von: Simone Klein
23. September 2016
Kommentar

Nie Fisch und noch nicht Fleisch – Eine westschweizerische Autorentochter schreibt sich frei

Simone Klein las das Buch "Um im Februar zu sterben" von Anne-Lise Grobéty...
Edition pudelundpinscher

© Edition pudelundpinscher

Neuchâtel zu Beginn der siebziger Jahre: Aude ist 18 und steht wenige Monate vor ihrer Matura, als sie Gabrielle zum ersten Mal begegnet. Die Protagonistin stammt aus gutbürgerlichen Verhältnissen, in den denen sich der Vater hochemotional der Schriftstellerei widmet, die Mutter – deutlich weniger gefühlvoll, der Familie. Aude kämpft gegen diverse Herausforderungen des Erwachsenwerdens und verkörpert aus heutiger Sicht eine hochsensible Person mit ausgeprägter Sozialphobie. Während sie den Kontakt zu Gleichaltrigen scheut, begehrt sie gegen Autoritäten, respektive Eltern und Lehrer, massiv auf. Den damaligen Verhältnissen weit voraus, lässt der Vater die Tochter bei einem Psychologen vorstellig werden, den Aude jedoch verachtet und keinesfalls als hilfreich erlebt. Innere Konflikte fordern ihr im Alltag immense Kräfte ab, über die das auffallend schlanke junge Mädchen nicht verfügt. Inmitten eines Schwächeanfalls trifft sie auf die beinahe doppelt so alte Gabrielle. Es entwickelt sich eine ungleiche Beziehung zwischen der angehenden Studentin und der lebenserfahrenen Frau, die beide unterschiedlich bewerten und die von Audes Vater nicht geduldet wird, bevor sie schließlich zerbricht.

Mit der Beschreibung einer Antiheldin, deren Focus ausschließlich um die eigene Wahrnehmung kreist, knüpft die Autorin Anne-Lise Grobéty an eine traditionell erwachsene Adoleszenzliteratur an, die bei Goethes „Werther“ beginnt, die Krise eines bürgerlichen Subjekts in nordeuropäischen und anglo-amerikanischen Sprachraum durchläuft und sich schließlich in einer aufbegehrenden Jugendliteratur diverser Kulturkreise der achtziger Jahre etabliert. Die Protagonistin kämpft nicht, sondern rebelliert bestenfalls gegen Konventionen innerhalb der eigenen Familie. Es sind keine politischen Querelen, denen sie sich widersetzt, sondern die aufkeimende Sexualität, die sie nicht einzuschätzen weiß. Neben den Gefühlen für einen männlichen Studienkollegen wächst in Aude eine Faszination für die körperlich und intellektuell deutlich reifere Gabrielle, wobei deren Präferenzen im Dunkeln bleiben. Aude beschreibt ihre Emotionen rückwirkend mit den Worten: „Gabrielle […] du warst meine Art, Leben zu lernen, und es ist wichtig, dass man leben lernt, wichtig, dass man lachen lernt, oder nicht?“.

Einfühlsam und mit makelloser Brillanz zeichnet Grobéty eine heranwachsende Figur, die ihr sehr vertraut zu sein scheint. Deren Rebellion gegen das Establishment schreibt sie sich zwar nicht auf die Fahne, bringt sie jedoch buchstäblich in den Aufbau der Erzählung mit ein. Die Protagonistin verliert sich im Alltag und taucht regelmäßig in ihren ganz persönlichen Rahmen ab – die Autorin arbeitet mit einem individuellen, teilweise gewöhnungsbedürftigen Gefüge aus Drucksatz, Sprache und Syntax.

Entstanden ist bereits in den frühen siebziger Jahren ein sensibles semantisches Kunstwerk, das Jahrzehnte nach seiner Ersterscheinung auf Französisch den Weg in den deutschsprachigen Buchmarkt gefunden hat. Aus ihm strahlt zeitlose Schönheit, die Freunde des psychologischen (Frauen-)Romans nachhaltig begeistert.

 

Bibliografie: Grobéty, Anne-Lise: Um im Februar zu sterben. Aus dem Französischen von Andreas Grosz. Mit Fotografien von Eric Bachmann und einem Interview von Ilse Heim. Wädenswil: Edition pudelundpinscher, 2016. ISBN: 978-3-906061-08-5.

Simone Klein ist publizierte mehrere Bücher, stammt aus Frankfurt und lebt heute in Baden-Baden. Besuchen Sie Simone Klein auf ihrer Website hier…


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *