von: Urs Heinz Aerni
1. September 2022

Leseprobe „Die letzte Schlacht auf Erden“ von Jill Grey

Mike O`Kelly, früher ein angesehener Journalist, befindet sich nach dem Tod seiner Frau auf dem besten Weg zum Alkoholiker. Nach drei Jahren entdeckt er das Tagebuch seiner Frau, in dem der letzte Eintrag ihn vermuten lässt, dass ihr Tod kein Unfall gewesen war.

Mit seiner Kollegin Vicki und seinem Boss Jack fängt er an zu recherchieren. Im Fadenkreuz steht der unantastbare Harold Baines, einer der mächtigsten Männer in New York, zudem Pharmariese und Wohltäter der Nation. Schon bald begreifen auch sie, wie weitreichend die Macht dieses alten Mannes ist.

Die Ereignisse fangen an sich zu überschlagen, als eine Seuche in den Slums der Stadt ausbricht und das Militär die Menschen in Lagerhallen pfercht, aus denen niemand Lebend herauskommt.

Auch Johanna Baines, Harolds Schwiegertochter, sucht nach der Wahrheit. Alles in ihrem Leben erscheint ihr Fremd, mehr noch, sie glaubt etwas verloren zu haben, von dem sie nicht einmal sagen könnte, was es ist. Seit einem Jahr lebt sie an der Seite von William Baines, der ihr zunehmend ein Rätsel ist. Ein Mann, dessen Vater nur ein Ziel hat, Johanna den Sohn gebären zu lassen, der die Welt in ein finsteres Zeitalter führen soll.
Ist es möglich, den Untergang der Menschheit zu stoppen?

© Buchcover Jill Grey "Die letzte Schlacht"

Teil 1 

Erstes Kapitel

1

Voller Sehnsucht fixierte Mike die monströsen Titten, die gemächlich wippend auf ihn zu schwebten. Und wahrhaftig – aus ihnen tropfte Bourbon! Auf allen Vieren kriechend näherte er sich den Monstertitten, weiß Gott, warum er in diesem Traum nie aufrecht gehen konnte? Scheißegal, Hauptsache er erreichte sie, denn er hatte vor, bis zum Umfallen an ihnen zu saugen oder, was auch okay wäre, von ihnen erdrückt zu werden. Kann man schöner krepieren?

Bedauerlicherweise erreichte Mike auch diesmal sein Ziel nicht, was ihn, als er endlich das Telefon auf dem Boden fand, das ihn unsanft aus seinem Traum gerissen hatte, in echt miese Laune versetzte.

»Verflucht, wer …«, krächzte er in den Hörer.

»Mike, ich bin’s, Vicki. Es ist neun, und der Alte macht hier jeden zur Schnecke, weil der, den er eigentlich zur Schnecke machen will, verschlafen hat. Also beweg deinen Arsch hierher und zwar subito!«

Im Hintergrund hörte er seinen Boss herumbrüllen.

»Bist du noch dran?«

»M-hmm …«

»Du hast deine Kolumne hoffentlich fertig? Sag mir, dass du sie fertig hast!«

»Denk, ja …«

»Und du bist wach, sozusagen auf dem Weg? … Mike?« Ein tiefes Atmen war zu vernehmen, dann abermals die genervte Stimme seiner Kollegin: »Mike, bau keinen Mist, dafür fehlt dir der Boden.«

»Danke für die Warnung, Vick.«

Er trennte die Verbindung, setzte sich im Bett auf und bemerkte, dass etwas Glitschiges an seinem Oberschenkel klebte … hatte er, während er im Traum den Titten nachkroch …? Grimmig schlug er die Decke zurück. An seinem Oberschenkel klebte ein Stück von der Pizza, die er letzte Nacht gegessen hatte – oder eben nicht. Fuck, er sollte wirklich aufhören zu saufen.

Mike O’Kelley war bis vor drei Jahren ein angesehener Reporter gewesen und hätte zweifellos eine steile Karriere machen können, dennoch war er heute einer anderen Karriere wesentlich näher. Was ihm in seinem Job geblieben war, war seine Kolumne, die wöchentlich erschien und bitterböse und zynisch daherkam. Das Einzige, was ihn daran befriedigte, war die Tatsache, dass er öffentlich das Arschloch raushängen konnte. Er schrieb über jedes Klischee von Mann und Frau und pisste beiden gleichermaßen ans Bein, jede Woche auf ein Neues, und nach den Auflagen zu urteilen, liebten es Mann und Frau, angepisst zu werden. Seine Fanpost war beachtlich, inklusive gelegentlicher Drohungen und Beschimpfungen, aber auch das interessierte ihn einen feuchten Dreck. Apropos feucht, er sollte schleunigst duschen gehen.

Mit seinen sechsunddreißig Jahren sah Mike – trotz der Sauferei – noch ziemlich ansehnlich aus, auch wenn sein schwarzes, leicht gewelltes Haar länger mit keiner Schere mehr in Berührung gekommen war. Nicht, dass ihm seine Frisur sonderlich gefiel, er hatte schlichtweg keinen Bock zum Friseur zu gehen. Fakt war, er hatte zu kaum was mehr Bock. Um seine weichen Gesichtszüge härter erscheinen zu lassen, ließ er sich stets einen Dreitagebart stehen, der sich gerne über drei Wochen ausdehnen konnte, so wie seine Abstürze. Alles hing von Mikes Gemütszustand ab, und dieser war in den letzten drei Jahren so schwarz wie seine Kleidung.

Das Verlagsgebäude des People Mirror lag an der Fifth Avenue in Manhattan, von Mikes Appartement in zwanzig Minuten mit dem Auto bequem erreichbar. Was die Zeitung betraf, so war diese weder besser noch schlechter als die wenigen anderen Schmierblätter der Stadt, welche die digitale Welt überlebt hatten und die sich der New Yorker Durchschnittsbürger täglich reinzog, um über Tratsch, Klatsch und Horrormeldungen auf dem Laufenden gehalten zu werden – nebst den Sportseiten, das versteht sich von selbst.

Eine halbe Stunde nach Vickis Anruf fuhr Mike in den Verlag. Er wäre früher losgefahren, nur war da seine Kolumne, die er sich in der Nacht aus den Fingern gesogen hatte und gefunden werden musste. Mike war hierbei so altmodisch wie bei der Wahl seines Wagens: Er schrieb die Entwürfe ausschließlich auf Papier.

Er betrat die oberen Büroräume, wo ihm bereits das Gekeife seines Bosses, Jack Hanson, entgegenschlug, dem die Zeitung gehörte und ebenso war er Chefredaktor. Obschon Jack es sich hätte leisten können, mit seinen zweiundsechzig Jahren verdient die Füße hochzulegen, wäre er lieber gestorben, als genau das zu tun. Für ihn gab es im Leben bloß eines; jeden Morgen dieses Blatt unter die Leute zu bringen. Wäre die Zeitung gestorben, hätte man Jack gleich miteinäschern können.

»Mike! In mein Büro, sofort!«, polterte es durch das Großraumbüro.

Was folgte, war das übliche Ritual: Der Abgabetermin für seine Kolumne war um halb neun, Mike war heute immerhin um zehn hier. Sein Boss hielt ihm eine weitere Standpauke.

