von: Katja Hachenberg
7. November 2017
Kommentar

Ich bin, weil ich schreibe.

Die gesammelten Essays von Margaret Atwood bieten intime Einblicke in ihr Leben und Werk.
Von Katja Hachenberg
Piper Verlag

© Piper Verlag

Siebenundvierzig ausgewählte Essays und Artikel aus dem nahezu 50-jährigen literarischen Schaffen Margaret Atwoods versammelt der voluminöse Band erstmals in deutscher Sprache und lässt ein schillerndes Panorama des Schreibens und Wirkens der kanadischen Autorin entstehen, die in ihrer Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 2017 die Literatur als einen Versuch beschrieb zu ergründen, „warum Menschen tun, was sie tun“: Menschliches Verhalten, tugendhaftes wie teuflisches, habe sie immer wieder in Erstaunen versetzt.

 

„Aus Neugier und Leidenschaft“ ist in drei Teile untergliedert und chronologisch geordnet: Teil I umfasst Beiträge der Jahre 1970 bis 1989, Teil II der Jahre 1990 bis 1999, der letzte Teil schließlich der Jahre 2000 bis 2005. Das Buch sei „ein Mischmasch aus Gelegenheitswerken, also Werken, die für bestimmte Gelegenheiten geschrieben wurden“, bemerkt Atwood in ihrem Vorwort. Manchmal seien diese Gelegenheiten Bücher anderer Autoren gewesen, sodass Artikel oder Rezensionen entstanden; manchmal seien sie politischer Natur gewesen, woraus journalistische Arbeiten unterschiedlicher Art erwuchsen; und manchmal waren es Tode, an die sich die Bitte um das Schreiben eines Nachrufs knüpfte.

 

Atwood begann mit dem Schreiben dieser „Gelegenheitswerke“ in den 1950er Jahren, im Alter von sechzehn Jahren als Schülerin. Als Studentin schrieb sie Rezensionen und Artikel für das Literaturmagazin der Universität. Die Texte in „Aus Neugier und Leidenschaft“ beginnen 1970, als Atwood bereits zwei Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht hatte und auf dem Buchrücken als „preisgekrönte Autorin“ beschrieben wurde. Wenn sie sich jetzt diese Ansammlung von Seiten für das vorliegende Buch anschaue falle ihr auf, dass ihre Interessen über die Jahrzehnte hinweg relativ konstant geblieben seien. Das Rezensieren der Werke anderer zwinge einen, die eigenen ethischen und ästhetischen Vorlieben genauer zu betrachten. Die Gesammelten Essays geben solcherart auch Einblicke in Atwoods Geschichte als Leserin wie in ihre poetologischen Ansichten und Intentionen.

 

Im Original heißt das Buch „Curious Pursuits“ — „Passionate Pursuits“, bemerkt Atwood, sei als Titel treffender gewesen, hätte aber vielleicht bei einem Teil der Leserschaft („Männer in Trenchcoats“) falsche Erwartungen geweckt. In jedem Fall weisen beide Buchtitel, der letztendlich gewählte und der mögliche, auf die zentralen Charakteristika des Essaybandes hin: Neugierig und leidenschaftlich etwas zu verfolgen, etwas nachzujagen, um — vielleicht — einen Blick darauf zu ergattern. Der Band lässt das umfangreiche und formal wie inhaltlich vielfältige Spektrum von Atwoods Werk aufscheinen, dem keine Geringere als Alice Munro eine den Atem verschlagende Kraft, Eleganz und Vielfalt bescheinigte.

