von: Selina Luchsinger
3. November 2014

Mimis Geheimnis

Auf Einladung von Berg.Link lesen Sie hier eine sogenannte Weihnachtsgeschichte für Erwachsene von Selina Luchsinger.

© Barbara Luchsinger - Buchcover

Karin kickte gelangweilt mit den Fersen an die Gartenmauer, auf der sie nun schon seit Ewigkeiten hockte. Wann würden denn die neuen Nachbarn endlich auftauchen? Ihre Mutter, die über die Aktivitäten in der Nachbarschaft immer bestens im Bilde war, hatte ihr erzählt, dass heute im Nachbarhaus eine Familie mit einer Tochter einziehen würde. Ob diese aber auch so alt sei wie sie, das wusste die Mutter nicht. Karin hopste schon ganz kribbelig auf der Mauer herum. Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Und wenn dann das neue Nachbarsmädchen noch ein Baby war – eine Erstklässlerin gar – ja, dann hatte sich die ganze Warterei noch nicht mal gelohnt. Es war Herbstferienbeginn und Karin war es langweilig. Ihre Freundinnen waren mit ihren Eltern nach Mallorca gefahren oder gar nach Ägypten. Nur sie mussten hier bleiben, weil der Vater keine Ferien machen konnte. Da war eine neue Nachbarin eine willkommene Abwechslung. Wenn sie nur endlich käme! Es war bald Mittag und niemand zu sehen weit und breit.

Gerade wollte Karin aufgeben und von der Mauer springen, da hörte sie ein Motorengeräusch näher kommen. Und tatsächlich hielt ein Kleinlaster vor der Haustüre nebenan. Die Vordertüren öffneten sich, zwei Zügelmänner stiegen aus und hinterher purzelte ein Mädchen mit Jeans, knallrotem Pulli und den lustigsten Haaren, die Karin jemals gesehen hatte. In wilden rotbraunen Kringeln standen sie auf alle Seiten von ihrem Kopf ab. ‚Sie sieht wie dieser Pumuckel aus’, dachte Karin und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dieses nahm das Mädchen, das sich neugierig umgeschaut hatte, zum Anlass, um sich vor Karin hin zu stellen. „Hoi, ich bin Mimi, und ich ziehe hier ein“, sagte sie keck, um gleich hinterher zu schieben, „wohnst du hier nebenan?“ Karin nickte. Ihr Grinsen wurde noch breiter. Mimi hatte ein kugelrundes Gesicht mit einer Stupsnase, die über und über mit Märzenflecken übersät war, grüne Augen wie Murmeln, ja, und sogar ihr Mund war rund. Sie sah hinreißend lustig aus. „Ich bin Karin“, stellte sich Karin vor, „und ich gehe in die erste Bezirksschule. Und du?“ Die grünen Augen blickten ehrfürchtig. „In die Bez. will ich auch. Ich will nämlich Ärztin werden.“ Mimi schaute auf die Spitzen ihrer roten Sneaker. „Aber ich gehe erst in die vierte Klasse.“

Unterdessen hielt ein schwarzer BMW vor dem Nachbarshaus, aus dem ein stattlicher Mann und eine feingliedrige Frau mit dunklem Teint ausstiegen. Die Frau rief etwas in einer andern Sprache und Mimi sagte: „Ich muss jetzt gehen; beim Einräumen helfen. Aber ich komme dich später besuchen, ok?“ „Ja, sicher!“, sagte Karin, und war ein bisschen über sich selbst überrascht. Sie freute sich darauf, Mimi wieder zu sehen. Ihr Bruder Stefan war schließlich auch ein Viertklässler, aber mit dem unterhielt sie sich nicht gerade gerne. Naja, er war ja auch ein Junge – zudem hatte sie ja sonst nichts vor.