Mike schlurfte derweil zur Kaffeebar. »Willst du auch einen, Jack?«

Sein Boss strich sich das graue Haar nach hinten, das ihm nach jedem Ausbruch wirr vom Kopf stand, zündete sich eine Kippe an, nahm einen tiefen Zug und sagte ruhiger: »Mike, wenn du so weitermachst, werde ich dich auf die Straße setzen müssen. Du warst hier das Vorbild der meisten Reporter, jetzt hat deine Arbeitsmoral einen Tiefstand erreicht. Und dass du meine und Vickis Ratschläge weiterhin stur ausblendest, ist keineswegs förderlich, um deinen bevorstehenden Untergang aufzuhalten. Und verdammt, Junge, ich kann dich gut leiden, auch wenn du dich seit Jahren wie ein Arsch aufführst.« Er sank in den Sessel hinter dem Schreibtisch und merkte verbittert an: »Wenigstens kriechst du nicht in meinen, wie die meisten hier.«

»Komm schon, Jack, wer würde sonst deine alte Pumpe ab und zu tanzen lassen?«

Sein Boss schaute ihn mitfühlend an. »Junge, du musst über Maggys Tod hinwegkommen. Ich kann dich unmöglich so weitermachen lassen! Und verflucht, ich würde dich hier vermissen.« Er drückte die Kippe aus. »New York ist voll von tollen Frauen.«

»Frauen, die wahrscheinlich meine Kolumne lesen«, gab er gallig zurück und dachte dabei an die restliche Pizza in seinem Bett. Was die Frage nach sich zog, ob er überhaupt noch saubere Bettlaken hatte? Und wann hatte er zuletzt welche in die Wäscherei gebracht? Dem wollte er umgehend auf den Grund gehen. »Jack, ich muss los, man sieht sich.« Die Türklinke in der Hand, schielte er zum Aschenbecher auf dem Tisch, in dem etwa ein Dutzend halb gerauchter Zigaretten lagen. »Ist das deine neuste Methode, mit dem Rauchen aufzuhören?«

Sein Boss linste schuldbewusst zu ihm hoch. »Allemal besser als Nikotinpflaster und Kaugummis.« Daraufhin schüttelte Mike den Kopf. »Jack, das wäre dasselbe, wenn ich nur ein halbes Glas Bourbon trinke, die andere Hälfte wegschütte und mir dann ein neues einschenke.«

»Hau schon ab, aber bleib in der Nähe, falls wir was ändern müssen.«

»Ändert, was zu ändern ist, es ist sowieso Müll.«

Früher war Mike O’Kelley ein netter Kerl gewesen, mit dem auszukommen nicht allzu schwer war. Er angelte sich gute Storys, hatte Freude an seinem Job und die beste Frau, die man sich wünschen konnte. Maggy war seine Ehefrau, seine Geliebte und gleichsam sein Kumpel. Und diese Frau, die er über alles liebte, teilte vierzehn wundervolle Jahre mit ihm, bis ein Raser sie auf dem Fußgängerstreifen erfasste, an den Kühlergrill eines Lastwagens schleuderte, von dem sie herunterklatschte, um von mindestens vier Achsen überrollt zu werden, bevor der Truck zum Stehen kam. Dass seine Frau definitiv tot war, erkannten auch die Schaulustigen, die, statt sich um den Raser zu kümmern, den Frauenkörper angaffen wollten, der soeben von dreißig Tonnen zerquetscht worden war. Die Polizei sprach mit unzähligen Zeugen und die Beschreibungen des Fluchtfahrzeugs gingen von groß bis eher klein sowie durch die gesamte Palette dunkler Farbtöne. In einem waren sich jedoch alle einig: Die Scheiben waren getönt, weder eine Beschreibung des Fahrers und kein Nummernschild.

Da Mike und Maggy, wie der Großteil der Bevölkerung, unfruchtbar waren, blieb es ihm zum Glück erspart, einem Kind diese Tragödie beizubringen. Für ihn war das okay, er mochte Kinder nie sonderlich. Fasste man sie an, hatte man entweder Speichel, Rotz oder was Klebriges an den Händen. Er wollte seit jeher einen Hund, die fragen, fordern und schreien niemals, müssen auf kein teures College und schleudern einem später keine Vorwürfe um die Ohren, man hätte ihr Leben versaut.

Als seine geliebte Frau starb, erkannte Mike schmerzlich, dass Maggy sein einzig wahrer Freund gewesen war. Sicher, Jack, sein Boss, war in gewisser Weise ein Freund und Vicki. Ansonsten gab es Arbeitskollegen und ein paar Leute, wie das halt so ist, man trifft sich, redet über Sport und den Job. Die Freunde, die sie gemeinsam hatten, waren im Prinzip Maggys Freunde gewesen, und denen ging er seit ihrem Tod tunlichst aus dem Weg.

Nach der Beerdigung stieg Mike in seinen dunkelbraunen Ford Mustang, Baujahr 1965, und verließ die Stadt. Keiner konnte sagen, wo er in den drei Wochen gewesen war, er am allerwenigsten. Er irrte ziellos umher, übernachtete in billigen Absteigen, soff sich fast in ein Koma und fand sich irgendwann in seinem Appartement wieder. Zurück im Verlag teilte er Jack mit, dass das Thema Maggy sofort tabu war und die Arschkriecher im Verlag aufhören sollten, ihn wie einen Hund anzusehen, der in Malaysia auf dem Markt darauf wartet, zu einer Mahlzeit verarbeitet zu werden. Jack regelte das und bot ihm an, eine eigene Kolumne ins Leben zu rufen. Seit drei Jahren hing die Kolumne erbarmungslos an ihm, und womöglich war er in gleichem Maße von ihr abhängig wie die Leute, die sich den Mist reinzogen. Er war gerne der böse Mike, der weinte nie und dem ging alles am Arsch vorbei, mit der Ausnahme, er musste in Laken schlafen, an denen Pizza klebte.

Wie war noch die Nummer der Wäscherei? Und wie hieß sie? Lee Tsan? Lee Won? Verdammt, wieso konnten die ihre Wäscherei nicht zum Beispiel Sauber-und-rein, oder Pizzafleck nennen?

»Vicki, wie heißt der Laden des Chinesen, der mir die Wäsche macht?«

Seine Kollegin kam zu seinem Tisch. »Die Nummer ist 484 228–8822.«

»Du kennst sie auswendig?«

»Darling, alle Junggesellen hier bringen ihre Wäsche zu Lee. Wenn ich von jedem einen Dollar kriegen würde, der die Nummer braucht, könnte ich aufhören, todlangweilige Beautytipps zu schreiben, die ich ja kaum nötig habe.« Sie warf lachend den Kopf zurück, was ihren schwarzen Pagenhaarschnitt zum Schaukeln brachte und stöckelte davon, wobei ihr Hintern im Takt hin und her wippte.

Vicki Dawn vertrat punkto Sexualität eine überaus liberale Einstellung. Mike hatte mehrmals das Vergnügen mit ihr und tatsächlich, diese Frau hatte Sachen drauf! Es wäre falsch zu sagen, dass sie die Verlagsmatratze war, denn es war stets Vicki, die ihre ›Opfer‹ auserwählte, ob verheiratet, ledig oder verwitwet spielte keine Rolle. Sie liebte es, so richtig geilen Sex zu praktizieren, und sie hasste jegliche Art von Beziehungskisten. Massig Probleme, meinte sie, und die schaffte sie sich vom Hals wie den Mann aus ihrem Bett, nachdem sie ihren Spaß mit ihm hatte. Vicki war schwer in Ordnung und ein guter Kumpel. Es störte sie nicht, dass viele Kolleginnen sie als Verlagsschlampe bezeichneten, selbstredend hinter vorgehaltener Hand, die Weiber hatten zu viel Angst vor ihr. Und so manche beneideten sie, waren doch die meisten Frauen, was Beziehungen und Sex anbelangte, unbefriedigt, davon war Mike heute überzeugt. Anfangs hatte er seriös für seine Kolumne recherchiert und es hatte ihm vereinzelt die Sprache verschlagen bei dem, was er von gewissen Frauen zu hören bekam, die selbstverständlich nicht namentlich genannt werden wollten.

