von: Petra Lohrmann
6. Januar 2021

Petra Lohrmann las: „Der Eiskönig aus dem Bleniothal“ von Anne Cuneo

© Bilger Verlag

Carlo Gatti, der Eiskönig, ist eine historische Person. Er kommt 1817 im Bleniotal, Tessin, zur Welt. 1878 stirbt er in Bellinzona nach einem Sturz – nach vielen Jahren in Paris und London hatte er sich in die Heimat zurückziehen wollen. Anne Cuneo stützt sich in ihrem Roman auf die Fakten, hat gründlich recherchiert. Doch: um Carlo Gatti ranken sich schon zu Lebzeiten Legenden. Aus diesen beiden Quellen speist sich der Roman. „Ich schreib also die Legende Carlo Gattis. Eine der möglichen Legenden.“ Anne Cuneo hatte die wunderbare Idee, Carlos Geschichte aus der Sicht des Pflegesohnes Nicola bzw Nick zu erzählen. Carlo findet den kleinen und schmächtigen Jungen auf der Straße. Er ist hungrig und verstört, sei Name sei „Boy“, sagt der Kleine, dessen Alter auf ca. sechs geschätzt wird. Man erfährt, dass sein Vater schon seit Jahren tot ist, die Mutter vor kurzem bei einem Unfall ums Leben kam, und das Kind nun sich selbst überlassen ist. Carlo nimmt ihn mit. Der Junge ist nicht der erste „streunende Hund“, den er nach Hause bringt.

Die Armut und Chancenlosigkeit der Kinder kann er nicht ertragen. Schnell beschließt er, dass Nicola (an diesen Namen erinnert sich der Junge ganz dunkel, also behält man ihn bei) bei der Familie Gatti bleibt, die sowieso aus einer unübersichtlichen Menge von Kindern, Tanten, Cousins und Angestellten besteht. Wer ist dieser Italienisch oder Tessiner Dialekt sprechende Zio (Onkel) Carlo? „Carlo Gatti. Der Chef,“ antwortet Agostino, ein Neffe Carlos. „Der Chef von was? – Er stellt Schokolade her. Und er ist der Chef des Café Gatti am Markt von Hungerford, und einigen kleineren Cafés anderswo. Wusstest du nicht, dass du bei einem Kuchenbäcker und Gastwirt gelandet bist?“ Gatti verlässt sein Heimatdorf Marogno im Alter von zwölf Jahren.

Zu Fuß läuft er nach Paris, wo sein Vater und der ältere Bruder einen Maronihandel, später Gemüsehandel, betrieben. In Paris verbringt Carlo achtzehn Jahre. Er verkauft Maroni und Waffeln. Er saugt die Stadt in sich auf. Geht mit offenen Augen durch die Boulevards, lernt die Cafés kennen und die Menschen. Und beschließt, nach London zu gehen und sich dort selbständig zu machen. Er fängt klein an, mit einem Café. Doch so, wie er es einrichtet und betreibt, ist es ein völliges Novum. Bisher gab es schmuddelige Pubs oder elitäre Clubs, Gattis Kaffeehaus ist ein schicklicher Ort, der auch von Frauen besucht werden kann, wo gute Patisserie angeboten wird – und Eis zu vernünftigem Preis. Dieses Eis wird zum Verkaufsschlager. Und als er es schafft, sein Eis auch außerhalb anzubieten, kann er kaum so viel produzieren, wie er verkaufen könnte. Seine Idee war, Eis so zu verkaufen, wie bisher Maroni: auf kleinen Wagen, er musste „nur“ das Feuer gegen Kühlung austauschen. Dieses Speiseeis bildet die Grundlage seiner Geschäfte. Es kommen Restaurants hinzu, Music Halls, Theater.

