von: Stefan Diebitz
6. Dezember 2016
Kommentar

„Langweilig wird es an keiner Stelle“

Stefan Diebitz über das Werk von Wolfgang Marx
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Wolfgang Marx

© Wolfgang Marx

Vor vielen Jahren hat der damals alleinherrschende deutsche Literaturkritiker eifrig herumfuchtelnd und –grimassierend den „normalen Roman“ gefordert, was wohl die Abkehr von allen Experimenten und die Rückkehr zum gut verdaulichen Bestseller bedeuten sollte. Einer solchen Forderung versucht die Mehrzahl der deutschen Autoren schon von sich aus nachzukommen, denn man möchte ja gerne möglichst viele Bücher verkaufen; und zusätzlich findet die Mehrzahl der deutschen Verlage das Übersetzen durchschnittlicher Kost aus dem Englischen oder, noch besser, Amerikanischen so schön einfach und dazu erfolgversprechend. So ist es gut, dass es noch Autoren gibt, die andere Wege gehen. Einer von ihnen ist Wolfgang Marx, in seinem ersten Leben renommierter Hochschullehrer in München und Zürich, in seinem zweiten der Verfasser wenig bis überhaupt nicht beachteter Romane. Zuletzt erschienen Der Standpunkt der Schafe und Der göttliche Marquis 2012 und 2014 im Züricher KaMeRu-Verlag.

Wolfgang Marx ist kein Autor, der seinen Lesern allzu sehr entgegenkommt, ja, oft kann man denken, dass seine Erzählungen absichtlich gegen alle Regeln des „normalen“ Romans verstoßen, um den Leser zu provozieren. Wenn man von Megastar absieht – 1995 erschienen – wird keine Figur eingeführt und vorgestellt, es gibt keine langsam fortschreitende, sich allmählich entfaltende Handlung mit einem klaren Konflikt und einer schönen Auflösung, sei sie tragisch, sei sie eher glücklich, und wer das Geschehen im Klappentext zusammenfassen will, der steht auf verlorenem Posten.
Das geht nur deshalb, weil die Edition Das dritte Programm des Züricher KaMeRu Verlages sich auf „Urfassungen von Texten“ konzentriert, „in der Ursprünglichkeit ihrer Sprache und ohne die Absicht einer Marktanpassung.“ Und damit ist diese Edition ideal für den von der Norm abweichenden Roman eines Außenseiters, der ganz offensichtlich keinen Bestseller schreiben wollte, aber trotzdem einen interessanten und jederzeit unterhaltenden, also uneingeschränkt empfehlenswerten Roman vorgelegt hat.

Typisch für Marx ist es, dass die Figuren nicht eingeführt, vorgestellt und geschildert werden. Der göttliche Marquis beginnt auf einem Maskenball, auf dem die Teilnehmer Rokoko-Kostüme tragen, so dass der Leser also nicht dem Jugendfreund XY des Ich-Erzählers begegnet, von dem wir vorab Namen und alles Mögliche erfahren, sondern einem Kardinal, einem Marquis oder einer Frau namens „Sannchen“. So spielt sich von vornherein das Geschehen auf zwei Ebenen ab.
Dazu ist es typisch für diesen Autor, dass sich der Ort der Handlung in einem Restaurant oder irgendwo sonst in der Öffentlichkeit befindet, denn er liebt es, sich das Geschehen in Gesprächen aller Art entfalten zu lassen. Er besitzt einen ausgeprägten Hang zu Wortspielen, Anspielungen und Zitaten aller Art, so dass man manchmal denken kann, dass sich seine Bücher sehr gut als Vorlage für die Bühne eignen müssten.

Auch, wenn es zunächst schwierig ist, den roten Faden seiner Bücher zu entdecken: selbstverständlich gibt für jedes einen solchen roten Faden, und vielleicht sogar deren mehrere. Für Der göttliche Marquis ergibt er sich aus der Überschrift des 1. Kapitels: „Erinnerungen an Ultima Thule“. Diesen Ort muss man in der Nähe des schleswig-holsteinischen Rendsburg suchen, und der Rezensent tippt auf das Seebad Eckernförde, in dem der Autor zur Schule ging. Immer wieder im Laufe des kleinen Romans bespricht der Erzähler mit Jugendfreunden oder mit Kommilitonen aus seinen Universitätsjahren ganz besondere Erlebnisse, meist in einem anzüglichen Ton, gespickt mit allerlei Wortspielen – teils in der hohen Literatur wurzelnd, teils Werbeslogans parodierend.

