmann

 

Steven Bloom: „Mendel Kabakov und das Jahr des Affen“, Übersetzt von Silvia Morawetz, Wallstein Verlag, 2019, 208 Seiten