von: Petra Lohrmann
24. September 2021

Petra Lohrmann las: „Kramp“ von Maria José Ferrada

© Berenberg Verlag

„Als wir einmal mit der Schule ins Zeltlager fuhren und nachts den Sternenhimmel betrachteten, erklärte ich meinen Klassenkameraden, die gerade versuchten, sich mithilfe des Kreuzes des Südens zurechtzufinden, dass das, was da oben leuchtete, keine Sterne seien, sondern Drei-Zoll-Heft-zwecken, an denen der Große Zimmer-mann alles vom Himmel herabhängen lasse. Auch uns. Damit will ich sagen, dass jeder Mensch sich die Funktionsweise der Welt mit dem erklärt, was er gerade zur Hand hat. Und meine hatte ich, im Alter von sieben Jahren, ausgestreckt und einen Kramp-Katalog zu fassen bekommen.“ Kramp, das sind Werkzeuge, Schrauben und Muttern, Qualitätsprodukte, die in Eisenwarenläden verkauft werden. In und zwischen diesen Geschäften bewegt sich M., die Ich-Erzählerin mit ihrem Vater, dem reisenden Handelsvertreter D., ab dem Alter von sieben Jahren.

Hier beginnt das, was sie ihre „Parallelerziehung“ nennt. Sie begleitet ihn auf seinen Touren, übernimmt eine wichtige Rolle als Verkaufshilfe, die sie durch scharfe Beobachtungen und gezielt eingesetzte Blicke perfektioniert. „Ich verkaufte nicht, ich praktizierte vielmehr eine raffinierte Mentalgymnastik. Was hervorragend funktionierte. Die Verkäufer, die auch nur Menschen waren, fanden ihre eigene Schwäche in mir wieder und wurden unvorsichtig.“ Das wunderbare, Mitte der 1980er Jahre in Chile spielende Vater-Tochter-Roadmovie, ist aus der Perspektive des Kindes erzählt. M. berichtet aus ihrem aufregenden Alltag, denn welch ein Kind geht schon in diesem Alter als Partner des Chefs einer Berufstätigkeit nach, für die es sogar eine Provision in Form von Geschenken ausgehandelt hat? Und mit dem Vater nach jedem Geschäft als Zeichen der Verbundenheit eine Zigarette raucht? M. schildert Begegnungen in Cafés, den „Feldlagern“ der Vertreter, die Erlebnisse mit Ladenbesitzern, die Vergnügun-gen zwischen den Arbeitsstunden wie Eis essen oder Kinobesuche. Sie beschreibt auch, wie die Mutter ausgetrickst werden kann, schließlich würde sie diese Tätigkeit nicht gutheißen. Da die Mutter jedoch in ihrer eigenen Welt lebt und wenig Anteil an der normalen nimmt, ist dies nicht allzu kompliziert.

Alles läuft also rund, bis sich eine Schraube in diesem Gesamtgetriebe löst. Auch das hatte M. gelernt: „Eine einzige Schraube, die nicht ordentlich festsitzt, kann das Ende der Welt herbeiführen“. Ein Ereignis, das mit der Geschichte Chiles aufs Engste verknüpft ist, weckt die Mutter plötzlich auf. Nicht nur das, es stellt auch das ganze Lebens M.s und das ihres Vaters auf den Kopf. Ausgelöst wurde es durch den Filmvorführer und Fotografen E., der mit seiner Kamera auf „Gespensterjagd“ geht. Als E. dem Mädchen zum ersten Mal seine Kamera zeigte, wusste er noch nicht, „dass auch er wenige Monate später ein Gespenst sein würde. Die Städte waren damals von von Gespenstern.“ In diesem leichtfüßigen Ton ist der ganze Roman erzählt.

Doch schon die kurzen Zitate zeigen, wie viel Raum die Autorin Maria José Ferrada, geboren 1977 in Chile, zwischen den Zeilen lässt. Wie nah die Gespenster den Menschen kommen, wie groß die Zahl der Parallelwelten oder „Mehrwelten“, wie M. sie auch nennt, ist. Sie lernt auf ihren Reisen so viele Paralleluniversen kennen, ist selbst Teil davon, erlebt ihre Mutter in einem solchen, wie kann da eine Welt zusammengehalten werden, ohne die Hilfe des Großen Zimmermanns, der alles an seinen Platz hängt? Doch nicht einmal Kramp-Produkte halten ewig…

Mit vierzehn nimmt M. endgültig Abschied von ihrer Kindheit. Mit einer Mischung aus Gleichmut und Wehmut stellt sie fest: „Die Dinge liefen nach einem Mechanismus ab, den wir nicht aufhalten konnten.“ Der Roman wurde von Peter Kultzen brillant übersetzt. Er trifft den kindlichen Ton, der an keiner Stelle ins kindische abgleitet, sehr genau und überträgt die Gedanken und das Lebensgefühl des Mädchens auf eine Weise ins Deutsche, dass das Lesen des Romans die pure Freude ist.

 

Petra Lohrmann

 

Maria José Ferrada: Kramp , Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Kultzen, Berenberg Verlag, 2021, 132 Seiten, (Originalausgabe 2017)