von: Petra Lohrmann
28. November 2021

Petra Lohrmann las „Kreisläufe“ von Andrea Scrima

© Droschl Verlag

„Wenn wir nur die Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und dann beinah gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.“ Dieser unglaublich gute, ehrliche, authentische und bewegende Roman begibt sich auf die Suche nach der Vergangenheit. Er spielt in New York und in Berlin, Protagonistin ist die Künstlerin und Ich-Erzählerin Felice, geboren 1960. Felice wächst in New York auf.

Hals über Kopf verlässt sie ihr Elternhaus, da ist sie gerade zwanzig. Sie hat einen Freud, teilt sich die Bleibe mit einer Kommilitonin, studiert Kunst und sucht nach der Freiheit. Das East Village der 1980er Jahre ist ein großes Labor, das sie jedoch nach nur vier Jahren wieder verlässt, um weiterzuziehen nach Berlin. Dort kommt sie 1984 an.  Die Stadt ist „eine ganz eigene Variante von Nirgendwo“, sie passt perfekt zu Felices „Schwebezustand“. Der erste Satz des Romans lautet: „Es reichte nicht, von Zuhause auszuziehen: Ich musste auch noch das Land verlassen, um mich weit genug von ihr zu entfernen.“ Diejenige, von der sie sich nicht weit genug entfernen kann, ist ihre Mutter. Eine Frau, in der ein großer Zorn brodelt, der sich regelmäßig auf die Kinder entlädt. Es hagelt Schläge, es fliegen Gegenstände, die kleine Lillie hätte sie einmal fast erwürgt.

Die Kinder leben in „ununterbrochener Angst“, sie hat sich unauslöschlich in deren „Körper eingeschrieben.“ Im ersten Teil des Romans tastet Felice den Spuren nach, die ihre Mutter in ihr hinterließ. Der aktuelle Anlass dafür ist eine Reise nach New York Anfang der 2000er Jahre, Felice hat dort eine wichtige Ausstellung und wohnt für eine kurze Zeit wieder im alten Zuhause. Sofort tauchen Erinnerungen in ihr auf, die sie in „Büchsen“ abgelagert hatte. Neben diesen persönlichen Erinnerungen charakterisiert die Autorin die Städte New York und vor allem Berlin. Das Verhältnis der BRD zur DDR, Mauerfall und Wieder-vereinigung sind weitere Themen, auf die Andrea Scrima prägnant eingeht. Viel Raum nimmt auch die Beziehung zu Felices Lebens-partner Micha ein. Dieser wurde in der DDR groß, verbrachte drei Jahre in einem Jugendgefängnis, wurde mit achtzehn nach Westberlin abgeschoben. Diese Zeit, das, was ihm dort angetan wurde, prägt sein ganzes Leben. Bei Felice ist es die Gewalt der Mutter, bei Micha die des Staates, die beide in einer Art innerem Bunker aus Angst leben lässt.

Mühsam ist es, den anderen zu verstehen, schwierig ist auch, dass immer wieder eine neue „Büchse“ geöffnet wird, aus der traumatische Erinnerungen strömen. Der zweite Teil des Romans setzt den Schwerpunkt auf den Vater. Nach dessen Tod am Tag des Mauerfalls nimmt Felice die Tagebücher des Vaters an sich. Viele Jahre später, da ist sie bereits von Micha getrennt und lebt mit dem gemeinsamen Sohn Max in einer eigenen Wohnung in Berlin, fängt sie an, diese Journale zu lesen. Sie möchte den Vater kennenlernen, seine Familie, sie möchte erfahren, woher sie selbst kommt. Sie sucht nach dem, was er in ihr hinterlassen hat, stellt Ähnlichkeiten fest. Auch er hatte einmal Künstler werden wollen, vielleicht hat sie ihre Depressionen von ihm geerbt. Sie erkennt das Unglück, das in ihm lebte, wundert sich über die Auslassungen in seinen Büchern. So notiert er beispielsweise den Benzinpreis, nicht aber, dass Felice ein Theaterstück geschrieben und aufgeführt hat. Felice arbeitet sich durch „Schichten des Gewesenen und Nichtgewesenen“, sie spiegelt eigene Erinnerungen in denen ihres Vaters. Sie lässt die LeserInnen aber auch an ihrer Gegenwart teilhaben, zeichnet mit Max eine durchweg positive Figur.

Der Junge hat ein „Urvertrauen in das Leben“, das für sie ein großes Glück, ein Wunder ist. Die, wie ihre Heldin, 1960 in New York geborene, seit 1984 in Berlin lebende Autorin und Künstlerin Andrea Scrima versteht es, ein aus vielen vielen Fäden dicht gewebtes Bild einer Frau zu erschaffen, die am Ende erkennt, „wie jede Generation blindlings und unbewusst einem Auftrag unterworfen ist, die Fehler und Schmerzen der Generation vor ihr zu korrigieren, um die Schäden der Zeit wiedergut-zumachen.“ Die Vergangenheit hinter sich bringen, um glücklich zu sein – das ist ein lebenslanges Unterfangen, bedarf das Öffnen vieler Büchsen. Andrea Scrima notiert Felices Gedanken Schlaufe für Schlaufe, Episode für Episode. Rückblicke, Reflexionen, Träume und Albträume, verschiedene Menschen setzt sie zueinander in Beziehung und lässt ihre Heldin langsam das geheimnisvolle Gewebe der Vergangenheit enträtseln. Diese Bewegungen zu verfolgen, sich an Andrea Scrimas Präzision und ihrer psychologischen Tiefenschärfe zu erfreuen, ihre mutige Heldin zu begleiten, machen die Lektüre in jeder Hinsicht zum Gewinn.

 

Petra Lohrmann

 

Andrea Scrima: Kreisläufe, Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christian von der Goltz und Andrea Scrima, Literaturverlag Droschl, 2021, 320 Seiten