Von Mr Lee erfuhr Mike, dass seine Wäsche seit zwei Wochen abholbereit sei. Nach dem Telefonat musterte er seinen Schreibtisch, überlegte sich ihn aufzuräumen, nahm stattdessen die letzte Ausgabe der Zeitung, trank den Rest seines Kaffees und überflog die Frontaufmachung:

Der namenlose Tod – gehört er der Vergangenheit an?

Der namenlose Tod. Jeder kannte diese grausame Bezeichnung, doch bloß ein paar Gruppen von Menschen fürchteten ihn. Er hielt sechs Monate lang, jeweils zum Anfang jeden Monats, die Städte im ganzen Land in Angst und Schrecken. Dann brach die Serie vor etwa vier Monaten abrupt ab. Sporadisch wärmte man das Thema auf, und auch wenn die Artikel stetig weniger Spalten füllten, war es ein passabler Aufhänger, konnte man für die Titelseite nichts Brisantes aus dem Ärmel schütteln.

Der namenlose Tod waren Tage, an denen sinnlos gemordet wurde. Morde, die völlig zusammenhangslos erschienen, das Einzige, was die Opfer verband, war ihre soziale Stellung. Es waren vorzugsweise Drogensüchtige, Obdachlose, Bandenmitglieder, Kleinkriminelle und andere Randgruppen. Die Zahl der Opfer an einem solchen Tag betrug allein in New York City an die zwei- bis dreihundert Personen und bis heute konnte man mit keinen brauchbaren Spuren, sprich Verdächtigen aufwarten. Manche der Opfer wurden mit einem in Gift getränkten spitzen Gegenstand gestochen. Der Stich war so klein, dass er von den Opfern kaum wahrgenommen wurde, hingegen die Substanz, die unbekannt war, löste innerhalb von zwanzig Minuten eine Lähmung der Gliedmaßen und anschließend der Atemwege aus.

Andere wurden erschlagen, mit Gegenständen, die sich in der Nähe befanden, was auf einen Affektmord hindeutete. Personen wurden mit einem Gewehr erschossen, der Schütze postierte sich in sicherer Entfernung auf einem Hochhaus und schoss wahllos auf eine Gruppe von Obdachlosen oder Gangmitgliedern. Letzteres löste Kriege unter den rivalisierenden Banden aus, was wiederum Tote zur Folge hatte. In Suppenküchen wurde dann und wann der Mahlzeit Arsen beigefügt, hier fehlten ebenfalls Anhaltspunkte auf den, beziehungsweise die Täter. Zudem wurden Fixer über ganze Straßenzüge hinweg dahingerafft, weil der Stoff mit Strychnin versetzt war.

An besagten Tagen waren Polizei, Rettungseinheiten sowie Leichenbeschauer restlos überfordert, obwohl sie das mehrheitlich waren, der alltägliche Sumpf, in dem sich diese Stadt suhlte, reichte vollkommen aus, um darin zu ersaufen. Die Städte weiteten sich aus und die Armenviertel schossen wie Pilze aus dem Boden. Starb eine alte Frau in einem Armenviertel auf der Straße, konnte sie gut und gerne ein paar Tage dort liegen bleiben, bis ein Leichenbestatter die Zeit fand, sie abzuholen. Sie darüber hinaus zu identifizieren, überschritt die Kapazitäten der Behörden sämtlicher Großstädte im Land. Kamen keine Angaben von anderen Obdachlosen, wurden sie eingeäschert und in namenlosen Gräbern beigesetzt.

Ohne Zweifel hatten die Behörden eine Zeitlang alles Erdenkliche unternommen, um dem Rätsel des namenlosen Todes auf die Spur zu kommen – ohne Erfolg. Und seien wir mal ehrlich, die Bevölkerungsschicht, die zum wirtschaftlichen Wachstum des Landes ihren Beitrag leistete, hatte nicht sonderlich aufgeschrien infolge der fruchtlosen Ermittlungsbemühungen. Die traurige Wahrheit, diese Stadt hatte vor langer Zeit aufgegeben.

Resigniert schmiss Mike Zeitung und Kaffeebecher in den Papierkorb. Das Telefon auf seinem Schreibtisch piepte, ein interner Anruf. »Mike, super, bist du noch da.«

»Susi, ähm … bin fast weg. Könntest du auf meinem Schreibtisch etwas Ordnung ins Chaos bringen und ablegen, was abgelegt werden muss, und das, was ich durchsehen soll, auf einen Haufen schmeißen?«

Susi: Zweiundzwanzig, jung und hübsch, war sozusagen das Mädchen für alles. Jack hatte sie eingestellt, um zu helfen, wo sie helfen konnte. Mike wusste im Grunde gar nicht, was sie genau machte, abgesehen davon, regelmäßig seinen Schreibtisch aufzuräumen. Sie war die gute Fee im Verlag und erfüllte einem jeden Wunsch, außer den, mit ihm zu schlafen.

»Klar, und wann siehst du dir den Haufen durch, der von letzter Woche daliegt?«

»Morgen. Danke, du bist ein Schatz.«

»Spar dir die Lorbeeren. Ich habe eine Miss Bloom in der Leitung, soll ich sie durchstellen?«

Holly Bloom: Eine leicht mollige Afroamerikanerin und äußerst hartnäckige Frau war die beste Freundin von Maggy gewesen. Sie war Psychologin und hatte ihre eigene, gut gehende Praxis. Im Grunde war Holly eine herzensgute Seele, solange sie ihm nicht auf die Pelle rückte.

»Untersteh dich! Wenn was ist, ein Notfall, bin ich auf dem Handy erreichbar.«

Während Mike auf den Fahrstuhl wartete, kam Clint den Gang hinunter, in der Hand sein omnipräsentes Tablet, und grinste ihn jovial an. Clint Russel: Sechsundvierzig, war der ultimative Streber und Arschkriecher des Verlages und gierte danach, den Posten des Chefredaktors zu besetzen, für den er zweifelsohne qualifiziert wäre. Sein rotes Haar stutzte er vermutlich jeden Morgen auf einen Millimeterschnitt zurück und im Gegensatz zu Mike rasierte sich Russel mit Sicherheit zweimal am Tag. Kurz gesagt, sein Auftreten war jederzeit akkurat.

»Na Mike, wann hast du den Kopf aus der Flasche gezogen?«, blaffte er und baute sich vor ihm auf. »Bei Jack bist du bald unten durch. Meiner Meinung nach längst überfällig, ich hätte dich schon vor zwei Jahren auf die Straße gesetzt.«

»Leider hast du hier nichts zu sagen, Clint, du musst dich ein klein wenig gedulden oder allenfalls tiefer in Jacks Arsch kriechen.«

Das gönnerhafte Grinsen erlosch schlagartig aus Clints Visage, der knurrte: »Italienischer Bastard.«

»Italienisch-irischer Bastard; du solltest lernen besser zu recherchieren, Clint.«

Die Wäscherei lag zwei Blocks vom Verlag entfernt. Mr Lee, der Besitzer, freute sich jedes Mal, betrat Mike den Laden. Mike beneidete den kleinen Mann, der allzeit der pure Sonnenschein und nie verkatert war. Mr Lee klatsche in die Hände, woraufhin zwei genauso strahlende Angestellte die Pakete mit seiner Wäsche nach vorne trugen.