Wo welche Geschichte spielt, wird meist am Dialekt deutlich: der Autor stammt aus Schleswig-Holstein, lebte lange in München und wohnt seit einiger Zeit in Zürich, und so finden sich Spötteleien über das Bayrische ebenso wie über das Züricher Deutsch. Es fängt in München an – die ersten vier Kapitel von Der göttliche Marquis spielen im Englischen Garten in München, und Zürich und Ultima Thule sind nur in den Gesprächen der Figuren anwesend. Auch Hamburg spielt eine gewisse Rolle. Oft werden die Sprach- und Sprechgewohnheiten des Ortes mit in die Darstellung hineingenommen; so wird zum Beispiel vom „Ratschen“ gesprochen (in richtigem Deutsch heißt das „Klönen“), wenn die Handlung in München Halt macht.

Der zweite rote Faden ergibt sich aus dem Titel des Buches. Der göttliche Marquis war alles andere als göttlich, denn bei ihm handelt es sich um niemand sonst als den Marquis de Sade, und so spielen sexuelle Anspielungen keine kleine Rolle in den Gesprächen, aus denen das Buch ausschließlich besteht. In den Worten des Romans: Alles, „was über den bloßen Triebablauf hinausgeht, ist schon virtuelle Realität, ist schon Luxus.“ Und auf jeden Fall wird es erst, wenn es über „den bloßen Triebablauf“ hinausgeht, in die Erzählung und ihre Dialoge hineingenommen und dort entfaltet.

In einen Dialog auch dann, wenn nur einer erzählt, denn die Fragen, ungläubigen Einwürfe und Korrekturen des Gesprächspartners sind natürlich Teil dieser Geschichte, die deshalb immer schon ironisch gebrochen ist. Dazu kommen die grundsätzlich in Klammern gesetzten Kommentare des Ich-Erzählers, die aus der Sicht des Autors den Kopf symbolisieren, in dem sich dieses alles abspielt – also eine Art innerer Monolog, der die Gespräche begleitet. Schon im Klappentext seines ersten Romans Essverwandtschaften heißt es: „Das Medium, das im Roman die Einheit stiftet, ist das Bewusstsein.“
Es sind Gespräche, zumindest äußerlich eher leichtfüßig-unterhaltender Small Talk, aber überaus anspielungsreich und dicht gewoben, ein lebhaftes, meist kontroverses oder vielleicht auch nur süffisantes Hin und Her. Die einzelnen Redebeiträge werden ganz konventionell mit Anführungsstrichen gekennzeichnet, aber gegen jedes Herkommen die Hinweise auf den Sprechenden in Klammern dazwischengesetzt, wie etwa ganz am Anfang von Der Standpunkt der Schafe:
„Der menschliche Verstand?“ (Da kann ich nur lachen.) „Die Dummheit ist die am besten verteilte Sache auf der Welt.“ (Mit ausgestreckter Hand jeden Widerspruch zurückweisend:)

An eine derartige Präsentation von Gesprächen in einem Roman muss man sich erst einmal gewöhnen. Auch ist es nicht leicht, sich eine Vorstellung von den einzelnen Personen zu machen, denn nur allmählich und immer ganz beiläufig finden sich Hinweise auf ihren Charakter, ihre Stellung oder auch ihre körperliche Konstitution. Im Standpunkt der Schafe sind es die Teilnehmer eines wissenschaftlichen Kongresses, also höchstwahrscheinlich Psychologen, wie auch der Inhalt ihrer Gespräche nahelegt; ziemlich oft sind es Unterhaltungen des Ich-Erzählers mit seiner Ehefrau Anna, einige Male als „Epilog im Badezimmer“ überschrieben.

Der Titel ist ziemlich rätselhaft, scheint uns aber zwei Hinweise auf den Inhalt zu geben – einmal sind Schafe nicht eben als besonders intelligent bekannt, und wie oben der erste Satz des Romans deutlich macht, geht es in den Gesprächen unter anderem um Dummheit; außerdem sind Schafe Opfer, sogar im wörtlichen Sinn bei religiösen Zeremonien, und wenn nicht dort, dann doch wenigstens in der Küche, worauf das Gießener „Schaulamm“ im Eingangsbereich eines Restaurants hinweist, in dem ein Schaf natürlich auch auf der Speisekarte auftaucht. Auch dank des Schaulamms sieht der Erzähler vor seinem „inneren Auge Schafe […] irgendwo auf einer Rampe im ländlichen England“.

