von: Heiko Schwarzburger
13. Mai 2013

Eine Brücke über die Zeiten

Die weltweite Vernetzung bietet indigenen Völkern die Chance, ihren eigenen Weg zu gehen. Ein Beispiel sind die Kuna in Kolumbien und Panama, die sich selbst Tule nennen. Ein Beispiel ist Annette Bott, die künstlerische Produkte der Tule auf Berliner Märkten und im Internetshop präsentiert.

Annette Bott an ihrem Stand auf dem Kollwitzmarkt, der jeden Donnerstag stattfindet. © Burga Fillery

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Webseite von Barachalá

Regen, eisige Schauer, typisches Aprilwetter: Im Café Liebling drängen sich die Leute. Am Tisch mit der jungen Frau sind die hässlichen Nachwehen des Berliner Winters schnell vergessen. „Die Kuna leben im Dschungel im Norden Kolumbiens und auf den panamaischen San-Blas-Inseln“, erzählt Annette Bott. „Sie leben im Einklang mit der Natur und haben sich viele ihrer alten Traditionen bewahrt.“

Einklang der Natur, Indianer, Inseln und Dschungel. Plötzlich macht sich karibische Sonne breit, springt die Wärme ihrer Erzählung über: „Ich war bei den Festlandindianern an der Grenze zu Panama unterwegs“, berichtet sie weiter. „Die Reise war nicht einfach, ich fuhr mit dem Boot durch sehr unwegsames Gebiet. Zudem wird die Region von Paramilitär kontrolliert, aber ich bin ohne Probleme durchgekommen.“ Während ihres Aufenthalts im Dorf der Kuna hat sie gelernt, welche Bedeutung beispielsweise die Molas haben. Das sind mit bestimmten Mustern applizierte Trachtenstoffe.

Seit einem Jahr handelt Annette Bott nun mit Mola-Produkten der Kuna-Indianer. Sie ist auf Ökomärkten und Festivals unterwegs, ein Online-Shop im Internet unterstützt das Geschäft. Demnächst steht der Karneval der Kulturen an, ein Großereignis, bei dem sich Zigtausende tummeln. Aus allen Erdteilen kommen die Händler und Waren zum Straßenfest nach Kreuzberg. Annette Bott wohnt in Weißensee, für sie ist der bunte Kulturkarneval also fast ein Heimspiel. Im Internet und auf den Märkten firmiert sie unter dem Label „Barachalá“. In der Sprache der Indianer bedeutet das: „Ort der Ruhe“. Denn wer in Deutschland die Schuhe, Taschen und Ohrringe kauft, bekommt immer auch ein Stück Lebensgefühl. Oder Sehnsucht: Nach der Abgeschiedenheit und der scheinbaren Idylle, in der die Kuna leben.

Gespräche mit Händen und Füßen

Schon vor 14 Jahren kam die gebürtige Ravensburgerin nach Prenzlauer Berg, wohnte lange in der Senefelderstraße. Mit 16 brach sie das Gymnasium ab, machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Eine Ausbildung zur Arbeitserzieherin folgte, Schwerpunkt: Resozialisierung von Randgruppen durch Arbeit. Hört sich martialischer an, als es ist. Für ein Anerkennungsjahr kam Annette nach Berlin, um in einem Kinderheim zu arbeiten. „Das war ein Trostpflaster auf die Wunden dieser Gesellschaft“, sagt sie heute rückblickend. „Ich entschied mich, die Wunden offen zu legen.“ So wagte sie 2004 einen neuen Anfang: Drei Jahre lang lernte sie in Bozen in Südtirol, wie man Dokumentarfilme dreht. „Ich kam 1999 ursprünglich wegen der freien, kreativen Atmosphäre nach Berlin“, erinnert sie sich. „Nach der Ausbildung in Bozen habe ich auch als Filmemacherin gearbeitet. Allerdings musste ich nebenbei immer andere Jobs annehmen, denn mit den Filmen allein hat es nicht gereicht.“ Einer der Nebenjobs war der Verkauf von Weihnachtssternen auf einem Weihnachtsmarkt. Später half sie ihrem alten Schulfreund Swen Etz, der mit „Ärzte ohne Grenzen“ nach Südamerika gereist war. Der studierte Ethnologe vertrieb kolumbianische Produkte bundesweit auf Festivals. Bald merkte sie, dass der Verkauf von fair gehandelten Produkten unter freiem Himmel mehr als nur ein Nebenjob ist.

