von: Petra Lohrmann
15. März 2023

Literaturkritik: „Der Schamaya-Palast“ von Ali Al-Kurdi

© Wallstein Verlag

Erbaut im Jahr 1865, gelegen im jüdischen Viertel von Damaskus, war der Palast Schamaya Efendis einst ein Schmuckstück über mehrere Etagen, mit Höfen und Brunnen, mit eigener Synagoge. Keine hundert Jahre später ist er eine provisorische Heimstätte für mehr als 50 Familien, palästinensische Flüchtlinge, die nach der Gründung Israels 1948 ihr Land verließen und „in den Häusern der abwesenden syrischen Juden untergebracht“ wurden. Diese waren ihrerseits nach Israel gegangen. Zwischen 1947 und 1949 flüchteten ca. 700 000 Palästinenser aus dem britischen Mandatsgebiet, aus dem der Staat Israel hervorging. Unter ihnen die Familie Ahmads, der Anfang der 5oer-Jahre geboren wird.

Er bewohnt mit seinen Eltern und mehreren Geschwistern ein Zimmer im Palast, der vor sich hinbröckelt, in den Mauern eingezogen werden, um Räume abzutrennen, in dem Mensch und Tier zusammenleben. Er ist ein Labyrinth, ein Abgrund ohne Privatsphäre, aber zugleich ein Labor, wie Zusammenleben gelingen kann. Ahmad erzählt aus seiner Kindheit und Jugend. Von den Spielen, den Gerüchen, dem täglichen Gang zum Hilfswerk der UN, von der Schule und seiner Scham, zu den Ärmsten der Armen zu gehören. „Ich wurde immer scheuer und zog mich in mich selbst zurück. Vielleicht weil ich schon früh gespürt hatte, welch breiter Graben uns arme Flüchtlinge von den anderen trennte.“ Er ist ein intelligenter Junge, der das Abitur schafft. Und er interessiert sich für Politik, träumt den Traum aller Flücht-linge, „den Traum von der Rückkehr nach Palästina, in unser heiliges Land, das wir im Herzen trugen: ein magischer Talisman, der ein bisschen Zuversicht in unsere aufgewühl-ten Seelen einließ, die die Hoffnung auf Rückkehr in unsere Häuser noch nicht verloren hatten.“ Ahmad, der „Sohn einer konservativen muslimischen Familie“, freundet sich mit George, dem „Sohn eines orthodoxen Paters, dem Pfarrer einer alten Kirche“ an. Ali Al-Kurdi entwickelt aus dem Kennenlernen der beiden eine sehr schöne, von Vorsicht und gegenseitigem Respekt getragene Freundschaftsgeschichte und er entwirft aus dieser Konstellation die Realität gewordene Idee der friedlichen Koexistenz zweier Religionen. Auch der Jude Musa findet seinen Platz im Kreis der Freunde.

Ein jeder ist zwar geprägt von seiner Herkunft, aber offen für die Lebensweise, die Traditionen und Rituale, die in anderen Familien gepflegt werden. Wie Ahmad, so erzählt auch George in der Ich-Form. Dies ist zunächst verwirrend, weil nicht sofort klar ist, wer spricht, doch aus dem Gesagten erschließt sich, wessen Perspektive jeweils eingenommen wird. Der mehrfache Wechsel bewirkt eine große und nuancenreiche Unmittel-barkeit, da Gedanken und Gefühle direkt reflektiert werden. „Nachdem diese erste Hürde überwunden war, habe ich den Schamaya-Palast mehrmals besucht und die Atmosphäre und das Leben dort mit all seinen erstaunlichen Details und seinen verschiedenen Bewohnern näher kennengelernt. Seit jener Zeit hatte ich von den palästinensischen Flüchtlingen, für die ich Mitgefühl empfunden hatte, eine klarere Vorstellung. Sie waren für mich zu Menschen aus Fleisch und Blut geworden, mit all ihren Geschichten und Schicksalen, die ich mit eigenen Augen gesehen habe. …“

Wie George erging es mir als Leserin. Der von einem tiefen Humanismus geprägten Roman beschreibt die Menschen und ihre Situation genau, mit Verständnis und Empathie. Viele Schicksale werden nachgezeichnet, sei es das Raschas, die in die USA geht, anderer Emigranten, die es nach Skandinavien verschlägt. Oder auch solchen, die in die Arabischen Emirate gehen und dort reich werden. Al-Kurdi beschreibt Menschen, die es schaffen, und solche, die in Unglück, Armut, Langeweile, in arrangierten Ehen versinken. Er erzählt von ehemals freien Fischern oder Bauern, die nun als Tagelöhner versuchen, ihre Familien über Wasser zu halten oder den Liebesgeschichten zwischen Muslimen und Jüdinnen. Eine Vielzahl an Episoden ist in die Geschichte Ahmads und Georges eingewebt, sie werfen Schlaglichter auf die ver-schiedenen Wege, die Versuche, Fuß zu fassen, wo auch immer, und bereichern den Roman.

Eine ganz besondere Sympathie hegt der Autor für die Frauen. Sie sind es, die zu den Hilfsorganisationen gehen und Schlange stehen, die ein Unternehmen aufziehen, für Kinder und Nachbarn sorgen, die kreativ sind, Verantwortung übernehmen und „kleine Räume der Freude in dem See unserer Trauer“ schaffen. Im wesentlichen spielt der 2010 erschienene Roman in den 1950er und 60er Jahren. Er beschreibt eine heute völlig untergegangene Welt, in der es nicht einfach, aber möglich war, dass mehrere Kulturen, Ethnien, Religionen in einer Stadt, in einem einzigen Viertel, zusammenlebten. Der Roman spiegelt in Teilen Ali Al-Kurdis Leben wider. Er kam 1953 als Kind palästinensischer Flüchtlinge in Damaskus zur Welt. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten wurde der Journalist und Schriftsteller mehrfach inhaftiert, verbrachte über zehn Jahre im Gefängnis. Heute lebt er in Weimar und zum Glück kann sein Debütroman nun endlich auf Deutsch gelesen werden. Sehr fein übertragen von Larissa Bender, einer preisgekrönten „Brückenbauerin in die arabische Welt“.

 

Petra Lohrmann

 

Ali Al-Kurdi: Der Schamaya-Palast, Aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender, Wallstein Verlag, 2022, 176 Seiten, (Originalausgabe 2020)