von: Heiko Schwarzburger
7. Februar 2014

Die Trasse, die keiner braucht

Die geplante Gleichstromtrasse Sued.Link von Norddeutschland nach Bayern ist überflüssig wie ein Kropf. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) schwingt sich zum Wortführer der Trassengegner auf. Vor einem Jahr hatte er die Starkstromleitung abgenickt.

Mast einer Hochspannungsleitung für 380 Kilovolt. © Tennet

Kaum ist der Verlauf der rund 800 Kilometer langen Stromtrasse von Norddeutschland nach Bayern publik geworden, erhebt sich massiver Widerstand. Das Kabel soll Windstrom von den Küsten und aus Schleswig-Holstein nach Süden bringen, um Atomkraftwerke in Franken zu ersetzen. Sie gehen 2022 vom Netz. Die neue Trasse, so viel ist bereits klar, ist völlig überflüssig. Denn Bayern versorgt sich zunehmend selbst: durch Windräder im eigenen Land, durch Photovoltaik, Biogasanlagen und Blockheizkraftwerke. Deshalb steigen die Bürger gegen den geplanten Mammutbau auf die Barrikaden.

Ausbaustopp für Stromtrassen gefordert

Bisher produzieren die bayerischen Atommeiler knapp die Hälfte des Stroms für den größten Freistaat der Welt. Die neue Stromtrasse wird von den Netzbetreibern Tennet und Transnet BW bereits als „Hauptschlagader“ oder „Rückgrat der Energiewende“ gefeiert. Allerdings hat das Verfahren der Planung und Genehmigung noch nicht begonnen. Wird es vermutlich niemals, denn unmittelbar nach Verkünden der Pläne machten die Bosse einen Rückzieher. Denn angesichts der Proteste forderte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) einen Ausbaustopp für Stromtrassen.

Windparks sind zweifach zu teuer

Zwar hatte er vor einem Jahr den Bedarfsplan für den Ausbau des Hochspannungsnetzes klammheimlich abgenickt. Doch nun wird deutlich, dass der Ausbau der großen Windparks auf See praktisch tot ist. Der Zubau stagniert, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will die teuren Offshore-Parks deckeln. Denn teuer sind sie in zweifacher Hinsicht: Zum einen kosten die Windparks so viel Geld, dass nicht einmal 19 Cent je Kilowattstunde garantierte Einspeisevergütung und ein Risikoausgleich von 0,3 Cent je Kilowattstunde die Investitionen rentabel macht. Zum anderen kosten die Windparks vor und hinter den Küsten sehr viel Geld beim Netzausbau. Sie befinden sich im Meer oder in schwach besiedelten Gebieten, so dass der Strom über weite Strecken in die Verbrauchszentren geleitet werden muss.

Bayern sollen für die Trassen zahlen

Sued.Link soll einige Milliarden Euro kosten. Die Bundesnetzagentur garantiert den Netzbetreibern auf diese Investition eine Rendite von neun Prozent. Egal, ob die Trasse wirklich gebraucht wird oder jemals ausgelastet ist. Das Geld wird durch die EEG-Umlage aufgebracht, die bundesweit jeder Stromkunde zahlen muss – mit Ausnahme der so genannten energieintensiven Industrien, die davon befreit sind. Wegen ihnen wird die neue Trasse jedoch vornehmlich gebaut. Denn die Bürger, Kommunen und Mittelständler erzeugen ihren Strom in zunehmendem Maße selbst. Auch und vor allem in Bayern.

Klar ist bereits heute: Der Bedarf Bayerns, Energie zu importieren, sinkt stetig. Immer mehr Photovoltaikanlagen und Biogaskraftwerke werden zugebaut. Sie sind das wirkliche Rückgrat der Energiewende. Einzig die Windenergie ist durch den Widerstand der CSU-geführten Landesregierung fast zum Erliegen gekommen. So treibt Horst Seehofer ein merkwürdiges Doppelspiel: Einerseits bremst er die erneuerbaren Energien im Freistaat aus. Andererseits wettert er gegen die Stromtrassen.

Neun Prozent Rendite garantiert

Denn klar ist auch: Die langen Stromtrassen nach Süden treiben die EEG-Umlage nach oben. Während sich der weitere Ausbau der dezentralen erneuerbaren Energien kaum noch bemerkbar macht, treiben Offshore-Windkraft und der erforderliche Netzausbau die Kosten. Wenn der Freistaat Bayern neue Stromtrassen braucht, weil er die erneuerbaren Energien im eigenen Land ausbremst, sollte er sie auch finanzieren. Daraus ließe sich sehr schnell ein wirtschaftliches Modell ableiten. Und schnell wäre offensichtlich: Niemand braucht Sued.Link, außer die Netzbetreiber, die dafür neun Prozent Rendite kassieren.

Klar ist zudem: Der Bau neuer Stromtrassen treibt die Menschen auf die Barrikaden, wie früher die AKW. Die geplanten Masten sollen 60 bis 70 Meter hoch sein. Der jetzt vorgeschlagene Korridor ist rund ein Kilometer breit. Start ist bei Hamburg, danach geht es über Hannover, Hildesheim, Warburg, Kassel und Fulda bis nach Grafenrheinfeld, wo derzeit noch die Kühltürme eines Atomkraftwerks ihre radioaktive Fracht ins Umland werfen.

Eine Schneise durchs Altmühltal

Neben Sued.Link sollen zwei weitere Trassen entstehen, mit insgesamt 2.800 Kilometern Länge. Eine dritte Stromtrasse soll 450 Kilometer lang sein. Sie soll Strom von Sachsen-Anhalt nach Bayern bringen, von Halle über Donauwörth nach Augsburg. Auch dabei geht es vornehmlich um Windstrom. Diese Leitung wollen die Netzbetreiber Amprion und 50Hertz bauen. Bisher liegt der Bundesnetzagentur noch kein Antrag vor. Allerdings steht sie bereits im Bundesbedarfsplanungsgesetz, das unter anderem von Horst Seehofer durchgewinkt worden war. Die Kosten werden mit einer Milliarde Euro veranschlagt. Die Trasse soll unter anderem das Fichtelgebirge und das Altmühltal queren.