von: Robert Roos
10. April 2016

Ein Weg nach Saigon

Als Gastbeitrag veröffentlichen wir die Rede von Robert Roos anlässlich einer Ausstellung von und mit Giorgio Avanti.

© Giorgio Avanti

Meine Damen und Herren,

Ich begrüße Sie und freue mich, hier – wieder einmal am See – an der Vernissage für die neuen Bilder von Giorgio Avanti eine kurze Introduktion bzw. Laudatio zu halten. Dabei werde ich zuerst etwas über den Maler dieser Bilder sagen, danach kommen ein paar Bosheiten über den heutigen Menschen, und dann versuche ich noch etwas vielleicht Erhellendes zu den Bildern dieses Malers beizutragen.

Doch zuvor ein kleiner Hinweis: Georg Christoph Lichtenberg, der Aphoristiker unseres Vertrauens, hat kurz vor Ende des 18. Jahrhunderts folgenden Satz geschrieben: „Fußnoten zu einem Gedicht sind wie anatomische Vorlesungen zu einem Braten.“ Das heisst in unserem Kontext: Bilder sind da, damit man sie anschaut und sich sein eigenes Bild von ihnen macht. Sie müssen weder beschrieben noch erklärt werden, und da grüsst von weitem schon wieder unser lieber Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Ich sage jetzt trotzdem was: Giorgio Avanti ist Maler, Dichter, Rechtsgelehrter, malt seit mehreren Jahrzehnten, sein Werk umfasst rund 2000 Bilder, von denen die meisten in Privatbesitz sind, dazu ein knappes Dutzend Bücher, darunter ein wunderschöner Band mit illustrierten Gedichten.

Avanti ist und war schon immer ein Reisender, genauer gesagt ein Pilger, seine literarische Hauptfigur heisst Jakob, und seine Wege sind Jakobswege, auf denen er der Welt, dem Sinn, dem Geist der Dinge auf die Spur zu kommen versucht, indem er sich mit Bildern ein Bild von ihnen macht. Er tut dies jedoch nicht wie der heutige – so eminent moderne – Mensch des visuellen Zeitalters nach der digitalen Revolution.

Dieser moderne Mensch nämlich nimmt nicht mehr die Welt wahr, sondern meist nur noch Bilder von der Welt. Er scheint seine Augen durch Prothesen ersetzt zu haben und sieht mit Telefon und Digitalkamera. Diese sind so programmiert, dass sie die Wahrnehmungsweise unserer Augen simulieren. Ihr Output ist standardisiert. Das derart Aufgenommene wird in der Regel einmal kurz besichtigt bzw. weltweit verteilt und verschwindet dann mehr oder weniger ungefiltert in der Cloud, begraben im ausgelagerten Gedächtnis.

Im Blick auf Avanti wollen wir das jetzt noch ein bisschen auf die Spitze treiben, bevor wir zu ihm zurückkehren. Wir fotografieren heute pausenlos alles, was uns vor die Linse gerät, und genau dadurch drohen uns das Sehen und die Welt verlorenzugehen.

Wenn der heutige Mensch Welt wahrnimmt, ist er im Bild, genauer: ist ER im Bild. Und dabei verkommt die Welt als Hintergrund zur Dekoration für das eigene Ich. Es ist ja so: Beim Selfie wende ich der Welt prinzipiell den Rücken zu. Dann wird das Ich zum Hauptgegenstand und das Bild meiner Welt – sagen wir es offen – so beschränkt, wie das, was drauf ist.

Bei Avanti ist das nun völlig anders. Er wendet sich der Welt zu. Er nimmt sie auf, skizziert sie mit Worten, notiert pausenlos, was er sieht, beschreibt es, nimmt im Schreiben Distanz, reflektiert es und dann stellt er die Welt neu dar. So wie er sie wahrnimmt, gibt er ihr neue Gestalt. Er verwandelt Impression zur Expression und bringt zum Ausdruck, was ihn beeindruckt. Manchmal macht er das todernst, meist aber mit einem hintergründigen, oft auch hinterlistigen Lachen über die gesehene Welt, über den Menschen und sich selbst. Avanti ist ein Erzähler, seine Bilder sind immer Geschichten, sie erschöpfen sich nicht in dem, was sie darstellen, und sie stellen nie nur das dar, was der Gegenstand hergibt. Am Deutlichsten vielleicht wird das am Umgang Avantis mit der Farbe: Ob Vietnam, Paris, Kambodscha, Rom oder Engadin: Avanti bringt die Welt zum Leuchten.

Robert Roos, Luzern, 7. April 2016

Die Ausstellung: „Ein Weg nach Saigon“ von Giorgio Avanti dauert noch bis 21. Mai 2016 in der Galerie Müller Luzern.

Einen Hinweis auf sein letztes Buch bei Berglink.de finden Sie per Mausklick hier…