von: Matthias Mueller
23. Januar 2020

„Im Hier und Jetzt“

Der Musiker und Vielleser Matthias Mueller las den Roman "Bittere Erde" von Piero Schäfer.

© "Bittere Erde" von Piero Schäfer - Werd Verlag

Bei Piero Schäfer von einem Jungautor zu sprechen, mutet etwas verwegen an, hat er doch erst mit 70 Jahren zum Schreiben von Romanen gefunden. Geschrieben hat er ein Leben lang, aber mehr im Dienste von anderen denn als freier Autor und Geschichtenerfinder. Er war Journalist bei der NZZ, Chefredaktor bei der WerbeWoche und dann als Inhaber eines Büros für Journalismus und Kommunikation Produzent diverser Zeitschriften.

 

Sein Schreiben ist deshalb auch höchst professionell und beim angenehmen Lesen seiner Romane, profitiert man von seinem über Jahrzehnte einverleibten Sprachvermögen. Aber es ist keine leichte Kost, die Schäfer uns anvertraut. Offenbar scheint hier eine noch weiter zurückliegende berufliche Orientierung hervor: Der Autor ist Doktor der Jurisprudenz, was in ihm möglicherweise vor allem den Gerechtigkeitssinn geschult hat. In beiden Romanen, so unterschiedlich sie auch sind, zeigt er schonungslos auf Ungerechtigkeiten und grässliche Zustände hin. In den «Piratinnen» beschreibt er das Leben in Zürich um 1500 und in «Bittere Erde» vermiest er uns die Vorstellung vom dolce vita im Ferienparadies Italien, das von Misswirtschaft und unter der Knechtschaft der Mafia leidet. Leidtragende sind dabei in erster Linie die Frauen. Wie muss es gewesen sein, als Frau im Mittelalter geboren zu sein? Entweder spielte man die untergeordnete Rolle einer anständigen, angepassten Dame, sofern man eine glücklich Geborene war und zeigte keine eigene Charakterstärke in der unmissverständlichen Unterordnung unter das männliche Geschlecht. Oder in allen anderen Fällen war man wohl Freiwild der lüsternen Männer, die ihrerseits ihr Leben auch nicht frei gestalten konnten und allzu oft in die unwürdige Reisläuferei gedrängt wurden, solange man noch über Muskelkraft verfügte und man in Kriegsdiensten von Nutzen war. Nachher – sofern man überlebte und erfolgreich andere tötete – blieb auch den Männern eh nur das hoffnungslose Dahinvegetieren, resp. der nahe erlösende Tod.

 

Schäfer zeigt sicher ein hartes wohl einseitiges Bild (im Zentrum steht ja eine Verbrecherin), aber Schönreden sollten wir die voraufklärerische Zeit nicht. Heute herrscht allenthalben eine Mittelalterverehrung, die eigentlich fehl am Platz ist. Das Mittelalter war ein grässliches Zeitalter, das die Mehrheit der Menschen (eigentlich alle) in menschenunwürdigen Umständen und vorgegebenen Bahnen gefangen hielt. Eindrücklich und richtig beschreibt Schäfer das unverzeihliche Verhalten der katholischen Klöster (hier in Rüti). Es war reinste Quälerei hinter einer scheinheiligen Kulisse und belohnt wurde nur fieses Anpassertum und die Denunziation. Noch heute schafft es die christliche Religion in ihrer katholischen, das heisst wahren Form, nicht, sich ihrer Geschichte zu stellen und sie abzuschütteln. Der Skandal um die Kinderschändung und die Geheimhaltung der unverzeihlichen Verbrechen bis hinauf zum Papst, gibt Schäfers Buch Brisanz und Aktualität, die uns direkt etwas angeht.

 

Im zweiten Roman «Bittere Erde» wird die Funktionsweise der Mafia aufgedeckt. Es ist ebenso eine Institution, die uneingeschränkten Gehorsam und Loyalität zur Kriminalität und Unmenschlichkeit verlangt. Frauen sind als Objekte der sexuellen Befriedigung der Männerbande dienlich, sie sind unweigerlich Spielbälle der aufgegeilten Männeraugen und gutes Aussehen für Frauen eher eine Gefahr als ein Geschenk. Wie sich ein solches System bis heute halten kann in einem Land, das sich wie wir in der Schweiz als aufgeklärt und rechtschaffen versteht, kann uns nicht kalt lassen. Die kürzlich begangenen Morde an Richtern und die Lebensgefahr in der der Journalist Roberto Saviano (Gomorrha) schwebt, zeigen, dass Schäfer nicht virtuos fantasiert, sondern auf einen wunden Punkt unsere Zeit hinweist.

 

Während sein erstes Buch eine lineare Erzählung ist, wächst Schäfer in «Bittere Erde» über sich hinaus. Das Buch zeigt nicht nur wie die Mafia eng mit der Schweiz verbunden ist – manche blutverschmierte Lire oder Euro wurde (oder wird?) in Schweizer Banken reingewaschen – es verquickt das gesellschaftliche Krebsgeschwür Mafia mit dem Problem der Immigration. Wie selbstverständlich wir uns in Pizzerias verköstigen und Secondos Antreiber des Schweizerischen Erfolges sind: Italiener waren allzu lange die unmenschlich behandelten Saisonniers und «Tschinggen», die man als Immigranten und Menschen 2. Klasse behandelte.