Mimi tauchte dann auch tatsächlich am späteren Nachmittag auf; gerade als Karin mit der Mutter und Stefan eine Runde Monopoly spielte. Die Mutter stellte Tee und Guetsli auf den Tisch und forderte Mimi auf, zu erzählen, woher sie kamen und warum sie hier seien. „Also, wir haben vorher in Baden gewohnt, aber da haben wir kein Haus gefunden. Und meine Mutter wollte eben immer einen Garten haben“, erklärte Mimi. „Ja, und dann konnte mein Vater das Haus hier an der Ringstrasse kaufen. Zuerst wollte ich nicht weg von Baden wegen der Schulfreunde, aber jetzt finde ichs schon noch cool in Bremgarten, mit dem Haus und so.“ „Was für eine Sprache sprichst du denn mit deiner Mutter?“, wollte Karin wissen. „Spanisch“, erklärte Mimi. „Sie kommt eben von der Dominikanischen Republik und sie ist vor zehn Jahren wegen meinem Vater hierher gekommen.“ „Spricht sie denn Deutsch?“, fragte die Mutter. „Ein bisschen schon, aber sie geniert sich immer, weil sie so viele Fehler macht.“ Mimi lächelte entschuldigend, und dann fragte sie ganz ernst: „Frau Keller, haben Sie die Guetsli selber gebacken?“ Die Mutter lachte schallend. „Ja, warum?“ „Die sind super! Sie müssen mir unbedingt zeigen, wie Sie die machen.“ Jetzt staunten die drei Kellers nicht schlecht. „Backst du gerne?“, fragte Karin. „Ja, sehr gerne, und Kochen auch“, sagte Mimi ganz selbstverständlich. „Oho“, sage die Mutter zu Karin, „da kannst du ja von deiner neuen Nachbarin etwas lernen! Meine Tochter kann nämlich nur Spiegeleier braten und Spaghetti kochen“, sagte sie zu Mimi gewandt. Karin schnaubte, erhob sich und fragte Mimi: „Willst du mein Zimmer sehen?“ Diese nickte zustimmend und folgte ihr in den zweiten Stock hinauf.

Die zwei Wochen Herbstferien vergingen schnell. Und Karin musste es zugeben – hauptsächlich wegen des neuen Nachbarsmädchens. Mimi war so begeisterungsfähig, dass sogar die Dinge, die Karin bis jetzt immer eher als öde betrachtet hatte, spannend wurden. Zudem hatte Mimi immer so lustige Ideen. So buken sie effektiv die Orangenguetsli unter Mutter Kellers Anweisungen nach, worauf Mimi vorschlug, diese in selbst gefertigte Schachteln zu verpacken und an die Nachbarn zu verkaufen. „Und mit eurem selbst verdienten Geld könnt ihr ja dann nach Schinznach baden gehen“, schlug die Mutter vor. So machten sie es. Jede verkaufte fünf Schachteln, für die jede insgesamt 25 Franken erhielt. Zudem stellte Karin fest, dass Mimi auch gerne las; dieselben Bücher wie sie. Alle von Federica de Cesco und auch sämtliche Harry Potter-Bände hatte sie bereits gelesen. Zudem standen sie beide auf Krimis. So beschlossen sie eines Tages, aus einem Krimi ein Hörspiel zu machen. Dieses beschäftigte sie tagelang und sie hatten ein Riesengaudi dabei. Was Karin komisch vorkam, war, dass Mimi sie nie zu sich nach Hause einlud. Sie wollte immer zu den Kellers kommen. „Weißt du, ihr habt auch alles Material beisammen – und wir müssen uns zuerst noch einrichten“, gab Mimi als Erklärung ab, wenn Karin fragte, ob sie nicht mal zu ihr gehen könnten. Mimis Mutter verbrachte den Grossteil ihrer Zeit im Haus, und auch wenn Frau Keller sie mal auf der Strasse antraf, lächelte sie meist nur schüchtern, grüsste und lief weiter. Als sie Mimi den Vorschlag machte, sie könnte ja mal ihre Eltern am Wochenende zu einem Apéro einladen, winkte diese ab. „Mein Vater hat nie Zeit und meine Mutter würde sich nicht wohl fühlen.“ Frau Keller beließ es fürs erste dabei.

Die Schule begann wieder. Mimi ging in die vierte Klasse und Karin in die Bez. Automatisch sahen sich die Mädchen nur noch selten; zudem waren nun Karins Schulfreundinnen aus ihren Ferien zurück und auch mit ihnen wollte sie Zeit verbringen. Mimi kam fast täglich bei Kellers vorbei. Frau Keller brach es fast das Herz, wenn sie ihr wieder sagen musste, Karin sei noch nicht zu Hause, und sie Mimi zusah, wie sie mit hängenden Schultern zum Nachbarstor rüber stapfte. Als die Mutter Karin darauf ansprach, reagierte diese zuerst unwirsch, dann aber regte sich das schlechte Gewissen und sie nahm sich vor, am kommenden Samstag bei Mimi vorbei zu schauen.

Als sie am Samstag gleich nach dem Mittag an der Nachbarstüre läutete, geschah zuerst einmal gar nichts. Karin wollte sich gerade abwenden, als endlich die Türe aufging. Frau Lienhard, Mimis Mutter, stand in der Türe. Karin erschrak; die Frau war ganz grau im Gesicht, richtig krank sah sie aus. Als sie Karin erkannte, lächelte sie matt. Mimi sei mit dem Vater einkaufen gegangen, erklärte sie, aber wenn sie zurück seien, schicke sie das Mädchen rüber. Dann machte sie die Türe wieder zu. Karin erzählte ihrer Mutter von Frau Lienhards Aussehen, und diese sprach Mimi darauf an, als sie am späteren Nachmittag vorbei kam. Mimi antwortete ausweichend, ja, der Mutter gehe es nicht gut, sie habe Blutarmut, habe der Doktor gesagt. Sie habe das früher schon gehabt. – Dann wollte sie aber lieber von der neuen Klasse erzählen und vom Klassenlehrer, der sackstreng sei.

Als Frau Keller später vorschlug, einen Heimkino-Abend zu machen und die Mädchen könnten sich dafür eine DVD aussuchen, strahlte Mimi geradezu. „Mögen Sie alle Pizza?“, fragte das Mädchen. „Ja, sehr!“, sagten die Kellers unisono. „Dann werde ich heute Abend Pizza für Sie backen!“ So gingen die zwei Mädchen zuerst bei Lienhards vorbei, um mitzuteilen, dass Mimi den Abend bei Kellers verbringe, danach liefen sie zum kleinen Lebensmittelladen um die Ecke, um alle Zutaten für die Pizza einzukaufen. Mimi machte gekonnt Pizzateig und wallte ihn aus, als habe sie das schon öfter getan. „Ach wissen Sie“, erklärte sie Frau Keller, „ich koche oft für uns, wenn es meiner Mutter nicht so gut geht.“

Es wurde ein richtig lustiger Heimkino-Abend, und als Mimi sich nach zehn Uhr aufmachte, um ins Nachbarshaus rüber zu gehen, schaute ihr Frau Keller kopfschüttelnd nach. „Irgend etwas stimmt nicht bei Lienhards, das spüre ich“, sagte sie zu ihrem Mann. Herr Keller sah seine Frau streng an: „Du mischst dich da nicht ein, hörst du? Das geht dich gar nichts an.“ Frau Keller nahm sich trotz den Ermahnungen ihres Mannes vor, in den nächsten Tagen einmal bei Lienhards vorbei zu schauen. Und dies tat sie denn auch, doch so oft sie auch läutete, nie öffnete jemand die Türe. Es war, als wäre Frau Lienhard tagsüber gar nicht zu Hause.

Der November verging; Mimi kam fast täglich vorbei, und sie blieb jetzt eigentlich immer ein Weilchen bei Kellers, auch wenn Karin nicht zu Hause war. Sie plauderte mit Frau Keller und ging ihr dabei in der Küche zur Hand. Oder sie half Stefan ein bisschen bei den Hausaufgaben. Frau Keller mochte dieses lustige Mädchen, das sie oft zum Lachen brachte – aber auch etwas ungemein Ernsthaftes und Selbständiges hatte. „Brauchst du denn nie Hilfe bei deinen Hausaufgaben?“, fragte Frau Keller einmal, als Mimi Stefan geduldig die Matheaufgaben erklärt hatte. „Selten“, meinte das Mädchen lachend, „und dann frage ich die Lehrerin. Meine Mutter kann mir nicht helfen; wegen der Sprache und auch weil sie nicht lange zur Schule ging. Und mein Vater hat meistens keine Zeit und schon gar keine Geduld. Also schaue ich, dass ich alles fertig habe, bis er nach Hause kommt.“

An diesem Abend sagte Frau Keller zu ihrem Mann: „Es kommt mir so vor, als ob Mimi ihr Daheim meidet. Sie steckt fast jeden Tag für ein paar Stunden bei uns.“ „Tja“, meinte dieser, „vielleicht haben sie es ja auch nicht gerade lustig zu Hause. Ich habe gehört, Herr Lienhard sei ein rechter Polderi. – Wenn es dir zu viel wird, musst du sie halt heim schicken.“ Frau Keller verdrehte die Augen. „Darum geht es doch nicht. Ich mache mir eher Sorgen, was da abgeht.“ Ihr Mann schaute sie an – mit diesem „Es-geht-uns-nichts-an“-Blick – und Frau Keller seufzte.

Der Dezember kam, und am ersten Adventssonntag lud Karin auf Drängen ihrer Mutter Mimi zu sich ein, um den ersten Advent zu feiern. Sie buken Grittibänzen, die sie noch lauwarm verspeisten, während Frau Keller eine Adventsgeschichte vorlas. Mimi wurde ganz still dabei. Als sie ging, sagte das Mädchen: „Das war der schönste erste Advent meines Lebens.“

Am zweiten Advent, gerade als Frau Keller mit ihren Kindern Weihnachtsguetsli ausstach, läutete es an der Türe. Mimi gesellte sich zu ihnen und half wie selbstverständlich beim Guetslen mit. Als sie die Ärmel hoch krempelte, um den Teig auszuwallen, sagte Karin eschrocken: „Was hast du denn da am linken Arm?“ Mimis Unterarm war geschwollen und mit einem riesigen blauen Fleck verziert. „Ach, es ist nichts Schlimmes“, sagte Mimi schnell, „ich bin nur blöd hin gefallen.“ Mimi war an diesem Nachmittag ungewöhnlich still und in sich gekehrt – und als alle Guetsli im Ofen waren, verabschiedete sie sich wieder.

Nach dem Abendessen schickte Frau Keller Karin mit einer Büchse Guetsli nach drüben. Als sich Karin dem Nachbarshaus näherte, hörte sie Herrn Lienhard brüllen, dann ein lautes Krachen und danach herrschte Totenstille. Karin machte Rechtsumkehrt und lief zurück ins Haus. „Was ist denn los?“, fragte Frau Keller. „Ich weiß auch nicht, aber Herr Lienhard hat so gebrüllt und dann hats gekracht“, erzählte Karin, „und dann habe ich Angst bekommen.“ „Also, ich gehe jetzt da vorbei“, sagte Frau Keller, packte sich die Schachtel und lief zur Nachbarstüre. Sie läutete energisch. Nach einer kurzen Weile kam Mimi an die Türe. „Oh, hallo Frau Keller“, sagte sie mit großen Augen. „Ich wollte dir eine paar Guetsli vorbei bringen“, sagte die Nachbarin. Dann musterte sie Mimi genau. „Ist alles in Ordnung bei euch?“ – „Jaja, alles bestens“, meinte Mimi hastig, „danke für die Guetsli.“ Dann schloss sie die Türe wieder. Nicht ganz überzeugt kehrte Frau Keller nach Hause zurück.

In den darauf folgenden zwei Wochen vergaß Karin Mimi ein wenig; der erste Bez.-Ball stand an und dafür gab es so viel zu tun. Kleider aussuchen und mit den Freundinnen vorbesprechen, wer denn wie gestylt käme – und welcher Junge wohl auf wen stünde. Als Mimi am dritten Advent nicht vorbei schaute, fiel dies vor allem Frau Keller auf. Ihre Tochter war viel zu beschäftigt mit den Ball-Vorbereitungen, um einen Gedanken an das Nachbarsmädchen zu verschwenden. Und als Frau Keller abends im Bett ihren Mann darauf ansprach, reagierte er wie immer unwirsch: „Was willst du tun? Du kannst das Mädchen schließlich nicht zum Reden zwingen.“

Und dann kam der letzte Schultag und mit ihm der Ball. Frau Keller sah zu, wie ihre Tochter kichernd mit ihren Freundinnen abzog. Mit Mann und Sohn machte sie sich einen gemütlichen Fernsehabend, bevor Karin um 22 Uhr mit leicht verwehter Frisur nach Hause kam. Sie war gerade daran, der Mutter sämtliche Ball-Abenteuer haarklein zu erzählen, als es an der Türe Sturm läutete. Mimi stand im Pyjama da, mit schreckgeweiteten Augen, die Haare allesamt vom Kopf abstehend – und brachte kein Wort heraus. „Mimi, komm rein, du holst dir den Tod!“, sagte Frau Keller erschrocken und führte Mimi in die Stube. Mimi setzte sich aufs Sofa, schaute Frau Keller an und sagte: „Ich glaube, mein Vater hat meine Mutter tot geschlagen!“ Herr Keller reagierte blitzschnell: „Wo ist sie jetzt?“ „Auf dem Stubenboden“, sagte Mimi tonlos. „Und wo ist dein Vater?“, fragte er. Mimi schüttelte den Kopf. „Weg. Er hat das Auto genommen.“ Karins Vater rannte bereits zur Türe, über die Schulter rief er seiner Frau zu: „Ruf’ die Ambulanz und die Polizei an!“ Frau Keller hechtete zum Telefon. Karin setzte sich neben Mimi aufs Sofa und legte ihr den Arm um die Schulter. Das Mädchen kuschelte sich ganz dicht an die Größere an – und so warteten sie eine Ewigkeit, wie es schien, bis sie die Sirene des Krankenautos hörten und gleich darauf die der Polizei. Kurze Zeit später kam Karins Vater mit einem Polizisten zur Tür herein. „Deine Mutter lebt; sie ist nur ohnmächtig geworden“, sagte er zu Mimi gewandt, und dann stellte er den Polizisten, Herrn Ammann, vor. „Ich habe noch ein paar Fragen an dich“, sagte dieser. „Wir setzen uns so lange in die Küche“, sagte Frau Keller, die sogleich Teewasser aufsetzte.

Als der Polizist gegangen war, schickte Frau Keller alle ins Bett. „Mimi, du schläfst bei Karin im Zimmer“, sagte sie resolut, „morgen besprechen wir dann alles weitere.“ Obwohl beide Mädchen überzeugt waren, kein Auge zutun zu können, schliefen sie vor Erschöpfung sogleich ein. Am nächsten Morgen beim Frühstück erzählte Mimi, wie es zum Vorfall gekommen war. „Meine Eltern haben sich wieder einmal furchtbar gestritten. Dann ist mein Vater ausgerastet und hat auf sie eingeschlagen. Ich habe geschrien und versucht, ihn weg zu ziehen, aber er hat einfach weiter gemacht. Und dann lag sie auf einmal ganz still am Boden.“ Mimis Augen füllten sich mit Tränen. „Er ist raus gerannt und ich dachte, sie sei tot.“ Mimi legte den Kopf auf die Hände und begann lautlos zu schluchzen. Frau Keller schickte alle aus der Küche, setzte sich zu Mimi und nahm sie in die Arme. „Schsch, jetzt ist ja alles gut“, sagte sie eins übers andere Mal, während Mimi endlich weinte.

Danach riefen sie im Spital an, um zu fragen, wie es Frau Lienhard ginge. Sie müsse wegen der Verletzungen wohl noch ein paar Tage bleiben, hieß es. Aber Mimi könne sie besuchen kommen. Das tat sie denn auch – und nach dem Spitalbesuch ging es Mimi schon merklich besser. Frau Keller besuchte Frau Lienhard dann abends noch alleine – und als sie aus dem Spital zurückkam, sagte sie, Mimis Mutter würde es sehr begrüßen, wenn das Mädchen in den nächsten Tagen bei ihnen bliebe. Und so war dies abgemacht. Mimi erholte sich rasch und bereits am darauf folgenden Tag hatte sie ihr Lachen wieder gefunden. Nur nachts hatte sie wiederholt Albträume, aus denen sie weinend aufschreckte. Frau Keller brachte ihr dann jeweils einen Tee hoch und blieb bei ihr am Bett sitzen, bis sie wieder einschlief. Über den Vater mochte Mimi nicht sprechen. „Der kann von mir aus tot sein“, sagte sie grimmig.

