von: Petra Lohrmann
12. September 2022

Petra Lohrmann las: „Liebe ist gewaltig“ von Claudia Schumacher

© dtv

Hinter der sorgsam gepflegten Fassade der ehrenwerten Familie Ehre verbirgt sich die Hölle. Die Eltern sind Anwälte, man verkehrt mit den richtigen und  wichtigen Leuten, lebt im reichsten Vorort Stuttgarts, die vier Kinder sollen parieren und funktionieren – dafür setzt der Vater massive Gewalt ein, vor der auch die Mutter nicht verschont bleibt. Erzählt wird dieses Drama in drei Akten von der Jüngsten, Juli. Der erste Teil spielt im Jahr 2007, die „seelisch zer-schmetterte“ Juli ist siebzehn. Sie wurde zur Kur geschickt, weil sie sich ritzt, Selbstmordgedanken hat. Leider fragt niemand gründlich nach, woher ihr Leid kommt. Wegen Falschverhalten wird sie rausgeschmissen und landet wieder in ihrem Elend. Dieses beschreibt sie zusammenfassend und in Anlehnung an E.A. Poes Geschichte Der Untergang des Hauses Usher so: „Alles, was es für den Grusel braucht, sind wenige und sehr einsame Menschen mit einem massiven Dachschaden, die im selben, viel zu großen und kalten Haus leben. Und das sind wir. Familie Ehre. Wohnhaft im geerbten Familienanwesen in der Richard-Wagner-Straße 7.“

Claudia Schumacher schreibt im unverblümten und ungestelzten Tonfall einer Frau, die auf ihre Kindheit und Jugend mit dem Wissen und den Erfahrungen einer knapp Dreißigjährigen zurückschaut und von ihren Erinnerungen immer wieder voll getroffen wird. Sie schreibt über die Demütigungen, die schlimmer waren als die physischen Schmerzen. Über die Höchstleistungen, die zu erbringen Juli verdammt war, und was passierte, wenn es ihr nicht gelang. Darüber, dass es kein Vergnügen war, das momentane Lieblingskind des Vaters zu sein, das erhöhte den Druck noch einmal. Über die tödliche Eifersucht ihres Vaters auf eine kleine Maus, die Juli pflegte. Darüber, dass die Mutter keine Verantwortung für ihr Handeln übernahm, sich selbst als Opfer inszenierte und von ihren Kindern Trost erwartete, wenn es einmal sie selbst erwischt hatte. Und darüber hinaus: „Sie lieferte uns ans Messer, immer und immer wieder. Sie hat nicht nur darin versagt, uns zu beschützen: Sie hat Papa geholfen, uns kaputt zu machen.“ Wichtig war für die Mutter, dass niemand etwas erfährt: „Aber was Papa gemacht hat, erzählst zu keinem, gell? Alles ist gut, mein Schatz, und morgen vergessen“. Vergessen sein wird niemals irgendetwas. Juli ringt auch als Erwachsene noch um die Deutungshoheit ihres Lebens, ihrer Person und Persönlichkeit. Nach der Zeit im Elternhaus, der sich der erste Teil des Romans widmet, springt die Ich-Erzählerin ins Jahr 2014. Sie lebt nun in Berlin, promoviert in Mathematik (ihre Rechenkünste waren einst eine der Paradedisziplinen gewesen, mit denen sie beim Vater punkten konnte), sie ist finanziell unabhängig, weil sie als Profigamerin gutes Geld verdient. Sie hat diverse schräge Beziehungen hinter sich, war für eine kurze Zeit sehr glücklich mit Sanyu, einer Feministin, die ihr Leben selbst in die Hand genommen hat.

Doch alles fällt in sich zusammen, ihr 25. Geburtstag endet in einer Katastrophe und mit einer Anzeige wegen Körperverletzung. „Meine sorgsame Selbstzerstörung unter Ausschluss der Sonne führte sukzessive in die Hölle, die ich mit einer Punktlandung an meinem Geburtstag erreichte. … Also rannte ich panisch in die entgegengesetzte Richtung, auf morgendliche Joggingrunden folgten grüne Smoothies. …  Den Schmerz und das beschissene Körpergefühl hatte ich verdient. Das kleine Mädchen, das sich früher Kleiderbügel ins Bett gelegt hatte, frohlockte und hoffte auf einen günstigen Vertragsabschluss mit dem Kosmos: Ich werde ein perfekter Mensch, diesmal wirklich – wenn du, Vater unser, den Kelch an mir vorüberziehen lässt.“ Der Kelch, die Anzeige, zog nicht an ihr vorüber, „Papa“ boxte sie raus. Jener Mann, der standhaft behauptet: „Ich habe euch nichts getan, gar nichts, nie!“ Für eine Weile scheint es zu klappen mit der Perfektion.

Der dritte Part des Buches spielt in Zürich, wo Julia (so ihr neuer, erwachsener Name) mit Thilo, einem sehr erfolgsorientierten Mann, zusammenlebt. Sie hat alles abgestreift, was sie ausmachte, ist zu einer Barbiepuppe aus dem Wohnkatalog geworden, macht nun alles richtig. Das kann nur eine gewisse Zeit funktionieren. Dann implodiert diese Farce, die auch nur Fassade war. Der Roman ist unheimlich intensiv. Claudia Schumacher beschreibt mit psychologischem Feingefühl und sprachlicher Wucht chronologisch die Entwicklung ihrer Heldin, auch die ihrer Geschwister und die Beziehungen, die diese untereinander haben. Da rückblickend erzählt wird, verwebt sie Reflexionen und Erinnerungen. Juli(a) schaut auf sich selbst als Kind und Jugendliche, sieht ganz klar, was passiert ist, versucht das Erlebte einzuordnen, versteht immer besser, wo die Wurzeln liegen und welche Wege all die Erinnerungen genommen haben, bis ihr klar wird: „Dabei es es simpel: In dieser Familie geht es nur um Macht. Hat der Sohn Erfolg, sucht Papa den Schulterschluss mit der Tochter. Alle messen sich an allen, die einen verbünden sich gegen die anderen, besonders Papa, der immer Koalitionen schmieden muss, sobald ihm einer zu mächtig wird. Der Mann ist ein sadistischer Narzisst, der Leistung einfordert wie der Drill Sergeant, aber erbringst du sie, wird er wütend und stellt dir ein Bein.“

Der Roman erzählt eine Familiengeschichte, und er ist eine genaue Analyse, wie Macht strukturiert ist, gewonnen und erhalten wird. Und er ist die Beschreibung eines Versuchs, die Wahrheit herauszufinden. Nicht im metaphysischen Sinne, sondern ganz konkret: „Was waren das für Bilder in meinem Kopf? Ein Traum – oder die Wahrheit? Hatte mein Unter-bewusstsein das fehlende Puzzleteil zur Erinnerung geliefert?“ Sich ihrer Vergangenheit zu bemächtigen ist eine Lebens-aufgabe für Juli. Zu lesen, woraus ihre Vergangenheit, ihr Leben, besteht, ist manchmal kaum auszuhalten, so brutal ist es. Erträglich wird es durch die Sprache, die Claudia Schumacher für ihr erstaunliches Debüt gefunden hat.

 

Petra Lohrmann

 

Claudia Schumacher: Liebe ist gewaltig, dtv Hardcover, 2022, 376 Seiten