Als ihre Wohnung am Helmholtzplatz saniert werden sollte, nutzte sie die Abfindung, um die Reise nach Kolumbien zu finanzieren. „Ich habe sogar Spanisch gelernt, um mich mit den Menschen in Bogotá und Arquia zu unterhalten. Sehr weit bin ich damit allerdings nicht gekommen. Immerhin konnte ich halbwegs philosophische und spirituelle Gespräche führen.“ Sie lacht und hebt die Hände. „Mit sehr einfachen Sätzen und Gesten, das genügte.“

Die Kuna oder Tule sind eine der wichtigsten Ethnien in Lateinamerika. Keine andere indigene Nation hat so viel Eigenständigkeit und Tradition bewahrt wie sie. Rund 30.000 Menschen zählen zu diesem Volk, das sich über den Nordrand Kolumbiens und Inseln vor der Küste Panamas verteilt. Die San-Blas-Inseln liegen östlich der Öffnung des Panama-Kanals in der Karibik, rund vierzig der rund vierhundert Inseln sind bewohnt. Mehrfach waren die Tule vor den Spaniern ausgewichen, bis sie ihre heutige Heimat erreichten.

Weitgehende Autonomie

Als Simón Bolivar Panama im Jahr 1821 von der spanischen Vorherrschaft löste und mit Großkolumbien vereinte, konnten die Tule ihre Unabhängigkeit bewahren. Fünfzig Jahre später erhielten sie eine eigene Verwaltungseinheit. Bis 1903 betrieben sie eigenen Außenhandel mit den britischen Besitzungen in der Karibik, vor allem mit Jamaica. 1903 wurde der Staat Panama gegründet, nun sollten die Tule zwangsweise eingegliedert werden.

Die Versuche, sie zu missionieren und ihre traditionelle Lebensweise zu untergraben, gipfelten 1925 in einem Aufstand. Auslöser war das Verbot, die traditionellen Mola zu fertigen und zu tragen. Ursprünglich handelte es sich bei den Mustern und Symbolen um Körperbemalungen. Diese „barbarische Wildheit“ wurde von katholischen Missionaren verboten, eine Kleiderordnung eingeführt. So übernahmen die Kuna-Frauen die traditionellen Muster der Körperbemalung für4 ihre Gewebe und Stoffe. Sie begannen, Mola aus Stoffen auf ihre Blusen zu heften. Wie sie früher ihre Körperbemalungen je nach gesundheitlicher Verfassung, Tätigkeit oder familiärer Situation gewechselt hatten, wechselten sie nun ihre Mola. Bis zum Ende ihres Lebens hat eine Tule-Frau bis zu vierzig verschiedene Molas entworfen.

Zurück zum Jahr 1925, zurück zur Revolution der Kuna: In einem „Vertrag der Zukunft“ erkannten sie die Hoheit Panamas an, erhielten im Gegenzug jedoch weitgehende Rechte zur Selbstverwaltung. Seit 1983 haben die indigenen Völker auch ein Mitspracherecht im panamaischen Parlament.

