von: Petra Lohrmann
25. Juli 2022

Petra Lohrmann las: „Eine Nebensache“ von Adania Shibli

© Berenberg Verlag

Dieser schmale Roman nimmt den Atem, schnürt Kehle und Herz ein. Er verknüpft zwei Ereignisse, die Jahrzehnte auseinanderliegen, er beschreibt zwei Mal die Handlungen weniger Tage, die in einer zufälligen Verbindung miteinander stehen. Dass diese Verbindung existiert, zeigt, wie tragisch wenig sich Strukturen in Jahrzehnten verändern. Der Roman besteht aus zwei Teilen. Der erste spielt im August 1949 an der Südgrenze Israels in der Negev-Wüste. Ein Kommandant befiehlt und überwacht den Aufbau eines Militärlagers an der neuen Grenzlinie zu Ägypten. Zwei Hütten eines arabischen Dorfes sind alles, „was nach dem intensiven Beschuss zu Beginn des Krieges von dem Ort übrig geblieben war.“ Um diese werden Zelte gruppiert. Der Fokus ist völlig auf „ihn“ gerichtet. Es gibt keine Dialoge, keine inneren Monologe, dieser Teil besteht vollständig aus Beschreibungen. Und das in einer ganz sachlichen Sprache. Doch diese ist so intensiv, genau, nur scheinbar emotionslos, dass sich das Buch regelrecht in den Kopf des Lesers brennt. Ob es sich um die Beschreibung der Landschaft, der Körperhygiene des Kommandanten oder die Tätigkeiten der Soldaten handelt, jedes einzelne Wort in diesem Roman hat enormes Gewicht.

Am 12. August trifft die Patrouille auf eine Gruppe Araber mit ihren Kamelen. Ein Hund ist dabei und ein Mädchen. „Es folgte das Geräusch von heftigem Gewehrfeuer.“ Hund und Mädchen überleben, sie werden ins Lager gebracht. Sie kommt in eine der Hütten, der Kommandant verbietet den Soldaten, sich ihr zu nähern. Abends gibt es ein Festessen und patriotische Reden als Abrundung des gelungenen Tages. Später lässt „er“ das frisch mit Seife und Benzin (wegen der Läuse) gereinigte Mädchen in seine Hütte bringen. „Er legte ihr wieder die rechte Hand auf den Mund und presste ihn fest zu. Und während das Bett quietschte und der Hund draußen heulte, schoben sich die kühlen Strahlen des Morgenlichts langsam in alle Ecken des Raumes.“ Als er den Geruch nicht mehr erträgt, lässt er sie in ihre Hütte zurückbringen. Er fährt für ein paar Stunden weg, bei seiner Rückkehr „entfernten sich mehrere Soldaten von der zweiten Hütte und zerstreuten sich. Ein weiterer Soldat kam aus der Hütte, schloss die unbewachte Tür hinter sich und knöpfte sich beim Laufen hastig die Hose zu.“ Diesen „Vorfall“ bezahlt das Mädchen mit ihrem Leben.

Der Kommandant lässt sie am Morgen des 13. August 1949 in der Wüste erschießen. Den Vergewaltigern geschieht erwartungsgemäß nichts. Von diesem Vorkommnis liest Jahrzehnte später eine junge Palästinenserin in einer Zeitung. Ein israelischer Journalist schrieb einen Artikel darüber. Sie ist fasziniert von dem Detail, dass die Ermordung des Mädchens exakt 25 Jahre vor ihrer Geburt stattfand. Alleine diese Tatsache verbindet sie so eng mit der Beduinin, dass sie ein Auto mietet und in das Gebiet fährt, in dem sie den Mord vermutet. Sie möchte etwas über das Mädchen herausfinden, die Geschichte aus ihrer Perspektive schildern. Dieser zweite Teil ist in der Ich-Form erzählt. Auch diese junge Frau bleibt namenlos, auch hier ist der Ton ein beschreibender, aber ein sehr persönlicher. Sie berichtet von ihren Schwächen und Ängsten, die jedoch erkennbar in der politischen Situation in Israel und Palästina begründet sind. Ausführlich geht die Autorin, die 1974 in Palästina geboren wurde und heute dort und in Deutschland lebt, auf die Wege und Straßen, die Landschaft, die Checkpints, die Reste von Dörfern, neue Siedlungen, die Enge oder Verlassenheit von verschiedenen Orten ein. So genau, dass man den Weg vermutlich nachfahren könnte, so genau, wie man die Körperwaschungen des Kommandanten hätte nachvollzie-hen können. Diese Genauigkeit ist einer der Kunstgriffe, die Adania Shibli perfekt beherrscht, um die Intensität ihrer Erzählung immer noch weiter zu steigern, und die Günther Orth trefflich übersetzt hat. Es gibt die beiden Teile verbindende Elemente wie Hunde und ihr Gebell, Kamele, Benzingeruch, Soldaten – sie verzahnen die Geschichte des Mädchens aus dem Jahr 1949 mit der der jungen Frau von heute und geben ihr etwas Zeitloses, um nicht zu sagen grausam Ewiges. Moderne Wachposten, lange Mauern um militärische Anlagen, das Gefühl ständiger Beobachtung, israelische Siedlungen, wo früher arabische Dörfer waren, sind neu.

Die Bedrohung ist nicht neu. Schließlich begegnet sie einer alten Frau, der sie auf einem schmalen Pfad folgt. Vielleicht weiß diese noch etwas von dem Vorfall im August 1949? Sie kommt an einen Ort, der bis ins Wort hinein der Beschreibung der Szenerie von damals gleicht, sie meint, einen Mädchenkopf wahrzunehmen – was ist hier noch real? Real ist die Durchmilitarisierung Israels, bis auf den heutigen Tag. Am Ende spielt ein schlichter Gegenstand eine Rolle, schlichter könnte er gar nicht sein: ein Kaugummi.

Petra Lohrmann

Adania Shibli: Eine Nebensache, Aus dem Arabischen von Günther Orth, Berenberg Verlag, 2022, 118 Seiten, (Originalausgabe 2017)