von: Petra Lohrmann
5. Juni 2022

Petra Lohrmann las: „Kasperl, Kummerl, Jud – Eine Lebensgeschichte“ von Otto Tausig

Mandelbaum Verlag ©

„Ich habe Glück gehabt in diesem Leben. Wie oft könnte ich schon tot sein! Hitler, Krieg und Herzinfarkt, und immer bin ich noch da, 83 Jahre alt und erzähle mein Leben.“ Und was für ein Leben das war. Beileibe kein gewöhnliches, und Otto Tausig erzählt es auf unnachahmliche Weise. Jede Tragik – und davon gab es, wie schon in obigem Zitat erwähnt, jede Menge – verwandelt er in etwas, das ihn lernen und reifen ließ, das sein Leben nach vorne brachte. Er verfügt über einen unerschütterlichen Humor, ohne diesen hätte er leicht den Lebensmut verlieren können. Geboren wurde er 1922 in Wien. Anlässlich des 100. Geburts-tages hat der Mandelbaum Verlag seine Lebensgeschichte wieder aufgelegt. Versehen mit sehr vielen Abbildungen, Fotos von Aufführungen oder privaten Treffen, Theater-plakaten, aber auch amtlichen Schreiben, wie zum Beispiel den Brief der „Creditanstalt“, in dem mitgeteilt wird, dass das von den Nazis konfiszierte Vermögen seiner Großmutter nicht zurückerstattet wird. Monatelang kämpfte Otto Tausig und konnte schließlich erreichen, dass die Bank 400.000 Schilling an die Evangelische Flüchtlingshilfe übergab. Mit diesem Geld eröffnete er ein Kinderheim, benannt nach seiner Großmutter Laura Gatner. Doch ich greife vor, dieses ist das letzte Kapitel eines übervollen Lebens. Es stand ganz im Zeichen der tätigen Hilfe für Benachteiligte in aller Welt.

Otto Tausig spendete einen Großteil seines nun sehr guten Einkommens, trieb auch viele Spenden ein, er resümiert: „Wenn dann die Kinder ihre bunten nationalen Gerichte kochen und auftischen und in ihren verschiedenen Sprachen beten und Dank sagen, kann man sich kurz zurücklehnen mit dem Gefühl, dass man doch nicht ganz umsonst da war auf der Erde.“ Otto Tausigs Ziel war es schon immer, Schauspieler zu werden. Er stand gerne im Mittelpunkt, produzierte sich, war der „Klassenkasperl“. Bereits mit 13 Jahren machte er heimlich eine Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule. Er wurde abgelehnt, bekam den Rat, es mit 16 noch einmal zu probieren. Jedoch: „War es dafür mit 13 noch zu früh, war es dann mit 16 zu spät, weil in der Zwischenzeit Hitler nach Wien gekommen war.“ So lapidar drückt er aus, dass ihm als Juden damit jeder Weg versperrt war. Die Mutter schaffte es, ihn mit dem Kindertransport im Januar 1939 nach England bringen zu lassen. Dort begann das selbständige Leben des Sechzehnjährigen, der an verschiedenen Orten wohnte und arbeitete, bis er schließlich interniert wurde. Das Lager war seine Universität: „Das Lager war für mich nicht nur eine Schule des Theaters und der Schuhmacherei. Ich studierte dort vor allem diejenige Weltanschauung, die für mein weiteres Leben entscheidend sein sollte – den Marxismus“. Er wurde Mitglied der Kommunistischen Partei. Sein ganzes Leben setzt der Schauspieler für die Bekämpfung der Armut und Ungerechtigkeit ein, für die Bildung des Volkes, für einen menschlichen Sozialismus. Dies tat er, wo immer er lebte. Das war ab 1946 wieder Wien. Unter Otto Tausig und einigen unerschütterlichen Mitstreitern entstand ab 1948 das „Neue Theater in der Scala“, ein Ort der Kunst und Bildung. An diesen wollte man Zuschauer locken, die bisher nie ins Theater gegangen waren. Dem von Regierungsseite sogenannten „Kommunistenpuff“ wurde jedoch nach langer Schikane die Konzession entzogen, es musste schließen. Für alle kommunistisch orientierten Künstler wurde es fast unmöglich, noch ein Engagement zu finden. Für Otto Tausig und seine Frau Lilly Schmuck, ebenfalls eine Schauspielerin, begann 1956 ein „zweites Exil“ in Ostberlin, wo die Arbeitsbedingungen sehr gut waren, die Einmischung und das Kunstverständnis der SED auf Dauer aber nicht zu tolerieren.