Weihnachten kam – und Mimis Mutter musste noch immer im Spital bleiben. So machte sich Mimi mit der Familie Keller im Schlepptau am Nachmittag auf, um mit Frau Lienhard am Spitalbett Weihnachten zu feiern. Diese sah schon merklich besser aus, auch wenn ihre eine Gesichtshälfte in allen Grün- und Blautönen leuchtete. Sie freute sich riesig über den Besuch und die Geschenke; eine Kette mit leuchtend roten Glassteinen und eine Weihnachtskarte, welche Mimi für die Mutter gebastelt hatte, die Büchse selbst gebackener Guetsli sowie die edle Bodylotion, die ihr Frau Keller eingepackt hatte. Nachdem Mimi der Mutter ausführlich erzählt hatte, was sie in den letzten Tagen bei Kellers alles so getrieben hatte, verabschiedeten sich die Kinder von Frau Lienhard.

Frau Keller blieb noch einen Moment am Bett sitzen. „Wissen Sie schon, wie es weiter gehen soll?“, fragte sie. Frau Lienhard nickte. „Es hat hier eine sehr nette Sozialarbeiterin, mit der ich bereits mehrere Gespräche geführt habe. Sie sagt, wenn ich wirklich bereit bin, mich von meinem Mann zu trennen, dann kann ich für eine Weile ins Frauenhaus gehen. Dort werden sie mir helfen, ein neues Leben anzufangen.“ „Und das wollen Sie?“, fragte Frau Keller. Frau Lienhard nickte. „Diesmal hätte er mich fast umgebracht. Was, wenn es ihm ein nächstes Mal ganz gelingt? Was wird dann aus Mimi? Ich muss jetzt endlich einen Schlussstrich ziehen und mein eigenes Leben beginnen – zusammen mit Mimi.“

Zwei Tage später kam Frau Lienhard bei Kellers vorbei, um Mimi abzuholen. „Wie kann ich Ihnen jemals danken dafür, was Sie alles für uns getan haben?“, fragte sie Herrn und Frau Keller beim Abschied. „Es gibt nichts zu danken“, sagte Frau Keller, „wir haben Mimi sehr gerne bei uns aufgenommen und hoffen, sie kommt uns schon bald wieder besuchen.“ „Ou ja, darf ich?“, fragte sie ihre Mutter. „Bestimmt!“, sagte diese lachend. Während die zwei Hand in Hand die Strasse hoch liefen, musste Frau Keller ein paar Tränen abwischen. „Mami“, sagte Karin und verdrehte die Augen, „jetzt heul’ doch nicht. Du hast ja gehört, dass uns Mimi bald besuchen kommt.“ Frau Keller schnäuzte sich resolut ins Nastuch. „Ich höre ja schon auf. Aber eines sage ich euch“ – und dabei wandte sie das Gesicht ihrem Mann zu – „wenn ich das nächste Mal das Gefühl habe, etwas sei nicht in Ordnung, dann stehe ich bei den Leuten auf der Matte. Und zwar so lange, bis ich eine Antwort bekomme.“ Herr Keller küsste sie lachend auf den Nasenspitz. „Ok, und ich unterstütz’ dich dabei. Versprochen!“ Karin machte auf dem Absatz kehrt. „Eltern sind ja so was von peinlich“, rief sie über die Schulter, während sie die Treppe hoch ins Zimmer lief.

Selina Luchsinger

 

Der Text stammt aus dem Buch:

Meli und die Freiheit  und elf weitere Weihnachtsgeschichten für Erwachsene, Texte von Selina Luchsinger, Bilder von Barbara Luchsinger, Verlag Entlebucher Medienmacher, ISBN 978–3-907821-91-6, Euro 32,20

Zwölf Geschichten, die von ungeahnten Begegnungen erzählen. Bunt, bezaubernd, berührend. Die Aargauer Psychologin und Journalistin Selina Luchsinger schrieb in ihren Weihnachtsgeschichten über das Zusammentreffen von Menschen; alten und jungen. Die Begegnungen könnten heute so geschehen – in Bremgarten, Kalkutta oder Peking.Zu jeder Geschichte kreierte die Künstlerin Barbara Luchsinger, Schwester und Autorin, ein Bild. Jedes dieser wundervoll verspielten Musterbilder nimmt jeweils die Kernaussage der Erzählung auf und verwebt diese mit den kulturellen Elementen, die darin vorkommen.