Land ist unverkäuflich

Die Tule leben unter anderem vom Kunsthandwerk, das auf den Märkten in Medellin oder Bogotá verkauft wird. Nun wird es auch in Berlin verkauft, beispielsweise jeden Donnerstag auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz oder beim Karneval der Kulturen. Die Molas in aufwändiger Applikationsarbeit zu erstellen, ist Sache der Frauen. Die Männer gehen auf die Felder, fangen Fische oder ernten Kokosnüsse für den Export. Zunehmend spielt Tourismus eine Rolle. Gelegentlich ankern große Kreuzfahrtschiffe vor den San-Blas-Inseln, aber die Tule erlauben beispielsweise nicht, dass Hotels oder Bars errichtet werden. Grund und Boden sind unverkäuflich. Niemand darf ihn verpachten oder anderweitig veräußern, denn er gehört der Gemeinschaft.

Bei den Tule haben die Frauen das Sagen, auch wenn die Männer in politischen Fragen das Wort führen. Findet sich ein Paar zusammen, zieht der Mann mit seiner Hängematte in die Hütte der Frau. Trennt sich das Paar wieder, zieht der Mann nebst Hängematte aus, die Kinder bleiben bei den Frauen.

So lasten die Versorgung der Haushalte und die Bildung der Kinder auf den Schultern der kleinen, drahtigen Tule-Frauen. „Die Molas spielen im Leben der Indianerfrauen eine zentrale Rolle“, berichtet Annette Bott. „Sie erzählen individuelle Geschichten oder berichten von bedeutsamen Ereignissen. Manchmal erzählen mehrere Molas eine Geschichte, auch hat jede Familie ganz typische Muster. Es gibt medizinische Molas und Molas, die schlechte Energien abwenden sollen.“ Die Stellung einer Frau in der Dorfgemeinschaft wird stark danach beurteilt, wie geschickt und produktiv sie bei der Applikationsarbeit ist. In der Regel dauert es zwischen zwei und vier Wochen, eine Mola zu fertigen.

Eltern gestalten den Unterricht

In der globalisierten Welt haben abgeschottete Lebensformen keine Zukunft. Auch die Tule wissen bereits, was elektrischer Strom ist. Ein kleiner Dieselgenerator versorgt die Grundschule im Dorf mit Strom, am Abend leihen sich die Familien manchmal das Aggregat aus. Auch eine Solaranlage liefert Energie. Die Tule wissen auch, dass sie eine Brücke schlagen müssen zwischen den vorkolumbianischen Traditionen und der Moderne. „Der Häuptling des Dorfs, das ich besucht habe, versucht gerade, den Unterricht an der Schule zu reformieren“, erzählt Annette Bott. „Er will neben Spanisch und Rechnen auch traditionelle Handwerkskunst lehren. Dazu gehen die Eltern selbst in die Klassen, um den Kindern zum Beispiel zu zeigen, wie man Molas fertigt, Körbe flechtet oder im Dschungel Heilkräuter findet.“ Um den Unterricht mitzugestalten, brauchen die Tule-Frauen ausreichend Zeit. „Wenn ich ihre Produkte in Deutschland verkaufe, fließt ein Teil des Geldes zurück“, sagt die junge Frau. „Das stärkt die wirtschaftliche Position der Frauen und ihre Unabhängigkeit.“

Auf diese Weise öffnen sich die Wirtschaftskreisläufe indigener Gruppen für den globalen Markt. Die Molas der Tule-Frauen werden in Bogotá verarbeitet: zu Schuhen, Taschen oder Portemonnaies. „Ich war auf den Märkten in Bogotá unterwegs, um mir Partner zu suchen. Ich kenne die Herkunft der Produkte, die ich verkaufe, ich kenne die Menschen, die daran beteiligt sind. Das ist mir sehr wichtig.“