»Wäsche in Auto tragen, Mr O’Kelley?«

Der beäugte die Pakete und entschied: »Ja, Auto offen.«

Mike war kein Rassist, er konnte nicht anders, wenn er die strahlenden Chinesen beobachtete. Ihm war es egal, ob jemand braun, gelb, rot, weiß oder von ihm aus blau daherkam – wie er selbst des Öfteren – er war schlichtweg zynisch und eines schönen Tages würde ihm jemand deswegen die Fresse polieren, und wer weiß, unter Umständen könnte ihn das ja zur Vernunft bringen. Mike mochte diesen kleinen Laden und der kleine Laden mochte ihn, denn er war seit drei Jahren ein treuer Kunde, der immer zu viel Trinkgeld gab. Hätte er sonst seinen Mitmenschen eine Freude bereiten können? Er bezweifelte, dass sein Benehmen das noch schaffte. Er beglich die Rechnung und erkundigte sich, mehr aus Höflichkeit denn aus Interesse: »Und, Mr Lee, wie geht es der Frau und den Kindern?«

»Gut, gut.«

Somit war die Konversation ausgeschöpft und die Rechnung bezahlt. Er verabschiedete sich, drückte den strahlenden Wäscheträgern, die soeben zurückkamen, ein fettes Trinkgeld in die Hand und begab sich auf den Heimweg, unwissend, dass ihn dort ein unliebsamer Gast aufsuchen würde.

2

Konsterniert und gleichzeitig kritisch betrachtete Johanna ausgiebig das Haus, oder wie William es nannte, sein kleines, nachträgliches Hochzeitsgeschenk. Und nein, das Wort ›klein‹ kam ihr beim Anblick gewiss nicht in den Sinn. Als ihr Mann heute morgen von einer kleinen Überraschung gesprochen hatte, stellte sie sich ein stattliches Motorboot vor, so was in der Art, wollte er seit längerem mit ihr Angeln gehen, aber was vor ihr stand, glich vielmehr der Titanic.

»Darling, was sagst du? Gefällt es dir? Ich finde es fantastisch und so kommen wir aus dieser Bude heraus.«

Ein Vierzimmerappartement an der Park Avenue, mit Sicht auf den Central Park, konnte man schwerlich als Bude bezeichnen. Nicht zum ersten Mal fragte sich die junge Frau, weshalb William sie geheiratet hatte. Ein Mann, den kaum jemand kannte, obgleich sein Vater einer der reichsten Bürger der Vereinigten Staaten war. Ein Mann, der mit achtunddreißig Jahren bemerkenswert sportlich daherkam und dessen harte Gesichtszüge von seinem kurzen, tiefschwarzen Haar unterstrichen wurden, im Kontrast dazu die sanften, hellbraunen Augen, denen sie vertraute. Sie glaubte ihren Mann zu lieben, dabei kannte sie ihn noch nicht gut, nur, kannte sie sich selbst? Und was wusste sie mit knapp neunzehn Jahren von der Liebe oder dem Leben?

Johanna Baines: Auf einer Rinderfarm bei Oak Hill, Alabama, aufgewachsen, war eine junge, schöne Frau, deren dunkelblondes Haar zuweilen in goldenem Schimmer glänzte, und ihre hellblauen Augen konnten je nach Licht ein silbernes Leuchten ausstrahlen. Nie über 1,60 hinausgewachsen, war ihr schlanker Körper wohlgeformt, wirkte aber dennoch fast kindlich, rein und unberührt, und das war Johanna D’Arcy seinerzeit, als sie mit achtzehn Jahren William Baines kennen gelernt hatte. Heute stand sie in Westchester County vor ihrem Hochzeitsgeschenk, welches wie die anderen Titanics in der Straße Wohlstand implizierte, dazwischen großzügige, gepflegte Rasenflächen, Hecken und Bäume.

»Du sagst ja gar nichts? Möchtest du ein größeres Haus? Wir könnten es auch in einer anderen Farbe streichen lassen?«

In den Monaten, seit sie an Williams Seite war, gab es keinerlei Probleme mit Neuanschaffungen. Was Probleme bereitete, wurde ausgetauscht, zurückgegeben oder so oft zurechtgerückt, bis es passte. Mit Geld konnte man vieles zurechtrücken. Ja, ihr Mann war reich, zumindest sein alter Herr. Reichtum aus der Medizin und William war der alleinige Anwärter auf die ultimative Pharmakrone, mit einem Imperium, das tagtäglich größer wurde. Und wenngleich sein Vater die Sechzig weit überschritten hatte, marschierte er ausgesprochen vital durch das Leben.

Klein Will begleitete seinen Daddy, er konnte halbwegs laufen, in die Firma und Labore, wo er sich mit Medizinbüchern statt mit Kinderbüchern im Lesen übte. So, wie sein Vater in der Firma lebte, lebte ebenso sein Sohn in dieser, bis sein Vater, Harold Baines, vor einem Jahr das Appartement im Osten Manhattans für das junge Paar kaufte.

»Babe?« Zärtlich legte William den Arm um ihre Schulter. Abrupt kehrte Johanna in die Gegenwart zurück. »Entschuldige, was hast du gesagt?«

»Du hast mir wieder mal nicht zugehört. Mich interessiert es brennend, ob es dir gefällt, außer der Verpackung hast du ja bisher nichts gesehen.«

»Du meinst das Haus?«

Gefiel ihr dieses neue, luxuriöse Leben? Sie konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen und wenn sie nicht einmal eine derart simple Frage beantworten konnte, woher sollte sie wissen, ob ihr das neue Haus gefiel? Dennoch antwortete sie: »Es ist umwerfend, imposant.«

Die Maklerin fuhr vor und nach dem obligaten Begrüßungsritual führte sie das Ehepaar durch die Räumlichkeiten. Der Rundgang und die Sonderausstattungen wollten kein Ende nehmen. Im oberen Stock schnurrte die Maklerin, deren Namen Johanna schon wieder vergessen hatte, verschwörerisch: »Und hier oben haben wir die Schlafgemache, es sind vier an der Zahl!« Johanna kombinierte und kam auf drei Kinder. Wollte sie überhaupt Kinder?

Da die Maklerin und ihr Mann sich augenscheinlich einig waren, bedankte sie sich nach dem Rundgang mit einem innigen Kuss, was ihren Mann überglücklich machte, und insbesondere die Maklerin, die in ihrem roten Flitzer und einem fetten Vertragsabschluss in der Tasche davonfuhr.

»Und wann ist der große Umzug?«

Sogleich lächelte William vielsagend. »Die Umzugsfirma habe ich gestern bestellt.«

Trotz der eigenmächtigen Entscheidung ihres Mannes war Johanna erleichtert, etwas aus dem gröbsten Kuchen von New York City herauszukommen. Diese Stadt unterschied sich kaum von irgendeiner anderen Großstadt in Amerika, über denen täglich eine Glocke aus Smog hing. Die Städte wurden fortwährend dunkler und in ihnen hing der Geruch von Armut, Gewalt und Tod.

Aufgewachsen war Johanna auf der kleinen Rinderfarm bei ihrer Tante Alice und Onkel Bob und wurde von ihrer Tante, die früher Lehrerin war, zu Hause unterrichtet. Alice und Bob Hopkins, beide fast siebzig Jahre alt, vertraten die Ansicht, dass der sicherste Ort für ein Kind eine abgelegene Farm sei. Beide beteuerten, dass Johanna bei ihnen alles lernen würde, was für ihr späteres Leben vonnöten sei, was dem kleinen Mädchen unwillkürlich den Eindruck vermittelte, dass man im Leben sehr wenig benötigte. Auf der Farm gab es keinen Fernseher und was sie heute über die Welt wusste, hatte sie aus den Nachrichten im Radio und unzähligen Büchern gelernt, durch die sie sich in jeder freien Minute hindurchgelesen hatte.

Dann, an ihrem achtzehnten Geburtstag, eröffnete ihr Bob, dass sie von heute an in der Pension »Heiliges Kreuz« in Bervick, Maine, leben würde, dort hätte sie eine Anstellung als Kellnerin in einem Truckstop. Man habe sie großgezogen und damit sei ihre Pflicht erfüllt. Die junge Frau war keineswegs überrascht, dass man sie von einem Tag auf den anderen quasi vor die Tür setzte, die alten Leute waren gelinde ausgedrückt ein bisschen skurril. Sie untersagten Johanna auch strikt, Kontakt zu anderen Leuten zu pflegen, so handhabten sie es selbst. Es war wie Onkel Bob sagte, man hatte sie aufgenommen und großgezogen, mehr als diese Pflicht brachten ihre Verwandten nie für sie auf.

Mit vier Jahren übergab man Johanna in die Obhut der Verwandten. Irgendwann hatte das Kind aufgehört, Fragen zu stellen, auf die sie konstant die gleiche Antwort bekam: Ihre Mutter sei ihrem Herzen und einem Mann gefolgt, der in Argentinien lebte. Dort wollten sie eine Ranch kaufen und das Kind nachholen. Dazu kam es allerdings nie. Angeblich hatte man sie überfallen und ermordet.

Weil sie an der abenteuerlichen Geschichte zweifelte, fragte sie routinemäßig nach, die Antwort blieb dieselbe, der Ton wurde jedoch mit jedem Jahr ungehaltener. Beim letzten Mal herrschte Onkel Bob sie an: ›Deine Mutter war eine Hure und wäre sie nicht mit diesem Ausländer durchgebrannt, wäre es ein anderer gewesen. Sie ist tot und basta!‹

Im letzten Jahr hatte William sie dann bei den Nachforschungen unterstützt und konnte ihr letztendlich den Polizeibericht aus Argentinien vorlegen. Ihre Mutter musste wirklich ihrem Herzen gefolgt sein, was sie in Johannas Augen keinesfalls zur Hure abstempelte.

Die Pension »Heiliges Kreuz« war vergleichbar mit einem kleinen Kloster. Die Inhaberin, eine ältere Dame, zitierte bei jeder Gelegenheit die Bibel. Da Johanna nie mit einer Religion konfrontiert wurde, erschien ihr das Gehabe sonderbar. Was die Arbeit im Truckstop anbelangte, die war kein Lichtblick. Sie konnte jetzt zwar an ihren freien Tagen in die Stadt gehen und Menschen kennenlernen, aber da die junge Frau ihr ganzes bisheriges Leben von den Menschen abgeschottet worden war, brachte sie selten den Mut auf: Zu viel Stadt, zu viele Menschen und Geräusche, kurzum, in der für sie neuen Welt gab es von allem zu viel. Und an jedem Tag dachte sie betrübt, ob dies fortan ihr Leben sei? Mehr als das, sie überlegte sich ernsthaft, ob sie sich überhaupt im richtigen Leben befand?

Versonnen nahm Johanna das Hochzeitsbild vom Nachttisch und betrachtete es. Bis vor Kurzem war sie ein mittelloser Niemand gewesen, und heute hatte sie alles, ohne irgendetwas dafür getan zu haben. Zweifellos war William ein guter Ehemann. Dessen ungeachtet befürchtete sie, von ihrem Leben und der Stadt verschlungen zu werden, sich zu verlieren. Konnte man sich verlieren, ohne zu wissen, wer man war? Obwohl sie auf der Farm nichts gehabt hatte, war Johanna davon überzeugt, dass etwas von damals langsam verloren ging. Etwas, das sie in dieser Stadt niemals finden würde, und sie konnte nicht einmal sagen was.

Das Telefon riss sie aus ihren Überlegungen.

»Babe, es gibt eine kleine Änderung. Ich habe eine Überraschung für dich.« Ihr Mann klang aufgeregt. »Wir verreisen demnächst.«

»Aber wir ziehen in Kürze in das neue Haus und ich wollte die Einrichtung …«

»Keine Angst, Darling«, fuhr er ihr dazwischen, »was nicht fertig ist, erledigen wir, wenn wir zurückkommen.«

»Und von wo kommen wir wann zurück?«

»Simbabwe, Afrika. Genauer gesagt ist unser Ziel Murewa. Von dort werden wir weiter ins Landesinnere reisen. Was rede ich da, Afrika ist Afrika, es wird dir gefallen. Wir bleiben ein paar Tage, höchstens eine Woche, hängt davon ab, wie die Arbeit läuft.«

Wollte Johanna nach Afrika reisen? Auch darauf hatte sie keine Antwort. Sie bekam dagegen allmählich Lust, das neue Haus einzurichten. »Will?«

»Hm …« Der war anscheinend mit irgendwelchen Papieren beschäftigt. Dieses »Hm« gab er dann von sich, wenn ein Teil von ihm mit ihr sprach, währenddessen der Rest anderes bearbeitete.

»Wenn du zur Hälfte arbeiten musst, könnte ich inzwischen das Haus einrichten, sozusagen als Überraschung?«, schlug sie zaghaft vor.

»Ich soll ohne dich fliegen?« Er klang aufgebracht. »Und was fange ich mit der anderen Hälfte meiner Zeit an, in der ich frei habe? Außerdem würde ich dich fürchterlich vermissen!« Sein Tonfall wurde sogleich leiser: »Du hast keine Lust mitzukommen?«

»Ich … ja … und nein.«

»Manchmal spricht der wahre Politiker aus dir.« Eine kurze Pause entstand. »Weswegen ich eigentlich anrufe«, fuhr William fort, »Harold hat uns eingeladen, in der Firma mit ihm zu essen, in zwei Stunden holt dich ein Wagen ab.«

Das war typisch für ihren Mann, urplötzlich hüpfte er auf ein anderes Spielfeld, in der Annahme, dass die andere Person hinterherhüpfen würde, was zutraf, denn er war wie sein Vater – ein Baines.

Zwei Stunden später stand Johanna vor dem Spiegel und band ihr Haar, das ihr in sanften Wogen über die Schulter fiel, locker im Nacken zusammen. Sie mochte es nicht, dass William ihr ständig einen Wagen schickte, diesbezüglich war er unerbittlich. Nach Johannas bestandener Fahrprüfung schenkte er ihr einen echten Oldtimer, einen VW Käfer, den sie sich gewünscht hatte. Er nannte das Gefährt schelmisch ihren Krabbelkäfer. Nun stand ihr kleiner Käfer in der Garage des Appartementhauses, neben all den Edelkarossen – und mehr tat er nicht.

Geräuschlos kroch die Limousine durch den abendlichen Verkehr. Versonnen blickte Johanna aus dem Fenster und stellte sich mental auf ihren Schwiegervater ein. Harold Baines war ein Mann, der es gewohnt war, dass sein Wille ausnahmslos befolgt wurde. Seine äußere Erscheinung entsprach der eines gütigen Großvaters; schmaler Körperbau mit lichtem, weißem Haar, sanftem Gesichtsausdruck und eine Haut, die an in der Sonne gegerbtes Leder erinnerte. So liebenswert und zerbrechlich seine äußere Erscheinung wirkte, so schnell verstummte alles um ihn herum, erhob Harold Baines sein Stimmorgan. Bisweilen glaubte Johanna, sogar die Welt würde dann aufhören zu atmen.