 

Während der 1970er und 1980er Jahre schrieb Atwood eine Reihe von Gedichtbänden und Romanen und veröffentlichte sie, darunter auch den „Report der Magd“. Anfang der Siebzigerjahre lebte sie in London, bei Kälte fror das Wasser in der Küche ein, Maximäntel zu hohen Stiefeln und Miniröcke aus Knittersamt waren in Mode. In London schrieb sie einen Gedichtband „Power Politics“ fertig und begann mit dem Schreiben eines Romans auf einer Schreibmaschine mit deutscher Tastatur. Es folgten ein Aufenthalt zur Untermiete nahe Saint-Tropez, wo sie auf einer gemieteten Schreibmaschine mit französischer Tastatur tippte, später dann ein Aufenthalt in Italien, wo sie den in London begonnenen Roman auf einer Schreibmaschine mit italienischer Tastatur vollendete. Es sind diese Einblicke in den Alltag einer Schriftstellerin, die dem Essayband zusätzlich Fleisch und Würze geben: Auf welcher Tastatur entstanden Texte, in welchen Räumen, an welchen Orten wurde geschrieben und gelebt? Welches waren die Bedingungen der Produktivität (Streik der Stromversorger und der Müllabfuhr, zugefrorene Wasserleitungen), wie kleidete sich die Autorin („meine Garderobe aus grauem Flanell … hatte definitiv ausgedient … Wenn ich zu der braunen Wildlederweste, die ich mir im Ausverkauf von Liberty’s zugelegt hatte, viel Schwarz trug …, würde diese mich in eine sehr viel beeindruckendere Persönlichkeit verwandeln; das war zumindest mein Plan“), welchen Menschen begegnete sie, wie gestaltete sich ihr Tagesablauf?

 

„Aus Neugier und Leidenschaft“ ermöglicht es dem Leser, mit Atwood zu reisen (Europa, Kanada, Australien, Afghanistan, Indien …) und zu erleben, wo und wie ihre Arbeiten entstanden (Reihenhaus, Ferienhaus, Pfarrhaus, Fischerhütte …). Das Buch nimmt uns mit auf Lyriklesungen, Expeditionen, in innere und äußere Landschaften, in Räume des Erfahrenen, Vergangenen und Imaginären. Es fordert dazu auf, den eigenen Blick zu schärfen und Stellung zu beziehen — zu den uns umgebenden Dingen, zur Welt und den Mitmenschen wie zum eigenen Leben, dem gelebten wie zukünftigen. Oder, wie Atwood in ihrer Dankesrede bemerkte: Diese Frage müssen sich die Bürger jedes Landes stellen: In welcher Welt wollen sie leben? Und sie fügt hinzu: „Ich mit meiner düsteren Weltsicht würde diesen Satz beschränken auf die Frage: Wollen sie leben?“

 

„Aus Neugier und Leidenschaft“ beinhaltet Rezensionen zu Werken Adrienne Richs, Anne Sextons, Northrop Fryes, Carol Shields’ und George Orwells (um nur einige zu nennen), Reflexionen auf literarische Themen und Motive (wie die Romanfigur Mann, das Genre Utopie, das Bild der bösen Frau), Notizen auf Reisen, politische Betrachtungen („Als in Afghanistan noch Frieden war“; „Brief an Amerika“) und lässt auch Blamagen im Leben der Autorin nicht aus („Wo errötet wird, da ist Leben“). Zu den schönsten Texten gehören „Nach Beechey Island“, Beschreibung einer Pilgerfahrt wie Nachdenken über das Pilgern als Phänomen, „Ent-deckt: Eine amerikanische Ilias“, Überlegungen zu mündlicher Dichtung, Mythos und dem, was uns in unserer Entwicklung zum Säkularen, Geordneten, Urbanen abhanden kam, „Grunge“ (Atwoods erste Reise nach Europa) und „Kopftuch oder Tod“, eine Besprechung des Romans „Schnee“ von Orhan Pamuk.