Individuelle Modelle

Die Schuhe und Taschen bestehen aus den Trachtenstoffen und Leder, das aus ökologischen Gerbereien stammt. Die Halbschuhe sind innen mit Wildleder gefüttert. Bei den Stiefeletten besteht der Fuß aus sehr weicher und atmungsaktiver Baumwolle, andere Modelle sind mit Leder gefüttert. Jedes Schuhpaar ist individuell wie die Molas, mit denen es verziert ist. „Selbst ein Schuhpaar besteht aus unterschiedlichen Designs: Die Tule-Frauen nähen jeweils zwei Molas“, erläutert Bott. „Auch wenn sich beide Molas optisch ähneln, sind sie nie ganz gleich. Eine Mola wird auf der Vorderseite ihrer Bluse, die andere auf der Rückseite angeheftet, um von allen Richtungen negative Energien abwenden zu können. Da eine Mola für die Erstellung eines Schuhes verwendet wird, sind die Schuhe eines Paares nie identisch, was den individuellen Charakter zusätzlich erhöht.“ Schuhe sind in Größen von 35 bis 42 erhältlich, also für eine vorwiegend weibliche Kundschaft.

Die Taschen reichen von der kleinen Umhängetasche bis zur Tasche für den Laptop. Alle Modelle sind innen mit reinigungsfreundlichen Stoffen ausgekleidet. Selbst die einfachen Baumwolltaschen haben mehrere Seiten- und Innentaschen mit Reißverschlüssen. Die Länge der Tragriemen lässt sich individuell einstellen. Besonders beliebt ist „Carriel“, eine Umhängetasche, die diagonal über der Schulter getragen wird. In den Portemonnaies haben alle gängigen Ausweise und Karten Platz, das Format wurde an europäische Verhältnisse angepasst.

Arbeit: eine deutsche Vokabel

Sich aus eigener Arbeit zu ernähren, ist die Basis der Unabhängigkeit. Das gilt für jeden Menschen, jede Ethnie und jede Nation. Die Tule-Frauen benutzen das deutsche Wort „Arbeit“, wenn sie über den Verkauf ihrer Molas oder Wasserholen reden. „Arbeit ist für sie eine Tätigkeit, die man für jemanden verrichtet, um etwas zu bekommen“, erzählt Annette Bott. „Mich hat überrascht, dass sie dafür eine deutsche Vokabel benutzen. Das geht auf Alexander von Humboldt zurück, der auf seinen Expeditionen im Amazonas auch Träger und Köche der Kuna anheuerte.“ Molas zu fertigen, ist Teil des Alltags im Haus, schon die vierjährigen Mädchen lernen diese Kunst. Molas für den Verkauf herzustellen ist jedoch ausschließlich Sache der Frauen. „Die Kuna sind unglaublich fleißig“, berichtet Annette Bott weiter. „Sie arbeiten von Sonnenaufgang bis spät in den Abend im Schein eines Feuers ihrer Bambushütte. Nachdem ich anfangs einen Status als Gast hatte, suchte ich  mir nach ein paar Tagen meine Aufgaben, um als Mitglied der Gemeinschaft an den täglichen Mahlzeiten teilnehmen zu können. So wurde ich Trägerin für Holz und Wasser.“

Für den Schmuckexport nach Europa ist mittlerweile eine verzweigte Kette von Lieferanten und Händlern entstanden, die in Kolumbien viele Menschen ernährt, vor allem alleinerziehende Mütter. Der ökonomische Fernhandel mit traditionellem Kunsthandwerk stabilisiert die soziale Lage der Familien in einem Land, dass in Deutschland meistens auf Kokain und Terroristen reduziert wird. Kaum jemand spricht darüber, dass die reichen Latifundistas ihre Kleinbauern auf die Ländereien der Tule abdrängen, um den Regenwald abzuholzen. Niemand verliert ein Wort darüber, dass die Klimaerwärmung den Pegel der Meere anschwellen lässt. Auch die San-Blas-Inseln schrumpfen, der Lebensraum der Tule schwindet.