Für Harold gab es ausschließlich seine Geschäfte, und sie hatte bislang nie gehört, dass er einen Mitarbeiter gelobt hätte, seinen Sohn eingeschlossen. Nichtsdestotrotz musste seine Armee von Angestellten gute Arbeit leisten, sein Unternehmen deckte praktisch die ganzen Arzneiabsätze in Amerika ab.

Die junge Frau war dem alten Herrn erst ein paar Mal begegnet, jedoch abgesehen von ihrer Hochzeit, die im kleinsten Rahmen außerhalb von New York stattfand, nur in der Firma. Als sie bei ihrem ersten Besuch das gewaltige Gebäude betrat, dessen Turm hoch über die Wall Street hinausragte, wurde ihr bewusst, dass sie mit einem Imperium verheiratet sein würde. Der alte Mann begrüßte sie mit den Worten: »Da bist du ja endlich, mein Engel, ich musste eine Ewigkeit auf dich warten.« Sie fragte, was er damit meine, und er antwortete: »Dass mein Sohn die Richtige findet.«

Da Johanna von Natur aus neugierig war, erkundigte sie sich weiter, woher er denn wissen könne, dass sie die Richtige sei, und damit hatte sie die Grenzen von Harold Baines überschritten. Sein Urteilsvermögen infrage zu stellen war sehr gewagt, und die Antwort erschreckte sie. »Ich bin ein Baines, durch und durch reines Blut. Ich weiß alles, und was sich meiner Kenntnis entzieht, finden andere im Nu für mich heraus«, sagte der alte Mann erregt, fügte dann versöhnlicher hinzu: »Von wem hast du diese Fragerei geerbt? Auf keinen Fall von den zwei Idioten auf der Schweinefarm.«

»Rinderfarm. Es ist eine Rinderfarm«, korrigierte sie ihn.

»Rinder, Schweine, was macht das für einen Unterschied«, spottete er. »Komm her, mein Kind, schenke mir eine Umarmung und lass dich ansehen.«

Dies war Johannas erste Begegnung mit ihrem Schwiegervater. Grundsätzlich mochte sie den alten Herrn, gleichzeitig beschlich sie ein Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte.

 

3

Mit leidgeprüfter Miene durchstreifte Mike sein Appartement. Dann bezog er das Bett frisch und stopfte die schmutzige Wäsche in einen der Beutel, die Mr Lee den Kunden in die Pakete mit der sauberen Wäsche legte. Anschließend sammelte er alles ein, was gewaschen werden sollte. Mit einem zweiten Beutel ging er ins Bad, um den Wäschekorb zu leeren, da klopfte es an der Tür. Den Beutel in der Hand lief er zur Wohnungstür und spähte durch den Spion. Anfangs war da bloß ein dunkler Fleck zu sehen, der entfernte sich rasch und ein in die Länge gezogener Kopf tauchte auf: Holly Bloom!

»Mike, ich weiß, dass du da bist, deine alte Karre steht in der Straße.«

Diese Frau war unerbittlich. Missmutig öffnete er die Tür: »Komm rein, aber erwarte nicht, dass ich mich über deinen unangemeldeten Besuch freue.«

Maggys frühere Freundin huschte herein. »Hi Mike, schön dich zu sehen.«

Statt den Gruß zu erwidern, bemerkte er mürrisch: »Sind schon zwei Monate vergangen?« und ging voraus ins Wohnzimmer.

»Um genau zu sein, es sind drei. Ich war beschäftigt, meine Klienten rennen mir die Bude ein, weiß der Geier was gerade los ist.«

»Was beklagst du dich? Du bist eine Psychotante und verdienst schließlich ganz ordentlich damit.« Er atmete hörbar aus. »Ich würde heute gerne auf deine ausschweifenden Vorträge, inklusive diversen Fußnoten verzichten. Also schlage ich vor, wir kürzen das Ganze ab und kommen zu dem Teil, an dem ich dich zur Tür begleite und verspreche anzurufen, wenn mir danach ist?«

»Was du mitnichten wirst, das ist uns beiden klar. Deshalb komme ich sporadisch vorbei, reiße alte Wunden auf, mache dich wütend auf mich und stecke ein was du austeilst.«

Er ließ sie im Wohnzimmer stehen und ging mit dem Wäschebeutel ins Bad, von wo zu seinem Bedauern weiterhin ihre Stimme zu ihm drang: »Auch ich traure um Maggy und es hilft mir nicht, vor meiner Trauer wegzulaufen. Höchstwahrscheinlich bin ich egoistisch und will damit mir selbst helfen, indem ich dir gelegentlich auf die Pelle rücke.«

»Schön konnte ich dir helfen. Du findest den Weg hinaus ja allein,« rief er es aus dem Bad.

»Du würdest am Ende meine Besuche vermissen.«

Er kam ins Wohnzimmer. »Kann sein. Wäre einen Versuch wert.«

»Dein Eingeständnis, welches du nicht ernst meinst, könnte man fast als Durchbruch bezeichnen.« Sie lachte und setzte sich auf die Couch, nachdem sie einen Platz freigeschaufelt hatte. »Dem Zustand deines Appartements nach zu urteilen, ist es schwer vorstellbar, dass du eine Putzfrau in Diensten hast. Hast du die alte Mrs Sanchez vergrault oder hat sie bei dem Saustall das Handtuch geworfen?«

»Eine ihrer Töchter hat ein Kind bekommen, sie kommt nächste Woche zurück.«

»Warum stellst du auch eine Putzfrau ein, die mindestens acht Kinder hat, die allesamt ununterbrochen Kinder bekommen?«

»Davon hatte ich bei der Einstellung keine Ahnung. Aber sie ist gut, und diskret.«

»Lebt sie noch im Armenviertel?«

»Denk ja.« Mike bezweifelte, dass seine Putzfrau überhaupt legal im Land war.

In freudiger Erwartung rieb sich Holly die Hände und bekundete: »Wenn ich schon hier bin, findest du noch zwei saubere Tassen, Kaffee und Milch, die nicht in Klümpchen aus der Packung flutscht?«

Zweifelnd, ob er Hollys hohen Anforderungen gerecht werden konnte, lief Mike in die Küche. Mrs Sanchez putzte zum einen einwandfrei, sie sorgte überdies dafür, dass gewisse Grundnahrungsmittel vorhanden waren und entsorgte zugleich, was nächstens selbstständig aus dem Kühlschrank kroch. Nach einer Weile kam er mit zwei Tassen schwarzem Kaffee und setzte sich zu Holly auf die Couch. »Die Milch ist hinüber.«

Sie nahm ihm dankend die Tasse ab. »Mike, wie geht es dir?«

»Haben wir den Teil nicht schon hinter uns?«

»Du zeigst mir beharrlich, dass ich unwillkommen bin.«

»Und du kommst beharrlich wieder«, konterte er.

Sie griff nach seiner Hand. »Du weißt, weshalb mein Anblick dir unerträglich ist. Denkst du, Maggy hätte gewollt, dass du dich zu Tode säufst?«

Er entzog ihr seine Hand, stand genervt auf und funkelte sie garstig an. Jedes Mal, wenn diese Frau kam, rammte sie ihm mit ihrer bloßen Anwesenheit einen Dolch ins Herz.

