von: Petra Lohrmann
10. Dezember 2022

Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“

Eine Buchbesprechung von Petra Lohrmann

© Guggolz Verlag

 

„Und am Ende der Straße lag das Meer, und auf dem Meer der Himmel, und zwischen Meer und Himmel gab es nichts als einen dünnen Streifen, der wie mit Wasserfarben gemalt war. Und wenn man diesen Streifen vom Hügel aus eine Weile betrachtete, begann er zu zittern und sich aufzulösen, er verschwand, und das Meer verschwand, und die Straße fiel geradewegs in den Himmel. In dieser Straße endete die Welt, diese Straße war eine Himmels-brücke, und Leena war sich sicher, dass man hier an dunklen Herbstabenden Sterne vom Ufer pflücken konnte.“ Das Mädchen, das über diese Brücke geht, ist die neunjährige Leena. Ihre Mutter verstarb wenige Tage nach ihrer Geburt, ihr Vater verschwand schon davor. Leena wächst bei der streng religiösen Großmutter auf. Diese schenkt ihr weder Zuneigung noch Zärtlichkeit, sie hat beides für „all die Toten“ aufgebraucht, die sie schon beweinen musste. Leena ist ein ungewöhnliches Kind, das keinerlei Kontakt zu anderen Kindern pflegt. Die Schule ist für sie eine einzige Qual, vor allem leidet sie unter der Lehrerin, die die Ordnung an sich repräsentiert. „Die Lehrerin war kein richtiger Mensch, in gewisser Weise war sie zur Hälfte ein Gegenstand, ein Ding oder … eine Einrichtung, die man unbedingt fürchten musste. … Zudem lachte die Lehrerin niemals, was sie noch mehr wie einen Gegenstand erscheinen ließ.“ Leena liebt das Wasser. Sie lauscht seiner Musik, entfernt sich so aus dem verhassten Alltag.

Dabei ist sie nicht einfach ein verträumtes Kind, sie ist eines, das zutiefst einsam ist und eine existentielle Trauer empfindet. Gleichzeitig trennt sie nicht zwischen Realität und Vorstellung, zwischen Traum und Erinnerung, zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt, sie fühlt sich eins mit allem. Was ist diese Welt, was ist die andere Welt? Davon handelt dieser so tieftraurige wie wunderschöne Roman, denn Leena lebt jeden Tag und jede Stunde in mehr als einer Welt. Sie hat eine überbordende Fantasie, mit ihrer Vorstellungskraft verwandelt sich alles um sie herum immerzu. Sie ist eng mit der Natur verbunden, lauscht den Vögeln, hört aber auch die Vögel auf der Tapete „Leenas Kompositionen“ singen. Ihren Kummer teilt sie mit ihrer kleinen Katze Samuel: „Es war keine richtige Katze, sondern ein schwarzer Kaninchenfellkragen, ziemlich abgewetzt und scheckig…“ Er oder sie ist „der beste Mensch der Welt!“ für Leena. Diese beiden Beispiele zeigen, dass Leena keine Grenzen zieht. Nicht, dass sie sich die Welt zurechtbiegt, sie trennt nur nicht so, wie die Erwachsenen versuchen, es den Kindern beizubringen. Das Überschreiten der Himmelsbrücke führt sie per Zufall in eine katholische Kirche. In den Augen der Großmutter ist sie damit fast dem Teufel in die Hände gefallen, Leena aber erfährt dort etwas, das sie im Innersten erschüttert.

Sie hört zum ersten Mal die Musik von Bach, gespielt von einem alten Mann, mit dem sie später spricht, dem sie eine endlose Reihe von Fragen stellt. Filemon ist nicht zufällig blind, auch er sieht hinter die Erscheinungen. Er ist ein Kauz mit einem Hündchen, das auch ein Mehlsack sein könnte. Und sie trifft Schwester Elisabet in der Kirche und mit ihr zum ersten Mal eine Frau, die lächeln und lachen kann. „Es war schwer zu glauben, dass es solch eine Musik gab. Nichts dergleichen hatte sie je zuvor gehört. Die Musik war weder fröhlich noch traurig, sie war unerklärlich und dennoch selbstverständlich. Unerklärlich und selbstver-ständlich wie Wasser – ein Wasser, das so klar war wie der Himmel und unter dem es keinen Boden gab. So war es. Wasser war das richtige Wort. Es sagte nichts, und es sagte alles. So war diese Musik. Wasser und Himmel – ohne Boden.“ Leena ist wie diese Musik. Die Aussage, sie sei einsam ist richtig und falsch zugleich. Sie ist einsam unter den Menschen, mit denen sie im Alltag zusammen ist, sie ist aber eins mit der Natur. Und sie öffnet sich ohne Vorbehalte Elisabet und Filemon, da ist die Angst völlig verschwunden. Und als sie einen simplen Regenschirm geschenkt bekommt, hat sie plötzlich Flügel …

Der ganze Roman, der so präzise wie poetisch das Mädchen und seine Welt beschreibt, schwebt. Oder fließt oder erscheint als seine eigene Spiegelung. In der Person Leena hebt Eeva-Liisa Manner das gewohnte Denken in These und Antithese auf. Leena verkörpert die Synthese, in der alles enthalten ist. Wie im Wasser oder der Musik Bachs. Der Roman beginnt mit den Worten: „Es war einmal, nicht weit von hier und vor nicht allzu langer Zeit…“ Er ist ein Märchen, ein fantastisches, ein realistisches. Und er ist ein ganz großes und aufrüttelndes Leseerlebnis. In ihrem sehr persönlichen, informativen wie einfühlsamen Nachwort geht Antje Ravik Stubel auf den 1951 erschienenen Roman und auf  Eeva-Liisa Manner, (1921-1995), die bislang in Deutschland eine weitgehend Unbekannte ist, ein. Dabei werden einige autobiografische Züge klar, auch, dass Musik und Natur „zentrale Elemente des Mannerschen Schreibens“ sind. Die in Finnland mehrfach preisgekrönte Autorin, der der Durchbruch mit einem Gedichtband gelang, gilt als diejenige, die die Moderne in die finnische Literatur gebracht hat. Mit der trefflichen Übersetzung Maximilian Murmanns lässt sie sich nun auch hier entdecken.

 

Petra Lohrmann

Eeva-Liisa Manner: Das Mädchen auf der Himmelsbrücke, Aus dem Finnischen übertragen von Maximilian Murmann, Mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel, Guggolz Verlag, 2022, 151 Seiten, (Originalausgabe 1951)