Die Lichtblicke: Erleichtert wird der Handel der Ethnokunst, weil die Wareneinfuhr aus Kolumbien nach Deutschland bis zu einem bestimmten Betrag zollfrei ist. Allerdings fressen die Exportsteuer aus Kolumbien, die Luftfracht von Bogotá nach Berlin und die Importsteuer rund ein Drittel des Preises auf. „Mit Schuhen und Taschen allein könnte ich das nicht machen“, sagt Annette Bott. „Bei den Schmuckgegenständen habe ich eine höhere Marge, und in der Mischung funktioniert das Geschäft zumindest zwischen Frühling und Weihnachten.“ Alle sechs bis acht Wochen kommt eine neue Lieferung aus Südamerika.

Schmuck aus pflanzlichem Elfenbein

Der Schmuck besteht aus handgefertigten Einzelstücken, die ausschließlich aus Naturmaterialien gefertigt werden. Neben Samen kommen Bohnen und Kerne zum Einsatz, etwa der Honigmelone, vom Kürbis oder von Pflanzen aus den Urwäldern des Amazonas. Sehr beliebt sind die Samen der Taguapalme, die als „pflanzliches Elfenbein“ oder „Steinnuss“ bekannt sind. Tagua lässt sich schnitzen und in Scheiben schneiden, für Schachfiguren oder Fingerringe. Die Taguapalme ist in Kolumbien weit verbreitet, sie wächst am Amazonas und im Landesinnern. Vor der Verarbeitung wird der Samen einige Wochen getrocknet, um ihn hart und haltbar zu machen. Die Schmuckstücke sind filigran und robust zugleich, eignen sich also auch für den Alltag. Früher war Tagua in unseren Breiten gut bekannt, weil man daraus Knöpfe fertigte. Später wurde das Material von billigem Plastik verdrängt.

Das Material der Ohrringe ist teilweise versilbert, teilweise bestehen sie aus nickelfreiem Chirurgenstahl oder Kupfer, um allergische Reaktionen zu vermeiden. Das Design der Schmuckstücke ist traditionell und unverkennbar. Annette Bott schlägt den Frauen in Bogotá manchmal per E-Mail vor, die Gestaltung zu ändern und neue Ideen aufzunehmen. Denn aus den Gesprächen an ihrem Verkaufsstand nimmt sie die Anregungen ihrer Kunden auf, hört aufmerksam zu und erklärt die Zusammenhänge. „Der Verkauf läuft nicht von allein. Er ist sehr beratungsintensiv“, meint sie. „In Berlin ist es besonders schwer, weil es hier so viel Einzigartiges gibt. Ich kann einen Kopfstand machen, und die Leute gehen weiter. In Süddeutschland ist das anders. Über Weihnachten war ich auf einem großen Markt in Ravensburg. Dort mache ich eine kleine Verbeugung und komme sofort ins Gespräch.“ Dennoch will sie sich auf Berlin konzentrieren, weil ihr die Offenheit der Menschen entgegenkommt. Sie bekennt: „Hier bin ich kreativ, und es macht mir Spaß, unter Menschen zu sein.“

Ein einzigartiges Netzwerk

Fredy Alonso Ibañez ist der Chef eines kleinen Familienunternehmens in Bogotá, das die Taschen und Schuhe für Barachalá herstellt. Nachhaltigkeit in ökologischem wie auch sozialem Sinne ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Er kauft die Molas entweder direkt vor Ort bei den Tule-Frauen oder bekommt sie vom Häuptling zugesandt. Ursprünglich studierte Fredy Jura, wandte sich dann jedoch dem Produktdesign zu und fertigt seit einigen Jahren die individuellen Stücke an. Mittlerweile hat er eine professionelle Werkstatt aufgebaut. Seine Frau, seine Schwester und sein Vater unterstützen ihn und arbeiten in dem Unternehmen mit. Seit vielen Jahren kauft Fredy das Leder bei einer Gerberei im Süden der Stadt. Durch spezielle Gerbetechniken wird das Leder in verschiedene Nuancen gefärbt, es werden keine zusätzlichen Farbstoffe verwendet. Die Rinder wachsen in großflächigen Ausläufen auf.