»Mike, ich bin nicht dein Feind. Maggy war meine beste Freundin, wie könntest du mir gleichgültig sein? Und eines kann ich dir sagen; ich gebe dich niemals auf.«

Er schaute Maggys Freundin schweigend an. Hätte er Holly nicht gekannt, hätte er ihr kaum die zweiundfünfzig Jahre zugeschrieben, eher vierzig. Ihre Augen, die Güte ausstrahlten, blickten bittend zu ihm hoch. Er setzte sich wieder hin, legte seine Hand auf ihren Arm und sagte: »Bleib dran, ich brauche deine Tritte. Bilde dir aber nichts darauf ein, du hast genug Psychos, die dir dein Ego küssen.«

Holly wuschelte durch sein Haar und stand auf. »Okay, und weil wir heute immense Fortschritte gemacht haben, noch einen letzten Tritt: Wenn ich dein Appartement ansehe, ist es so, als müsste Maggy gleich zur Tür hereinkommen. Du hast absolut nichts verändert, seit sie tot ist.«

Genauso war es. Seine verstorbene Frau war überall, reichlich Erinnerungen und damit Gründe zum Saufen. In grimmigem Schweigen gehüllt begleitete er Holly zur Tür, wo sie ihm zum Abschied sagte: »Fang in einem Zimmer an, lass Maggy zu dir sprechen, sie wird dir helfen, Abschied zu nehmen.« Und nach dem obligaten »Bis zum nächsten Mal«, war Holly Bloom aus seinem Leben verschwunden, und bei jedem Besuch blieb etwas von ihr zurück, scheinbar achtlos fallengelassen. Mike tat, was er stetig pflegte zu tun, stürmte Maggys Freundin ähnlich eines Tornados durch sein Leben; er stakste in die Küche, holte eine Flasche Bourbon und ein Glas.

4

Im Schritttempo bog die Limousine auf das Firmengelände ein und hielt an der Treppe, die zu den gigantischen, gläsernen Eingangstüren führte. Der Fahrer öffnete Johanna die Tür. »Wir sind da, Mrs Johanna.«

»Danke, Frank.« Oder war es Fred? Sie konnte sich die Namen nie merken, gab es auch so viele Fahrer, und die waren erzogen worden, diskret hinzunehmen, wie man sie nannte.

In der Eingangshalle begrüßte der Portier sie: »Mrs Johanna, Ihr Mann und Schwiegervater erwarten Sie bereits oben im kleinen Salon.«

Mit einem Blick auf sein Jackett, erwiderte sie: »Danke, Mr Scott.«

»Für Sie einfach Tony, Ma’am.«

In jedem Stock beaufsichtigte ein Wachmann, wenn auch nicht im Alter von Tony Scott, die Kameras für die jeweilige Etage. Zusätzlich gab es Wach- und Putzpersonal, das in der Nacht durch die Gänge des Gebäudes streifte. Diese Firma lebte Tag und Nacht, in den Laboren unter der Erde wurde rund um die Uhr gearbeitet.

In den 83. Stock gleitend, lauschte Johanna der seichten Musik, die in den Fahrstühlen dahinplätscherte. Mit einem sanften »Ping« wurde ihr mitgeteilt, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Sie grüßte einen weiteren Wachmann und schritt dann den langen Gang hinunter, an dessen Ende die privaten Räume ihres Schwiegervaters lagen, und streckte den Kopf durch die Tür.

William, der sich mit seinem Vater unterhalten hatte, kam ihr entgegen und umarmte sie. Harold blieb im Raum stehen und breitete seine Arme aus. »Johanna, mein Kind, da bist du ja. Verzeih mir die kurzfristige Einladung, du hattest doch nichts Besseres vor?« Ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter: »Wir sehen uns zu selten, die Arbeit. Eines Tages wird es William ebenfalls so ergehen und dann deinen Kindern.« Letzteres löste bei ihrem Schwiegervater ein Lachen und bei Johanna Unbehagen aus.

»William ist heute schon viel in der Firma und ich denke, er macht seine Sache gut«, verteidigte sie ihren Mann.

»Ja, ja, William ist ein guter Junge, erledigt seine Arbeit ordentlich.«

Der stierte verlegen auf den Boden, unterdessen hüpfte sein Vater auf das nächste Spielfeld. »Johanna, ich habe gehört, du hast keine Lust, mit nach Afrika zu reisen?«

Sie räusperte sich. »Wir ziehen ja in Kürze in das neue Haus und ich wollte es einrichten.«

»Nett, das ist nett.« Harold fing an mit auf dem Rücken verschränkten Armen im Raum umherzustreifen und setzte an, um seinen Standpunkt eloquent darzulegen: »Liebes, ich möchte, dass du meine Firma besser kennenlernst, dir einen Einblick verschaffst. Afrika ist ein hübscher Kontinent, obschon in vielen Gebieten ausnehmend primitiv und in einem äußerst desolaten Zustand. Dieser schwarze Kontinent ist auf unsere Hilfe angewiesen. De facto, die Menschen dort brauchen einen Vater wie die USA, der für sie sorgt. Sie sind vergleichbar mit schwierigen Kindern – kranken Kindern –, die wir seit vielen Jahren betreuen. Wir sind nicht nur das größte Pharmaunternehmen im ganzen Land, ein weitaus wichtigerer Zweig ist die Forschung.« Er blieb vor Johanna stehen, umfasste ihre Schultern und sagte sanft: »Es ist mein Lebenswerk, die Menschheit von jeglichem Leid zu befreien. Das ist mein Erbe – und jetzt deines.«

Johanna war sich unschlüssig, was sie auf seine überaus wirkungsvolle Rede erwidern konnte, außer: »Ich verstehe.«

»Sehr schön. Und nun lass uns essen. Du magst Hummer?«

Sie nickte und ließ sich von ihrem Schwiegervater an den Tisch führen. Sein Sohn hatte kein Wort gesprochen, wie meist, war der alte Herr mit ihm im selben Raum.

Beim Essen nahm Johanna allen Mut zusammen und kam auf ihr Auto zu sprechen. »Harold, William hat mir doch ein Auto gekauft …«

»Ja, nettes kleines Ding. Deutsches Modell, bedauerlicherweise völlig veraltet.«

Ohne auf letztere Bemerkung einzugehen, sprach sie ihre Bitte aus: »Ich möchte ihn gerne ab und zu fahren.«

Der alte Mann tupfte sich gemächlich mit der Serviette den Mund ab, legte sie dann wortlos und behutsam neben seinen Teller.

»Ich bin eine gute Fahrerin«, begehrte Johanna auf, die das Thema des Öfteren bei ihrem Mann erfolglos angeschnitten hatte.

»Ich habe keinerlei Bedenken, bezüglich deiner Fahrkünste, Liebes«, sagte ihr Schwiegervater leise und senkte den Kopf. Als er sie erneut ansah, glänzten Tränen in seinen Augen. »Johanna, Williams Mutter war auch eine gute Fahrerin. Katharina würde heute mit uns diesen vorzüglichen Hummer genießen, aber so ein Idiot ist hinter dem Steuer seines Wagens eingeschlafen und hat sie von der Straße abgedrängt. Sie war hochschwanger mit William …« Nach einer dramatischen Pause merkte er mit brüchiger Stimme an: »Für meine Frau kam jede Hilfe zu spät.«

Betroffen blickte Johanna in ihren Schoß, den Tränen nahe sagte sie: »Es tut mir sehr leid, Harold.« Sie wusste, dass Williams Mutter gestorben war, allerdings schwieg sich ihr Mann hierbei aus. Der Name seiner Mutter war so tief begraben worden wie die Frau selbst.