Über Stationen in Westdeutschland und der Schweiz kehrte das Ehepaar erst nach 14 Jahren wieder nach Wien zurück. Tausig bekam ein Engagement am Burgtheater, das ist der Ritterschlag für Schauspieler. Es war „für mich beglückend, nach so vielen Jahren auf diesen Brettern stehen zu dürfen und mit so wunderbaren Schauspielern und einigen der bedeutendsten Regisseure arbeiten zu können. Und doch wollte ich nach wie vor mehr: mit dem Theater die Welt verändern. Wenigstens ein bisschen.“ Er gründete eine Amnesty International-Gruppe, die verfolgten Schauspielern und Regisseuren half, er begab sich mit einer „mobilen Bühne“, dem „GemeindeHOFtheater“, in dem die Scala noch einmal auflebte, in die Wiener Arbeiter-bezirke, um dort zu spielen. Und das ist nicht alles. Im Alleingang verhinderte er durch eine Gleisblockade des Steyr-Werks in Wien-Simmering in einer Aktion, die so mutig wie naiv war, den Export von 56 Panzern an die argentinische Militärjunta im Jahr 1981.

Diese Geschichte ist nicht nur verblüffend, sie ist unterhaltsam und gut erzählt wie das ganze Buch, das zu lesen ein einziges Vergnügen ist. Sie zeigt konzentriert einen Künstler, der keineswegs im Elfenbeinturm lebt, der mit Worten und mit Taten für eine bessere Welt kämpft, sich mit Leib und Seele einmischt. Und der auch in einer brenzligen Situation nicht seinen Humor verliert: „Eine Lokomotive kam und wollte ins Werktor einfahren, um die Waggons mit den Panzern abzuholen. Ich stellte mich breitbeinig aufs Geleise und versperrte der Lokomotive den Weg, wobei mir klar war, dass Burt Lancaster in dieser Pose vermutlich überzeugender aussehen würde als ich mit meiner Brille und leichten Plattfüßen.“ Nach seiner Pensionierung am Burgtheater 1983 nahm er Engagements an Theatern und beim Film an. Diese führten ihn in viele Länder der Welt, u.a. nach Indien. „Das Elend in Indien hat mein Leben verändert.“ Von da an, ab Ende der 1980er, arbeitete er mit dem Entwicklungshilfe-Klub in Wien zusammen. Otto Tausig, der am 10. Oktober 2011 in Wien verstarb, sprach seine Lebensgeschichte auf Tonband. Inge Fasan hat „mit unendlicher Geduld mein unsägliches Gequatsche vom Tonband auf den Computer übertragen“, so Tausig in seinem Vorwort. Inge Fasan sei gedankt, dass sie ihn überzeugen konnte, dieses „Gequatsche“ so zu lassen, wie er es gesagt hat, sie meinte „es sei lebendiger“. Es ist ein wunderbar lebendiges Buch, der Schauspieler ist nicht zuletzt ein Sprachmagier, der es versteht, seine LeserInnen zu unterhalten, zu fesseln, ihnen Tragik auf komische Weise zu kredenzen, sie in einem guten Sinne zu belehren und ihnen einen, seinen, ganz persönlichen Blick auf 80 Jahre österreichische und europäische Geschichte zu gewähren.

Als Schauspieler und als Mensch ist Otto Tausig Vorbild für viele, und auch wenn er den Applaus und die Aufmerksam-keit liebt, ist er doch beeindruckend uneitel. Zum Schluss erzählt er eine Anekdote, mit der auch ich enden möchte: „In einem Briefwechsel mit Leo Tolstoi witzelte Bernard Shaw angeblich so lange über Gott und die Welt, bis der ernste Tolstoi ärgerlich sagte: Ich weiß gar nicht, warum Sie die Welt eigentlich verändern wollen, wenn sie für Sie nichts weiter ist als ein Witz Gottes. – Shaw antwortete: Warum soll man nicht versuchen, aus einem schlechten Witz einen guten zu machen? Und das, meine ich, ist doch eine lohnende Aufgabe für einen Komiker.“

 

Petra Lohrmann

 

Otto Tausig: Kasperl, Kummerl, Jud – Eine Lebensgeschichte, aufgezeichnet von Inge Fasan, mandelbaum verlag, 2022, 197 Seiten, (Originalausgabe 2003)