von: Petra Lohrmann
7. April 2020

„Hoher, poetischer Ton“

Petra Lohrmann las "Straumeni" von Edvarts Virza

© Guggolz Verlag

Im Jahr 1933 erschienen, wurde dieser Roman sehr schnell zum lettischen Nationalepos. Die Gründung Lettlands erfolgte 1918, nach Ende des Krieges, zuvor war es Teil des Russischen Reiches. Der Roman spielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts, die beschriebene Welt gab es so nicht mehr, es hatte sie womöglich nie gegeben. Sie war ein Sehnsuchtsland, eine Quelle für die Identität der jungen Nation – Virza verzahnt alte lettische Mythologie, zeitlos wirkendes bäuerliches Leben und christliche Traditionen zu einem ungewöhnlichen Roman, dessen Held der Hof Straumeni ist.

Er besteht aus vier Kapiteln, die den Jahreszeiten folgen und einer Einführung, die sich direkt an die LeserInnen wendet. Edvarts Virza lädt diese ein, ihm in seine Heimat zu folgen, zu schauen, zu riechen, zu hören, zu schmecken. „Wenn Sie von der Nordseite in eines dieser Häuser hineingelangen wollen, müssen Sie lange durch einen Kiefernwald laufen…“

Er schlägt vom ersten Satz an einen hohen, poetischen Ton an. Er spricht von der Natur, der Schönheit der Menschen, der Ewigkeit all dessen, was hier dem Betrachter vor Augen liegt, er besingt die Bäume, die fleißigen Bienen, die Gott „durch ihre unermüdliche Arbeit“ ehren. Er wirft einen ersten Blick auf die Gebäude, die zusammen das Gehöft „Straumeni“ bilden, die Korndarre, den Stall, das große Wohnhaus, die Pfade, die diese Behausungen verbinden. Knechte, Mägde, die Hausherrin und der Hausherr werden eingeführt, auch die freundliche Göttin Mara lernt man kennen. Sie ist eine Demeter-Figur, die ganz selbstverständlich dazugehört, wie Ostern und Weihnachten.

Der Frühling beginnt mit einem Hochwasser. Die Lielupe tritt über die Ufer. Doch es „bringt keine Verwüstung, sondern Segen…“, es macht die Felder noch fruchtbarer, spült den Winter hinweg, symbolisiert das ewige Fließen der Natur, der ganzen Schöpfung, in der alles seinen Sinn hat. Als sich dann zur Kirsch- noch die Apfelblüte gesellt, konnte man nur sagen: „Da ist ja wie im Paradies.“ 

Dieser Blick auf das Land und Leben konstituiert den Roman. Zwar bestimmt harte und stetige Arbeit das Leben, aber alles steht in einem größeren Zusammenhang, jeder Mensch hat seine Aufgaben und seinen Platz. Das Paradies darf nicht verwechselt werden mit dem Schlaraffenland, in dem Gefräßigkeit und Nichtstun regieren. Das ist in Straumeni absolut nicht der Fall.

Zum Paradies wird es durch seine Beständigkeit und Heiterkeit. Alles ist fest gefügt, ohne eng zu erscheinen. Denn die Menschen verstehen es auch zu feiern. Tanzen, Schmausen, ein Markt oder Jahrmarkt, eine deftige Wirtshausschlägerei, die erfreulich runden Formen der Frauen – der Genuss gehört zum Leben wie die Arbeit und in jeder Jahreszeit gibt es ein Fest, das für die Mühen entlohnt.

In jedem Kapitel beschreibt Virza ganz genau, was in der jeweiligen Jahreszeit getan wird. Das ist sehr interessant und vermutlich lernt manche LeserIn hier Tätigkeiten und Abläufe kennen, von denen man bisher nur den Namen vernommen hatte. Von Brotbacken, angefangen bei der Saat des Getreides über ernten, dreschen und mahlen des Mehls, über die Verarbeitung von Flachs (ebenfalls mit jedem einzelnen Schritt bis hin zum Weben des Stoffes), Kerzenziehen, Schlachten, Werkzeuge herstellen oder reparieren, Holz fällen und viele viele weitere, ist detailliert zu lesen, wie alles bewerkstelligt wird. All diese Beschreibungen haben nichts gemein mit moderner Landlust oder Stadtflucht, sie sind Selbstversicherung einer Bevölkerung, die dafür sorgt, dass die Welt am Leben bleibt.

„Außer den Büchern, die die Leute von Straumeni jeden Sonntagmorgen zum Gebet aufschlugen, bewahrten sie in ihrem Gedächtnis ein anderes ungedrucktes Buch, auf dessen jahrtausendealten Seiten die Gesetze niedergeschrieben waren, die älter als die der Bibel waren. Diese Gesetze leiteten sie, wie ein Reisender sein Pferd führt, und bei allem, was sie taten, hörten sie, wie ihnen unsichtbare Lippen von allen Seiten ewige Ratschläge zuflüsterten. … Generationen kamen und gingen, aber die Gesetze der Feldarbeiten waren unveränderlich wie die Sonne. … Das große Buch der Natur enthielt für sie keine Geheimnisse, und der Verlauf der  Gestirne, das Auf- und Abnehmen des Mondes, die Sonnenwenden, die Steine, die Bäume und die Vögel sprachen in einer für sie verständlichen Sprache, die sie belehrte und warnte und ihre Arbeit außergewöhnlich werden ließ.“

In den Abschnitt über das Weben des Leinenstoffes sind sinnigerweise Edvarts Virzas Gedanken über die alten Geschichten eingearbeitet – Textur und Text gehören seit jeher zusammen. „Die Geschichten waren alt … (sie) kamen aus den Gräbern und Kirchen, … sie alle waren vom endlosen öden Brausen der Fichten- und Kiefernwälder umweht … Sie hatte mitsamt ihren Spuk- und Zaubergestalten Einzug in die Seele der Menschen gehalten…“

Eine solche Geschichte kreiert Edvarts Virza. Er versucht, die Ewigkeit einzufangen, in seinen Text zu weben. Das Schöne ist, dass seine geordnete Welt, in der auch die Außenseiter einen Platz haben, nicht kitschig wirkt. Er verbindet das Große und das Kleine, macht aus einem Bauernhof ein ganzes Universum, alles folgt denselben Gesetzen. Der unglaubliche Detailreichtum der Schilderungen erinnert mich an die Gemälde Pieter Bruegels. Wie diese Bilder strahlt das Buch eine unglaubliche Ruhe aus. Es gibt jedoch so viel zu entdecken, dass die fehlende Handlung überhaupt nicht als negativ empfunden wird.

Der 1883 auf dem Land bei Iecava geborene Autor arbeitete als Journalist und setzte sich für die Unabhängigkeit Lettlands ein. Den Erfolg seines Romans „Straumeni“ erlebte er noch, nicht mehr die Okkupation des Landes durch die Sowjets. Edvarts Virza verstarb im März 1940 in Riga. Sein Ruhm überdauerte, auch wenn der Roman erst Ende der 1980er Jahre wieder aufgelegt werde konnte. Der Übersetzer Berthold Forssman schöpft aus dem vollen Reichtum der Sprache in seiner Übertragung der Stimmung, der Tätigkeiten und Abläufe, belebt vergessene Worte, nimmt die Melodie des Landes auf und trägt sie weiter.

Das BuchEdvarts Virza: „Straumeni“, Übersetzt und mit einem Nachwort von Berthold Forssman, Guggolz Verlag, 2020, 333 Seiten, (Originalausgabe 1933)

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