von: Urs Heinz Aerni
6. Januar 2015
Kommentar

„Ich bin eher ein misstrauischer Mensch“

Sabine Ibing stammt aus Hannover, beschäftigt sich beruflich mit seelischen Baustellen und schrieb einen Roman über einen psychischen Übergriff. Ein Interview.
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pd Sabine Ibing

© pd Sabine Ibing

Urs Heinz Aerni: Sie sind in Hannover geboren, lebten vier Jahre auf Teneriffa dann wieder in Dietzenbach und arbeiteten dort als Sozialpädagogin. Der Roman spielt auf Teneriffa, die Insel hat es Ihnen anscheinend angetan….

Sabine Ibing: Ich habe immer als Pädagogin gearbeitet, immer in der Erwachsenenpädagogik. Angetan auf welche Art und Weise? Landschaftlich und klimatisch ist Teneriffa eine wunderschöne Insel. Ich habe übrigens noch nie so sehr gefroren wie dort. Im Norden kann es im Winter an einigen Tagen sehr kalt werden, zumindest wenn die Sonne verschwindet. Am Äquator ist es abends schnell dunkel im Winter, und hell wird es erst gegen 8:30 Uhr. Acht Grad ohne Heizung fühlen sich extrem kalt an und es dauert bis zum Mittag, bis die Wohnung endlich ein wenig warm wird, so ein bisschen jedenfalls.

Aerni: Und die Gesellschaft?

Ibing: Angetan haben mir auf andere Art und Weise die Menschen etwas. Sie haben meinen grundsätzlichen Glauben an die Ehrlichkeit extrem ins Wanken gebracht. Ich war schon immer ein eher misstrauischer Mensch, aber was ich dort erlebt habe, hat mir den Rest des Glaubens daran gänzlich genommen. Das war auch ein Grund, der mich fortgetrieben hat.

Aerni: Der Roman handelt von aufgebrochenen Wunden einer Beziehung und lässt einen Mann eine Frau mit allen Raffinessen verfolgen. Was war die Initialzündung für diese Story? 

Ibing: Eine Initialzündung gab es nicht. In meinem Berufsleben habe ich viel mit Menschen zu tun gehabt, die psychische Hilfe benötigten. Da gab es viele, die unter ihren Expartnern litten, die nicht loslassen konnten. Und es gab die anderen, die nicht damit klarkamen, verlassen zu sein. Manch einer ertrinkt in seinem Schmerz und andere werden aktiv, sinnen danach den anderen zurückzuholen, eine Motivation für Stalking. Die meinen es nicht böse, sie sind verzweifelt, verstehen nicht, warum der andere genervt ist. Andere treiben es aber zu weit, bis hin zu Racheaktionen, die sie durchdrehen lässt. Ich habe auch im persönlichen Umfeld erlebt, wie sich Paare nach der Trennung über Jahre weiter zerfleischten mit unsinnigen Aktionen, dass man sich an den Kopf fassen muss. Man kann sich lange darüber Gedanken machen, weshalb manche Menschen so sehr klammern.

Aerni: Sie können also aus dem Vollen schöpfen. Wie sind Sie vorgegangen?

Ibing: Meine Romane entwickeln sich eigentlich als Cluster. Ich habe eine Idee, das kann auch ein Plot mittendrin sein und ich schreibe den Gedanken nieder. Dann überlege ich, wie kommt es dazu und wie geht es weiter? Es gibt eine Grundidee und viele Einzelteile, die ich auf dem Papier aufmale, dann verbinde oder wieder aussortiere.

Aerni: Gibt es Lektüren, die Ihr Schreiben beeinflussen?

Ibing: Meinen Sie Vorbilder?

Aerni: Zum Beispiel aber nicht nur.

Ibing: Ich lese gerne, aber mich beeinflussen weder bestimmte Genren, Bücher oder Schriftsteller bei meinem eigenen Schreiben. Ich finde, das muss aus einem selbst kommen. Aber selbstverständlich beeinflusst mich das Weltgeschehen, das in irgendeiner Form bei realen Storys zum Tragen kommt. Ein Zeitungsartikel über einen Skandal, neue Technik oder einen Mordfall könnte mich eventuell zu einem Krimi animieren.

Aerni: Sie leben nun in der Schweiz, gäbe es schon Orte, die zum Stoff von nächsten Geschichten werden könnten?

Ibing: Auf jeden Fall. Ich finde der Bodensee ist eine interessante Kulisse. Grenzen, ein großer See der nicht ungefährlich ist, eine schöne Landschaft, gemütliche Altstädte, gutes Essen. Sie haben mich erwischt, genau das ist in Skizzen gerade bei mir in Arbeit…

Aerni: Beschreiben Sie uns Ihren Schreibort? 