Harold nahm ihre Hand. »Johanna, es hat mir damals das Herz gebrochen, ich bitte dich, brich es mir nicht noch einmal. Es wäre für mich unerträglich, wenn dir irgendetwas zustößt.«

»Es tut mir leid …«, wiederholte sie. »Das wusste ich nicht.«

Der alte Mann schaute sie bedächtig an. »Du musst begreifen, Liebes, ein Fahrer ist ein zusätzlicher Schutz für dich. Sicherlich achten mich die Menschen. Was noch nie da gewesen ist, könnte hingegen auf einmal eintreten, wenn auch die wenigsten Kenntnis davon haben, dass du Williams Frau bist und er im Land ist. Es beruhigt mich ungemein, jemanden in deiner Nähe zu wissen.« Dann schlug er vor: »Soll Fred deinen kleinen, deutschen Wagen nehmen, um dich zu chauffieren? Er hat zu tun, was du ihm aufträgst.«

Sie erwiderte nichts, das war keine Option.

»Bist du jetzt böse auf den alten Harold?«

»Nein«, entgegnete sie leise.

Sanft strich er über ihre Wange. »Du ahnst nicht, was du mir bedeutest, Kindchen. Als hätte ich ein Leben lang auf dich, meine Tochter, gewartet.« Er schüttelte energisch den Kopf. »Du musst mich für einen alten Narren halten. Doch ich sage dir, die Welt da draußen ist dunkel und ich alter Narr erkenne, wenn ich ein reines Wesen vor mir habe, denn einzig ein solches vermag mein Herz zu berühren.«

Bevor Johanna etwas erwidern konnte, stand ihr Schwiegervater auf und verkündete unerwartet: »Ich habe zu arbeiten!« Er küsste sie auf die Stirn, nickte seinem Sohn flüchtig zu und verließ den Raum. Und wiederum durchfuhr Johanna dieses undefinierbare Gefühl. Mehr noch, an diesem Abend erkannte sie, dass etwas außerordentlich Kraftvolles von dem alten Mann ausging.

Auf der Rückfahrt war Johanna in Grübeleien versunken. Ihr Schwiegervater war ein knallharter Geschäftsmann, dessen Angestellte ausnahmslos loyal zu ihm standen. Für die Menschen im Land war Harold Baines ein Heiliger, Unmengen an Geldern flossen durch ihn in soziale Einrichtungen. Man konnte gut und gerne sagen, dass es der Unterschicht ohne ihn um einiges schlechter gehen würde, falls das möglich war. Darüber hinaus hatte er die Mächtigen und Reichen des Landes in seiner Tasche. Und dachte sie zuvor, ihr Schwiegervater hätte kein Herz, so hatte er es heute geschafft, dass ihre zu berühren. »William?«

»Ja, Darling?«

»Dein Vater irritiert mich.«

Er nahm zärtlich ihre Hand. »Bitte, lass uns heute Abend nicht über Harold sprechen, ich möchte bei dir sein – und nur mit dir.«

Sie küsste ihn, scherzte dann: »Dann werde ich meinen Käfer in unser neues Haus stellen, Platz haben wir ja genug. Ich rüste ihn um und richte eine Hausbar darin ein.«

Daraufhin lachte William, trotzdem schien es Johanna, dass ein Teil von ihm weinte.

5

Johanna und ihr Mann wurden in der Limousine nach Hause chauffiert. Harold Baines saß in seinem Büro am Schreibtisch und strich sich mit der Hand müde über das Gesicht. Die Kraft, die von Johanna ausging, war weitaus intensiver als bei ihrer Mutter. Darauf war er keineswegs vorbereitet gewesen, sie riss jede Mauer nieder, die er errichtet hatte, und die junge Frau war sich dessen nicht einmal bewusst. Er drückte eine Taste an der Sprechanlage. »Peter, kommen Sie zu mir.«

»Sofort, Sir.«

Peter Miller: Harolds rechte Hand und oftmals sein Fußabtreter. Wollte man zum Boss, führte kein Weg an dem ergrauten, sechzigjährigen Peter vorbei, und alles, was aus Baines’ Büro hinaus- oder hineinging, lief über ihn, nicht über William. Ferner war Peter – so sein Vater vor ihm – seinem Herrn treu ergeben.

Er öffnete die Tür, sein Boss winkte ihn ungeduldig zu sich. »Warum hat das so lange gedauert?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort: »Johanna fliegt mit meinem Sohn nach Afrika.«

»Sir, bitte vergeben Sie mir, wenn ich meine Zweifel zum Ausdruck …«

»Was reden Sie da, ich will es so, und basta! Sie soll einen Einblick in unsere Arbeit erhalten, zudem möchte ich sehen, wie sie auf gewisse Dinge reagiert.«

»Sie ist ein wenig eigenwillig, wenn ich mir die Bemerkung …«

»Jaja, das hat sie von ihrer Mutter, Gloria, auch die war eine ungemein starke Frau.«

»Aber …«

»Nichts aber«, keifte der alte Mann, »schauen Sie sich diesen Schwachkopf William an – mein Sohn, pah! Wäre seine Mutter weniger eigensinnig gewesen, hätte ich heute den perfekten Sohn an meiner Seite, aber diese dämliche Kuh musste ja aus der Versuchsreihe abhauen. Und hätte der Lastwagenfahrer ganze Arbeit geleistet, müsste ich mich nicht mit einem Sohn herumschlagen, der so unbrauchbar ist wie die meisten Idioten in dieser Stadt.« Baines erhob sich und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das wird nie wieder vorkommen!«

William verkörperte eine demütigende Niederlage in Harolds Leben, und von denen gab es praktisch keine. Und besagte Niederlage, den Verrat an seiner Person, musste er jeden Tag ansehen, was ihn bis heute in Rage versetzte. Doch nun war endlich Johanna bei ihm. Der Gedanke an sie stimmte ihn versöhnlicher. Er verschränkte die Arme hinter dem Rücken und blickte aus dem Fenster.

»Diese Stadt ist dem Untergang geweiht, die Menschen wurden ihres freien Willens beraubt. Das ist die Finsternis, Peter, sie ist die wahre Quelle des Lebens …« Abrupt wandte er sich vom Fenster ab. »Veranlassen Sie, dass Johanna künftig ihre gynäkologischen Untersuchungen bei uns macht, und ich möchte jeden Bericht umgehend auf meinem Schreibtisch.«

»Wann soll sie befruchtet werden?«

»Das hat noch Zeit.«

»Und gesetzt den Falls, sie wird von Ihrem Sohn schwanger?«

»William ist unfruchtbar, dafür habe ich längst gesorgt.« Eindringlich fokussierte er seinen treuesten Mitarbeiter. »Und Peter, ich möchte zu jedem Zeitpunkt wissen, wo sich Johanna aufhält. Dennoch soll sie sich frei bewegen können.«

»Ihre Mutter hat sich von uns abgewendet. Ich habe kein gutes Gefühl.«

»Ihre Gefühle interessieren mich ebenso wenig wie Ihre Zweifel. Jeder Schritt in Johannas Leben wurde von mir akkurat geplant und überwacht, so gesehen ist sie meine Tochter, und ich lasse nichts, von niemandem, auf sie kommen. Haben Sie das kapiert?«

Peter senkte demütig den Kopf. »Ja, Sir.«

»Und jetzt gehen Sie, ich möchte allein sein.«

Peter war gegangen und Harold setzte sich zurück an den Schreibtisch. Flink huschten seine alten Finger über die Tastatur des Computers, und was daraufhin aus dem Lautsprecher drang, entlockte ihm ein Lächeln. Es war die Aufzeichnung des Gespräches von William und Johanna in der Limousine. Johanna sprach über ihren kleinen Käfer.

Liebevoll sagte der alte Mann: »Johanna, mein Engel, du bist für Höheres bestimmt, als dein kleines Auto zu fahren.«

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