Was diesen Mann, der in der Familie lange als Taugenichts galt, auszeichnet, ist ein unglaubliches Gespür für das, was die Menschen möchten. Und das gibt er ihnen. Er ist ein exzellenter Geschäftsmann mit Mut, Risiko-bereitschaft und auch Sinn für den großen Auftritt. Mit seinen Gasthäusern verändert er das gesellschaftliche Leben in London. Stets an technischem Fortschritt interessiert, ist Gatti offen für alle Neuerungen. Er kann die Londoner Gastwirte und Lebensmittelhändler von der Nützlichkeit des Eises überzeugen. So baut er einen Handel mit Eis aus Norwegen auf, den er schließlich vom Abbau über den Transport bis zur Lagerung und zum Verkauf in London beherrscht. Damit schafft er den wirtschaftlichen Durchbruch. Was ist aus Nick geworden? Man stellt schnell fest, dass er eine unglaubliche Begabung hat für Zahlen und Mathematik. Außerdem hat er ein fotografisches Gedächtnis, d.h., einmal etwas gelesen, bleibt es in seiner Erinnerung haften. Er wird dem Kassierer zur Seite gestellt, da kann er selbst noch nicht einmal schreiben. Das lernt er in der Sonntags-schule. Der Junge fällt auf, wird empfohlen und kann eine Schule für begabte, aber mittellose Kinder besuchen, das Christ´s Hospital. Anschließend studiert er in Zürich Bau- und Maschinenbauwesen, mit einundzwanzig hat er zwei Diplome in der Tasche und ist bestens vorbereitet auf die neue Zeit. Wann immer es ihm möglich ist, arbeitet er bei Gatti mit, später übernimmt er die Elektrifizierung eines großen Cafés.

Das ist die absolute Sensation in London. Nick hatte ein Riesenglück, dass er gerade von Carlo Gatti aufgelesen wurde – dessen ist er sich immer bewusst. Und so willigt er ein, die Biographie seines Ziehvaters zu schreiben, als dieser ihn darum bittet. Anne Cuneo ist so tief eingetaucht in die Zeit des von großen Veränderungen geprägten 19. Jahrhunderts, sie zeichnet ein so dichtes Bild der Gesellschaft mit Vertretern aller Schichten, Menschen jeden Alters, geborenen Londonern und solchen, die dazu werden, sie bietet eine solche Fülle an Informationen – man hat als Leser den Eindruck, mit am Tisch zu sitzen. Die Schilderung der Umstände, in denen Nick lebte, erinnern an das London Charles Dickens´. Wie dieser beschreibt Cuneo die Ängste des Kindes und die Gefahren, denen es ausgesetzt ist sehr präzise und mit großer Empathie. Da sie keinen Erzähler wählt, der die Geschichte von außen betrachtet, sondern einen, der mitten drin steht, kann sie Gatti durch die Augen des Kindes und jungen Mannes beschreiben. Gleichzeitig geht der Blick durch den Filter der Jahre, Nick schreibt im Rückblick das auf, was Carlo ihm berichtete, vermischt mit dem, was er selbst erlebte. Das ergibt ein dichtes Geflecht: Gatti als Privatperson, Familienmensch, als Arbeitgeber, als Förderer vieler Menschen, als Geschäftsmann und Visionär. Seinem Ziehsohn gibt er sein großes Verantwortungs-bewusstsein mit: Nick liest seinen späteren Diener buchstäblich von der Straße auf, engagiert sich für Benachteiligte, gründet eine Sonntagsschule. Auch ihm kommt an diversen Stellen das Glück entgegen – das lässt ihn nicht abheben, sondern dankbar sein.

War Carlo Gatti in vieler Hinsicht noch ein „Rohdiamant“, entwickelt sich Nicola zum geschliffenen Gentleman. Der Leser nimmt an dieser Entwicklung teil und erfährt sehr viel über die Zeitgeschichte und Lebensumstände. Dieser Roman ist in jeder Hinsicht ein Genuss, zumal er sich trotz der Fülle an Informationen leicht und flüssig liest.

Petra Lohrmann

Das Buch: Anne Cuneo: Der Eiskönig aus dem Bleniotal, Übersetzt von Erich Liebi, Bilgerverlag, 2017, 326 Seiten, (Französische Originalausgabe 2014)