 

Die Reise nach Beechey Island tritt Atwood als befristete Mitarbeiterin der Organisation „Adventure Canada“ an, die das russische Forschungsschiff von „Peregrine“ gemietet hat, einer australischen Reisegesellschaft, die das Schiff für Kreuzfahrten in die Antarktis verpachtet. An Bord eine bunt gemischte Truppe: die russische Besetzung, die Australier, die den „Hotel-Aspekt“ der Reise betreuen, und die Kanadier, die für die teilnehmenden Reisegäste das tägliche Programm durchführen. Atwoods Aufgabe ist es, einige Vorträge zum Thema nordischer Exploration und wie sie von literarischen und künstlerischen Ideen geprägt ist, zu halten. Gereist wird auf derselben Route wie Franklin und seine Mannen, die 1847 zur Entdeckung der Nordwestpassage aufgebrochen waren und nie wieder gesehen wurden. Atwoods Pilgerfahrt folgt auch einem persönlichen Impetus: Ihre unmittelbare Motivation betrifft eine Freundin, die Lyrikerkollegin Gwendolyn MacEwen, die Mitte der 1960er Jahre, im Alter von Anfang zwanzig, ein bemerkenswertes Radio-Versdrama über die Franklin-Expedition schrieb, das sie nach den beiden Schiffen Franklins benannte: Terror und Erebus. Atwood hatte das Hörspiel bei seiner Ursendung gehört und war sehr beeindruckt gewesen, umso mehr, als Gwendolyn MacEwen nie in der Arktis gewesen war und die drei Grabstätten der Expedition nie besucht hatte: „Nur in der Fantasie hatte sie diese Wasser befahren und war mit Mitte vierzig gestorben, ohne je einen Eisberg gesehen zu haben“. Atwood unternimmt ihre Pilgerreise für die verstorbene Freundin: „Ich wollte hinfahren, wo sie nicht hinfahren konnte, dort stehen, wo sie nie stand, sehen, was sie nur vor dem inneren Auge gesehen hatte“. In einem ihrer Vorträge an Bord liest sie aus Gwendolyns Versdrama: „Das Auge erschafft den Horizont. / Das Ohr erfindet den Wind.“ Von der windgepeitschten Küste Beechey Islands nimmt Atwood einen Kieselstein mit, er sieht genauso aus wie die Millionen anderer Kieselsteine dort am Strand. Der Kieselstein reist in ihrem Schminktäschchen mit ihr zurück nach Toronto. An einem heißen Tag Mitte September steckt sie sich diesen Stein von Beechey Island in die Tasche und läuft zum Gwendolyn MacEwen Park, gräbt ein Loch in den Boden und steckt den Stein hinein: „Jetzt befindet sich also irgendwo mitten im tiefsten Herzen von Toronto, wobei nur ich wo genau weiß, ein winziges Stück Geologie, das ich von der fernen Beechey Island mitgebracht habe. Die einzige Verbindung zwischen diesen beiden Orten ist ein Akt der Fantasie oder vielleicht sogar zwei — Franklin, der sich die Nordwestpassage vorstellte, und die zweiundzwanzigjährige Gwendolyn MacEwen, die sich Franklin vorstellte“ … „Ich bin dir also bis hierher gefolgt … Auf der Suche nach einer Passage von der Fantasie zur Realität …“.

 

Wie sagte Atwood in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises? Ein Buch ist eine Stimme im Ohr des Lesers; die Botschaft ist für ihn allein bestimmt. Schriftsteller, Buch und Leser bilden zusammen ein gleichsam magisches Dreieck, in dem das Buch den Boten darstellt. Schriftsteller, Buch und Leser sind Teil eines Schöpfungsaktes. Und Gaben — das genaue Hinschauen und Mitfühlen, das Beschreiben und In-Worte-Fassen, das Erzählen und Fabulieren — sollten von Hand zu Hand wandern wie ein Buch. Es sollte eine Welt existieren, in der diese Gaben immer noch möglich sind.

 

 

Margaret Atwood: Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays. Erschienen am 13.10.2017 im Piper Verlag, 480 Seiten, Hardcover, Übersetzt von Christiane Buchner, Claudia Max, Ina Pfitzner, ISBN: 978-3-8270-0666-0, 28 Euro

Katja Hachenberg lebt als Autorin in Karlsruhe


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