von: Petra Lohrmann
18. Februar 2021

Petra Lohrmann las: „Der Charme von Marokko“ von Sofia Yablonska

© Kupido Verlag

Sofia Yablonska ist eine außergewöhnliche Frau. Sie wurde 1907 bei Lwiw (Lemberg) in der Westukraine geboren, damals Hauptstadt des Königreiches Galizien. Die Kämpfe um Unabhängigkeit der Ukraine mögen ebenso zu ihrer Sensibilität für Fragen der Herkunft und Zugehörigkeit beigetragen haben, wie die Versuche ihres Vaters, im Russischen Reich Fuß zu fassen. Ohne Erfolg, 1921 kehrte die Familie nach mehreren Jahren zurück nach Lwiw, zu diesem Zeitpunkt Teil der Polnischen Republik. Im Alter von zwanzig zog sie nach Paris. Sie übte sich als Schauspielerin, fing an zu schreiben, lernte ukrainische Studenten und Exilanten kennen.

Erste Texte wurden veröffentlicht. Sie lernte Menschen kennen, die sie bestärkten, sich weiterhin dem Schreiben zu widmen. Und sie ließ sich vom Reisefieber der 1920er Jahre anstecken, dem nicht nur Abenteuerlust, sondern auch die Idee der Selbstentfaltung durch Entdeckung des Neuen zugrunde lag. Anfang des Jahres 1929 macht sie sich von Paris aus für drei Monate auf den Weg nach Marokko. Ihr Travelogue erschien erstmals im selben Jahr, später in diversen Varianten, in denen dann auch einige ihrer Foto-grafien abgedruckt wurden. In dem nun neu übersetzten und herausgegebenen Band ist eine große Anzahl der Fotos zu bewundern, die Sofia Yablonska auf ihrer Reise machte. Sie ergänzen und erweitern ihre Texte, fangen Stimmungen und Gesichter ein, zeigen aber auch Hafenanlagen, Kamele in einer Oase oder arbeitende Kinder.

Das Erscheinungsbild des Buches aus dem Kupido Verlag ist nicht hoch genug zu loben. Hier stimmt alles, angefangen bei dem schönen glatten Papier, der Fadenheftung, über die Ausgestaltung mit Vignetten, bis hin zu den Vorsatz-papieren mit ornamentalem Muster, die die Kapitel voneinander abgrenzen. Nun aber nach Marokko! „Der Zug rollt der Sonne entgegen! Auf den blauen Himmel zu! Nach Süden! Ta-tam, Ta-tam, Ta-tam! Nach Süden!“ – so euphorisch beginnt die Fahrt nach Marseille, von dort wird Yablonska übersetzten nach Marokko. Ihr Herz schlägt im Takt der Eisenbahn, sie wirft sich mit Haut und Haar in die Reise.

Eine junge Frau, die sich alleine auf den Weg macht, die das Geld für die Reise selbst verdient hat. Die mit offenen Augen reist, sich von den üblichen Touristen abgrenzt, die etwas erfahren will. In Marrakesch erfasst sie ein Schwindel, der nichts anderes bedeutet, als dass die Welt sich nun um sie dreht. Sie baut sich ein Strohdach, um vor der Sonne geschützt von ganz oben auf die Stadt schauen zu können. Doch bald begibt sie sich mitten hinein, auf die Straßen und Plätze, wird von einem Rausch erfasst. Die LeserInnen können sich an den plastischen Beschrei-bungen all dessen erfreuen, was sie wahrnimmt. Heiler, Magier, Feuerschlucker, Schlangenfresser, Geschich-tenerzähler, die „wundervolle plastische Tänze“ aus Worten und Gesten aufführen – sie selbst baut aus Worten eine exotische Welt auf.

Weitreichender als dies ist jedoch ihre Herangehensweise, die sich sehr von der kolonialen Attitüde eines Franzosen, der sie manchmal begleitet, unterscheidet. Sofia Yablonska schaut nicht mit dem Blick eines Vertreters der Hochkultur auf eine zurückgebliebene Gesellschaft von Naiven, sie nimmt die feinen Strömungen wahr, die Schönheit, die Großzügigkeit, die Gastfreundschaft, die nicht berechnend ist. Sie erhält Zugang zum Harem eines Mannes, den sie im Schach besiegt hat und lernt dort eine anderen Frauen und auch europäischen Männern verborgene Welt kennen. Später begegnet sie Aischa, einer Nachbarin, die von ihren komplizierten Liebesbeziehungen erzählt – ein Gegen-gewicht zu der im Harem spielenden Episode.

Sofia Yablonska unternimmt auch eine abenteuerliche Reise in die Sahara, mit einem 15 PS starken Fiat, und einem Freund, der diesen Wagen fährt. Bis er einen Sonnenstich erleidet und Sofia das Steuer des im Sand versunkenen Autos übernehmen muss. Während Nomaden mit ihren Gewehren nicht weit vorüber ziehen, sie befinden sich im aufständischen Gebiet… Die beiden entkommen, Yablonskas Resümee: „Die Sonne wurde rot vor Wut, weil wir sie überlistet hatten, rutschte von ihrem Thron und zog sich beschämt hinter die Berge zurück, wir nahmen Kurs auf Agadir und spotteten über mögliche Gefahren.“ Yablonska vereint Neugier, Mut und Unvoreingenommenheit in sich.

Sie verfügt über großes sprachliches Geschick, versteht es, zu fesseln und zu überraschen. Sie versteht es, Menschen und Situationen einzufangen, und auch ihre Naturschilderungen sind faszinierend. Doch bei all der Bereitschaft, dem Neuen betrachtend und nicht wertend gegenüberzutreten, ist sie nicht unkritisch. So bei einem Gespräch mit dem Kaid über Frauen und die Liebe. Als er ihr Fatma, ein elfjähriges Mädchen, schenken möchte, insistiert Yablonska, diese zu fragen, ob sie mit ihr weggehen will. Menschen sind keine verschenkbaren Aufmerksamkeiten. Dieser ersten längeren Reise wird eine zehnjährige Weltreise folgen, auch diese eingefangen in sogenannten Travelogues. In diesen späteren Texten arbeitet sie deutlicher heraus, was in ihrem Buch über Marokko angelegt ist: die Fragen der kulturellen Identität, der Zugehörigkeit, der Selbst-bestimmung. Sofia Yablonska verstarb 1971 bei einem Autounfall in Frankreich, wo sie nach langen Jahren in Asien mit ihrem Mann und drei Söhnen lebte.

Petra Lohrmann

 

Sofia Yablonska: Der Charme von Marokko, Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Mit einem Nachwort von Olena Haleta, Kupido Literaturverlag, 2020, 136 Seiten, (Originalausgabe in Buchform 1932)