Ein ganzes Kapitel ist etwas kryptisch „Schafe blicken auf“ überschrieben. Offenbar hat ein Ehepaar einen lieben Gast bei sich, und jetzt finden wir mokante Duelle, in denen es unter anderem um eine gemeinsame Vergangenheit an der Universität geht, um eine längst vergessene Studentenzeitschrift oder um jemanden, der der „arme Jacobi“ genannt wird. Aber es geht auch um die Schweiz als Rentnerparadies – und um den „Anspruch, klüger zu sein als alle anderen – das artet gelegentlich dazu aus, dümmer zu werden oder sich doch zumindest dümmer zu stellen als alle anderen.“ Und spätestens damit sind wir wieder beim Thema.

„Der Ich-Erzähler“, heißt es einmal, „ist kein Klon des Autors – manchmal freilich sein Clown.“ Das bedeutet wohl, dass das Buch nicht als Schlüsselroman gelesen werden will oder darf und man, auch wenn man sich in der Psychologenszene auskennt, sich nicht daran versuchen sollte, hinter den einzelnen Namen Anspielungen auf mehr oder wenige bekannte Kollegen und Kolleginnen zu suchen; geschehen aber wird dergleichen selbstverständlich trotzdem, man wird hinter der „Lady“ oder „der Pavlova“, hinter dem „Großen Zampano“ oder „Eddie“ die entsprechenden Menschen suchen und vielleicht ja auch finden. Aber nicht wir; schon deshalb nicht, weil wir nicht Teil der Szene sind, zusätzlich aber deshalb, weil man in diesem Fall den Roman als Literatur nicht ernstnehmen würde.

In den Gesprächen werden eigentlich alle Aspekte der menschlichen Komödie durchgespielt, ganz besonders auch jene, die sehr peinlich sind: Erinnerungen an die Prügel, die man als Kind erhielt zum Beispiel, oder der Toilettengang an und für sich. Es gibt allein eine einzige Ausnahme vom dialogischen Aufbau, das Kapitel „Der Liebe Tun“, bei dem man zunächst an ein Telefongespräch glaubt (man hört aber nur die eine Seite, die des Ich-Erzählers), bis man erkennt, dass es sich um einen inneren Monolog handelte – denn dann ruft seine Anna doch noch an, und es wird ein wirkliches Gespräch – wenngleich wir wiederum nur die eine Seite hören können.

Um die Erzählkunst des Autors, die Fülle seiner Andeutungen und die Verspieltheit seiner Dialoge und des raren Geschehens anschaulich zu machen, soll kurz auf eine einzige Episode aus dem vorletzten Kapitel eingegangen werden. Es geht um den Schmerz und um seine Zeichenhaftigkeit. Die Szene spielt offenbar in einer Kantine oder in einer Mensa – darüber wird kein Wort verloren. Eine Dame, die „Maggie“ genannt, aber mit keinem Wort vorgestellt wird, spricht mit dem Erzähler und gibt auf Nachfrage Auskunft über ihr eigenes Projekt. Es trägt den Arbeitstitel „Haut“, und sie sprechen über den berühmten gleichnamigen Roman von Malaparte und kommen auf Kafkas „Strafkolonie“ zu sprechen, in der eine feinsinnig ersonnene Maschine den Verbrechern ihr Urteil in die Haut gerbt, bis sie eben an dieser Tätowierung sterben.
Die Dame bestellt sich Tee, und was sie mit dem Teebeutel tut, das geschieht den Straftätern: sie „walkt mit dem Löffel den Teebeutel“ so lange, bis „die dünne Membran“ reißt und „Teeblätter […] aus dem Riss“ quellen. „Shit!“, so kommentiert sie dieses Vorkommnis, und eben darum ging es auch in den Kapiteln vorher, und zwar wörtlich.

Es ist eine anfangs gewöhnungsbedürftige und während des ganzen Buches durchaus anspruchsvolle Lektüre, die interessante und oft spritzige Dialoge bietet und so für gehörig Unterhaltung sorgt. Langweilig wird es an keiner Stelle, und so ist es vielleicht ja doch Unterhaltungsliteratur.

Stefan Diebitz
geboren 1957, studierte Philosophie und Germanistik. Neben zahlreichen philosophischen und literaturwissenschaftlichen Aufsätzen sowie Essays zur Geschichte des Schachs publizierte er eine Theorie der Angst- und Schamgefühle (Seelenkleid, LIT-Verlag, Münster 2005).
Im Verlag „der blaue reiter“ (vormals: omega verlag) erschien von ihm 2007 Glanz und Elend der Philosophie, eine glanzvolle Kritik der Gegenwartsphilosophie. Stefan Diebitz lebt und arbeitet in Lübeck.


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