von: Petra Lohrmann
3. Juli 2022

Petra Lohrmann las: „Als hätte jemals ein Vogel verlangt, dass man ihm ein Haus baut“ von Marie Malcovati

© Edition Nautilus

Dieser Roman führt von einem süd-deutschen Dorf an den Polarkreis. Drei Frauen suchen gemeinsam nach dem verschwundenen Tahvo Fährmann, Finne mit deutschem Vater, Fotograf, Aussteiger, schweigsamer Eigenbrötler und auch mit über siebzig noch ein anziehender Mann. Gekonnt entfaltet Marie Malcovati die Lebensgeschich-ten ihrer Protagonisten, die sich plötzlich ineinander haken, in einem spannenden Pageturner. Der Roman beginnt mit der Ankunft der hochschwangeren Iona in Luchsberg. Sie steht vor Tahvos Haus, klopft und ruft, als niemand öffnet, wirft sie eine Scheibe ein und geht hinein. Niemand ist da. Die Nachbarin Tine, Ende dreißig, hört von ihrer achtjähri-gen Adoptivtochter Clara, dass eine Frau im Haus sei, die Tahvos Kleider trüge. Tine, Tahvos Geliebte, schaut nach. „`Was machen Sie in Tahvos Haus? Woher kennen Sie ihn?´ – `Ich kenne ihn nicht´, sagte Iona. `Ich bin seine Tochter.´“ Sie gibt offen zu, nur gekommen zu sein, weil sie Geld braucht.

Aufgewachsen ist Iona in Berlin bei ihrer Mutter Susanne, einer Ärztin, die vor einigen Jahren an ihrer Alkoholsucht verstarb. Daraufhin gab Iona ihr Medizin-studium auf, zog nach London und verdiente ihr Geld mit diversen Jobs. Nun hat sie den Vater ihres Kindes verlassen, alleine und ohne Geld kam sie nach Süddeutschland. Zu jener Adresse, die sie in einem Notizbuch ihrer Mutter gefunden hatte, nicht ahnend, „dass sie sie jemals brauchen würde.“ Durch Rückblenden und Erinnerungen Tines und Ionas, sowie durch deren Gespräche, ergibt sich nach und nach ein Bild der beiden Frauen. Zentral dabei das Thema Familie und Mutterschaft. Ionas kompliziertes Verhältnis zu ihrer Mutter Susanne, ihre ungewollte Schwangerschaft, Tines Verzweif-lung darüber, nie ein Kind bekommen zu haben, die immer wieder vertauschten Mutter-Tochter-Rollen, gescheiterte Beziehungen und damit begrabene Hoffnungen, die über-geordneten Themen Verrat, Verantwortung, Vertrauen und Freundschaft, all diese Aspekte durchdenkt und beschreibt Marie Malcovati in und mit ihren Figuren. Zu Iona und Tine tritt noch Karolin hinzu. Sie ist die Wirtin des „Löwen“, der einzigen Gastwirtschaft am Ort, die sie von ihren Eltern übernommen hat. Eine Operation beendete ihre Karriere als Sängerin, noch bevor sie richtig begann. Studiert hatte sie in Berlin, war eine Zeitlang die „beste Freundin“ Susannes gewesen und auch sie war in den 1970er Jahren eine Geliebte Tahvos. Und sie hat vor vielen vielen Jahren durch einen Unfall ihren kleinen Sohn verloren. In diese drei Stränge ist Tahvos Geschichte hineingewebt, zusammengetragen aus wenigen Bemerkungen, denn niemand weiß viel über diesen Mann.

Durch den ständigen Wechsel zwischen den Figuren, das Pendeln zwischen Gegenwart, Vergangenheit und verschie-denen Orten, durch Andeutungen, die später erst verstanden werden, entsteht ein vielfältiger Roman, der einen Sog entwickelt – am liebsten möchte man ihn an einem Stück lesen. Er kulminiert in der langen Reise mit dem Auto nach Finnland. Mehrere Tage verbringen Iona, Karolin und Tine auf engstem Raum, sie teilen sich die Kabine auf der Fähre, später ein Zimmer in einer Feriensiedlung, in der sie Tahvo vermuten. Es war einmal ein Ort für Aussteiger gewesen, Tahvo ihr Anführer, bis er von heute auf morgen die Gruppe verließ. In dieser finnischen „Hölle“ aus Eis, Schnee und Kälte begegnen die Frauen im konkreten Sinne Leben und Tod. „Tine wurde seltsam ruhig. Hier und jetzt, mit ihren tauben Armen und Beinen, die nichts mehr wollten, als endlich der Schwerkraft nachzugeben, spürte sie etwas, das sie über-raschte. Sie spürte, dass sie absolut nicht sterben wollte, nicht jetzt und nicht so. Sie wollte leben, sogar wenn es kein anderes Leben war als ihr eigenes. Sie war überrascht von der Klarheit dieses Gedankens, während alles andere um sie herum zu verschwimmen begann.“ Und dann begann Karolin zu singen…“

Ein erzählerisches Band, das die Frauen verbindet, sind Vögel. Sie tauchen in unterschiedlichen Situationen auf, transportieren verschiedene Stimmungen, Wünsche, auch Hass, am Ende des Romans Hoffnung. Marie Malcovati, geboren 1982, veröffentlichte 2016 ihren Debütroman „Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“, ebenfalls in der Edition Nautilus. Die vielseitige Autorin schreibt Drehbücher, Radiofeatures, Romane und Kurzgeschichten. Mit ihrem neuen Buch ist ihr ein weiterer bildstarker Roman gelungen, der Film dazu entsteht mühelos im Kopf der LeserInnen.

 

Petra Lohrmann

 

Marie Malcovati:, Als hätte jemals ein Vogel verlangt, dass man ihm ein Haus baut, Edition Nautilus, 2022, 224 Seiten, Originalausgabe