 

Schäfer zeigt brillant auf, wie verzerrt das Bild unserer Italiennostalgie ist, wie nachwirkend Immigration Menschen und Familien entwurzelt und Menschen zeitlebens zu Heimatlosen macht. Brillant, weil es weder moralinsauer oder mit besserwisserischer Emphase uns vor Augen gehalten wird. Fast nebensächlich neben der hier auch formal verquickt dargebotenen Story, wird beschrieben, in welcher Welt wir heute leben: Es ist nicht mehr das dunkle Mittelalter mit unübersehbarer Unmenschlichkeit – wir leben heute in einer oberflächlich sauberen Gesellschaft und es braucht den Blick von Literaten wie Piero Schäfer, die uns den Blick subtil auf das Dunkle öffnen, das verborgen liegt; uns in einer Weise auf wunde Punkte hinweist, wie es nur die Künste können.

 

Bei der Lektüre des älteren Jungautors wird auch offensichtlich, wie gut es tut, über unsere Geschichte und unsere Realität zu lesen. Nicht zufälligerweise boomen weiterhin Geschichten aus dem 3. Reich (v.a. im Film) und Erzählungen von Menschen aus krisengeschüttelten Gegenden. Literatur hat wie der Film Schwierigkeiten, Themen in unseren glitzernden Telflongesellschaften zu finden, die Interesse und Aufsehen erwecken. Max Frisch, Otto F. Walther und Zeitgenossen haben die Scheinheiligkeit der Schweiz aufgezeigt, Dürrenmatt hat den braven Bürger als Phantom entlarvt und die Gefahren des Biederen aufgezeigt. Heute braucht es neue Wege, um unsere schöne wunderbare Schweiz zu hinterfragen und auf Schwachstellen hinzuweisen. Schäfer findet einen eigenen unprätentiösen Weg. Dass es weiterhin dunkel Mittelalterliches gibt, steht ja sicher ausser Zweifel.

 

Das Schicksal der Anna Zollinger mit ihrem ruchlosen Leben in den «Piratinnen» geht nahe. Heute wäre sie möglicherweise eine furchtlose und gefeierte Managerin. Starke Frauen werden zum Glück in jüngster Zeit nicht mehr als verrückt oder magische Hexen in den Tod getrieben – aber vergessen wir nicht: Das historische Eis ist noch dünn auf dem sich unsere gerechteren Gesellschaften bewegen, zumal wir weltweit gesehen sicher zu den Vorreitern zu zählen sind. Wir sind erst auf dem Weg zum Besseren – Lohnungleichheit etc. zwingen uns zu weiteren Schritten. Unsere Systeme sind auch alles andere als gefestigt, rechtsnationale Tendenzen sind wieder auf dem Vormarsch und provozieren sogleich eine linksextreme Gegenreaktion. Das Eis muss sich festigen und zu Stein werden!

Wie erwähnt, Piero Schäfer ist kein Moralist und spielt sich in seinen Büchern nicht als ideologischer Besserwisser auf. Er beschreibt und führt uns lustvoll nahe, dass wir immer zulernen können, um uns besser zu verstehen. Im hier und jetzt.

Eine philosophische Frage wirbelt die Lektüre von Schäfers Erstlingen doppelt auf: Wie frei sind wir? Die Protagonisten in beiden Romanen sind Gefangene ihrer Herkunft und Zeit. Im Mittelalter gab es wirklich keine Freiheit! Das Leben war unterjocht und der Paradiesglaube war die einzige Freude im hiesigen Leben (neben den wohl sehr dünn gesäten Glücksmomenten) – der Tod war die unweigerliche Befreiung vom irdischen Desaster.

 

Eigentlich ein Wunder, wie weit die Menschheit in vielen Breitenkreisen gekommen ist. Wie dankbar müssen wir den Vorkämpfer*innen der aufgeklärten Menschlichkeit sein, die oftmals auf dem Scheiterhaufen oder Nachfolgebrennöfen dem Tod geweiht waren. Die Freiheit ist eine Mär, aber wir können weiterhin uns täglich bemühen, die Befreiung anzustreben und anderen aus ihrer Unterjochung zu befreien helfen. Es gibt die wahre Menschlichkeit – gerade die Geschichte lehrt uns, dass wir nicht fatalistisch sein müssen.

 

Hoffentlich ist es Piero Schäfer gegönnt, uns noch mit weiteren Romanen zu erhellen und das bereits Geschaffene trifft hoffentlich viele Leser*innen. Auch die Literaturkritik könnte doch ihr Interesse an einem älteren Jungautoren gewinnen. Seine persönliche Geschichte und späte Erweckung ist doch verdächtig einzigartig.

 

Matthias Mueller, Komponist und Musiker, Prof. ZHdK Zürich

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