In der Kautschukwerkstatt, ebenfalls im Süden Bogotás, werden Naturkautschuk, Öle und Latex zu Schuhsohlen verarbeitet. Der Anteil von chemischen Zusatzstoffen und Ölen wird so weit wie möglich reduziert. Diese Kautschukmischung wird dann in einer ein-Mann-Sohlen-Werkstatt penibel abgewogen, in kleinen Stücken in metallische Sohlenformen gelegt, in einem Ofen geschmolzen und anschließend ausgehärtet.

Die Schmuckstücke stellt Amparo Gomez seit mehr als 15 Jahren in ihrer Wohnung her und verkauft sie auf Märkten in Bogotá. Sie ist alleinstehend und wohnt mit ihren vier Töchtern und einem Enkelsohn zusammen. Zwei Töchter besuchen die Schule, eine studiert bereits und arbeitet nebenher. Alle Designs ihrer Schmuckstücke entwirft Amparo selber, die Schmuckherstellung hat sie sich autodidaktisch angeeignet.

Gloria Betancur ist eine alleinstehende ältere Dame in Medellin. Bis zu ihrem 38. Lebensjahr arbeitete sie als Industriedesignerin in einer großen Fabrik, dann wurde sie arbeitslos und begann, Schmuck zu machen. Sie verkauft hauptsächlich an ihrem kleinen Stand in einem Einkaufscenter in Medellin, dort stellt sie auch direkt vor Ort ihre Schmuckstücke her.

Mari Lu fertigt die wunderschönen und unverkennbaren „Mari-Lu-Halsketten“. Die kleinen Ketten bestehen aus bunten Taguascheiben, die großen sind so genannte Krawattenketten aus Tagua und Holzperlen. Mari Lu ist alleinerziehend und arbeitet halbtags in einem Büro. Abends fertigt sie die Halsketten. Sie ist ebenso charmant wie der Schmuck, den sie für Barachalá produziert.

Martha und Alexander fertigen in geduldiger Kleinarbeit die Honigmelonenschmuckstücke. Ursprünglich kommen die beiden aus Bogotá, lebten eine Weile in Medellin und sind mittlerweile nach Argentinien ausgewandert. Ihre Technik ist faszinierend: Getrocknete und gefärbte Honigmelonenkerne werden mit einer Luftmaschenhäkeltechnik zu federleichten Ketten, Armbändern und Ohrringe verarbeitet. Auch Armbänder aus getrockneten Orangenschalen stellen die beiden her.

In der Werkstatt Angel Azul werden hauptsächlich Schmuckstücke aus Baumwolle hergestellt. Die Designerin Chris zeigt den Frauen, wie der Schmuck gefertigt wird. Die Frauen produzieren den Schmuck zumeist zu Hause. So können die alleinerziehenden Mütter ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Die Werkstatt wird von dem Ehepaar Chris und Eduardo geführt. Ihr Ziel ist es, die Frauen sozial abzusichern und deren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen. Bevor eine Mitarbeiterin bei Angel Azul anfängt, wird ihre Situation geprüft, um den Missbrauch des sozial ausgerichteten Erwerbs zu verhindern.

Jorge Cuellar ist 32 Jahre alt und führt seit einigen Jahren seine eigene Werkstatt in Medellin. Er kommt ursprünglich aus dem Süden Kolumbiens, arbeitete als Weber und eignete sich später eigenständig das Schmuckdesign an. Mittlerweile verkauft Jorge seine Schmuckstücke gemeinsam mit seiner Halbschwester Louisa in einem kleinen Ladenlokal in Medellin, die er selbst entwirft und die von zwei alleinerziehenden Müttern hergestellt werden. Die Arbeitszeit der beiden Frauen beträgt täglich sechs Stunden, doch zahlt Jorge den Vollzeit-Tariflohn. In den vergangenen Jahren erhielt er drei Auszeichnungen und Preise: für soziales Engagement, wirtschaftliche Transparenz und hervorragendes Schmuckdesign.

Webseite von Barachalá