Ibing: Welchen?

Aerni: Sie haben mehrere?

Ibing: Ich habe einen Laptop und bin flexibel. Im Winter sitze ich gern in meinem Arbeitszimmer, eingerichtet mit auf antik getrimmten Ikea Möbeln zum größten Teil. Mein Schreibtisch ist nicht so riesig und immer vollgepackt, es gibt viele Bücherregale. Hierhin ziehe ich mich grundsätzlich zurück, wenn ich an die konzentrierte Überarbeitung und ans Ausfeilen eines Textes gehe. Im Sommer sitze ich gern draußen am Terrassentisch, ein geschützter, überdachter Bereich. Im Urlaub in Spanien habe ich manchmal auch die Muße und sitze am Esstisch oder auf dem Balkon mit Blick auf das Meer. Ich bin nicht der Typ Brathähnchen, der sich auf der Liege den ganzen Tag grillen lässt.

Aerni: Worin liegen für Sie die drei größten Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz? 

Ibing: Länder oder meinen Sie die Menschen?

Aerni: Länder sind aus Menschen gemacht.

Ibing: Grundsätzlich sollten wir uns alle als Europäer sehen, denke ich. Den Deutschen oder den Schweizer gibt es nicht. Wächst man in Norddeutschland auf, in Bayern, in der Stadt oder auf dem Dorf, so gibt es sicher Mentalitätsunterschiede oder ob ich als Migrant mit deutschem Pass aufwachse. Genauso ist das in der Schweiz. Es gibt immer weniger „Landesmentalität“. Die jungen Leute studieren in verschiedenen Ländern, arbeiten mal hier mal dort, und so vermischt es sich in ganz Europa. Zeigen Sie mir mal den Schweizer, der nicht irgendwann in den letzten vier Generationen in seiner Familie eine Person mit Migrationshintergrund vorweisen kann.

Aerni: Meine Frau kommt zur Hälft aus Sizilien…

Ibing: Einer meiner Großväter war Österreicher, ein Steirer und der andere würde nach heutigen Grenzen ein Pole gewesen sein, aus Schlesien. Die Menschen in der Schweiz und in Deutschland sind sich im Grunde recht ähnlich. Der Deutsche wird direkter erzogen, ohne Schnickschnack. Der Schweizer empfindet das als unhöflich, der schon einen Schlag mediterraner ist.

Aerni: Also doch sichtbare Unterschiede ab dem Rhein?

Ibing: Vielleicht. Im Schweizer Arbeitsleben geht es etwas gemütlicher zu, längere Mittagspausen, bei Meetings geht man nicht im ersten Satz zur Sache ohne Punkt und Komma. Man bedankt sich und entschuldigt sich am laufenden Band, ist höflich, unaufdringlich. Ich finde das sympathisch. Und in der Schweiz ist man lockerer, legerer, es gibt nicht so strikte Hierarchien, man kann schnell als overdressed gelten, aufgedonnert, angeberisch. Das kommt mir sehr entgegen.

 

Sabine Ibing veröffentlichte 1999 ihren ersten Roman Ch@atlove unter ihrem alten Namen Sabine Rieger, der während ihres vierjährigen Aufenthalts auf Teneriffa entstand. Von dort verschlug es die Hannoveranerin in die Nähe von Frankfurt. Die Sozialpädagogin wohnt heute in der Schweiz.

Ihr aktuelles Buch „Zenissimos Jagd“ ist im Portmann Verlag erschienen und um das geht es:

Jeremias will Carina vergessen, die Frau die ihn enttäuscht hat. Ausgerechnet auf Teneriffa, mitten in seinem Urlaub, entdeckt er sie in einer Gruppe Touristen und die Wunden brechen wieder auf. Jeremias freundet sich unerkannt mit ihrer Schwägerin Laura an, und horcht diese aus, während sie gemeinsam die Insel erkunden. Allmählich entwickelt er einen perfiden Plan und die Jagd auf Carina beginnt …
Er dringt immer tiefer in Carinas Leben ein, besessen davon, sich an ihr zu rächen. Dank allerlei technischer Hilfsmittel gelingt es ihm dabei, falsche Fährten zu legen und selbst unerkannt zu bleiben.
Sein Opfer wähnt sich von einer Person bedroht, die sie nicht zu kennen glaubt, was die Ermittlungen erschwert, denn gegen wen sollte die Polizei vorgehen und wegen was? Carina ist psychisch immer mehr isoliert, sie kann sich nicht gegen Ihren Peiniger wehren … pd

Sabine Ibing: Zenissimos Jagd
ISBN: 978-3-906014-19-7
392 Seiten, Portmann Verlag Erlenbach
Kaschiertes Paperback
CHF 22.00, Euro: 17.80


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