von: Petra Lohrmann
23. Januar 2023

„Die Cousinen“ von Aurora Venturini

Rezension

© dtv

„Tante Nené ging zu Fuß und obwohl sie öfter zum Wagen rüberschaute luden wir sie nicht zur Mitfahrt ein. Sie murmelte etwas mit ihrem zahnlosen Maul und ich wiederhole, dass ich ihre Zähne ins Klo geworfen hatte unter Umständen die ich nicht wiederhole um nicht diejenigen zu ermüden die Gelegenheit haben dies hier zu lesen und ich meine die, die Zeit zum Lesen und dazu noch Geduld haben denn ich höre mir ja selbst zu und wenn das geschriebene Wort genauso ermüdend einfältig ist wie das innerlich gesprochene wird mich jeder der dieser absurden Melopöie bis zum Ende lauscht, verfluchen für die Zeit die er mit  mir verschwendet hat ohne leugnen zu können, dass er mich nicht hat beiseite legen können weil er zwischen meinen dämlichen Bitterkeiten über Liebe und Tod viele wiedererkannt hat die er selbst erlebt hat oder sie falls es eine Dame ist.“ Dieser atemlose Satz veranschaulicht den Stil, in dem Aurora Venturini (1922-2015) ihren Roman verfasst hat.

Die Ich-Erzählerin ist Yuna, sie hat immerhin sechs Jahre lang die Schule besucht, hat aber stets Probleme mit der Grammatik, vor allem der Zeichensetzung. Sie gibt sich alle Mühe, ihre Ausdrucksfähigkeit zu verbessern, dazu benutzt sie ein Wörterbuch, in der Regel kennzeichnet sie die Worte, die sie daraus abschreibt, bei „Melopöie“ hat sie ausnahms-weise darauf verzichtet. Und sie hat recht, der Roman lässt sich kaum aus den Händen legen, er ist so ungewöhnlich wie erschreckend, so ehrlich, klar und direkt wie erschütternd. Yunas Erzählung setzt ein, als sie zwölf ist. Sie lebt zusam-men mit ihrer behinderten, ein Jahr jüngeren Schwester Betina bei ihrer Mutter, einer Lehrerin, die mit dem „Rohrstock“ gute Arbeit leistet. Der Vater ist vor langer Zeit verschwunden, das Geld ist knapp, noch knapper sind Ermunterungen oder gar Zuneigungsbezeugungen. Yuna bezeichnet Betina als „Fehler der Natur“, sie ekelt sie an mit ihrem ständigen Gesabber. Beide Mädchen besuchen eine Anstalt: Betina die für „besonders schwere Fälle“, Yuna die für die „Minderbemittelten“. In der rundum schwierigen, desolaten Situation ist ein Zeichenkurs der einzige Lichtblick: „… ich besuchte einen Mal- und Zeichenkurs und der Professor von der Kunsthochschule meinte ich würde eine wichtige Malerin werden weil ich wegen meiner leichten Verrücktheit zeichnete und malte wie die extravaganten Künstler unserer Zeit“, das sind die 1940er Jahre, in diesen spielt der in Argentinien angesiedelte Roman. Der Professor spielt eine wichtige Rolle in Yunas Leben.

Er ist ihr Lehrer, wird immer mehr zu ihrem Manager, zieht schließlich als Untermieter bei ihrer Mutter ein und kommt der Familie sehr nah. Näher als Yuna lieb ist. Er ist nicht der einzige Mann in diesem Roman, der auch ein Lehrstück über toxische Männlichkeit ist. Gehört er doch wie alle anderen zur Spezies der Machos und  Lüstlinge, derer, die über Leichen gehen, noch nie etwas von Verantwortung gehört haben und sich für Gott halten. Yuna kann sich aufgrund ihres Talents ein Stück weit aus diesem komplexen und unguten Familienverband, zu dem auch die Tanten und Cousinen gehören, lösen. Ihre Cousinen Carina und Petra nennt sie „schwachsinnig“, beide besuchen „Hilfsschulen“. Aber vor allem zu Petra, der „Zwergin“, entwickelt Yuna ein sehr enges Verhältnis, bis sie merkt, dass diesem keine Liebe zugrunde liegt, sondern dass sie ausgenutzt wird. Unter anderem, weil Yuna schon nach kurzer Zeit an der Kunstschule sehr gut verdient. Die Malerei ist ihr Leben. In ihren Bildern reflektiert sie auf völlig freie und absolut fantastische Art alles, was sie erlebt. „Und da überkamen mich große Inspiration und Träume von all dem Erlebten wobei immer buntere und schönere Figuren entstanden die sich im Inneren meiner Fantasie bewegten und mit mir sprachen und mich zwangen sie rauszuholen und auf die Kartons und Leinwände zu kippen und ich selbst war ein seltsames Wesen und abhängig von den tyrannischen Befehlen dieser Formen und Figuren und wenn ich nicht auf sie hörte, bissen sie mit Glaszähnen in meinen Kopf und mein Herz wenn das Erlebte etwas wert war und auf die Leinwand oder zu Papier gebracht werden musste.“

Der Roman ist eine Auseinandersetzung mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache und denen der Malerei. Er ist ein Roman über Frauen und ihre Körper. Sie sind die Leidtragenden eines Systems, das politisch wie privat auf der Ausbeutung der Frauen fußt, sie deformiert. Aurora Venturini erzählt gnadenlos von Familie und deren Strukturen, in ihrem Nachwort schreibt Mariana Enriquez von der Besessenheit der Autorin von diesem Thema. In ihrem späten Roman, den sie mit über 80 Jahren verfasste, zieht sie alle Register ihres Könnens. Sie entwirft scharf konturierte Charaktere, nimmt keine Rücksichten auf moralische Erwartungen der LeserInnen, provoziert. Sie erzählt von Yunas Entwicklung, indem ihre Sprache sich verändert, sie besser mit den Worten zurecht kommt und auch, indem sie die Inspirationsquellen und den Malprozess Yunas beschreibt. Diese Passagen sind besonders schön, sie stechen hervor, sind geschliffene Juwele in einer häufig bedrückenden Geschichte, in der viel gestorben wird, die aber auch zum Lachen bringt. Yuna und ihre Cousine Petra tun sich für eine begrenzte Zeit zusammen und nehmen Rache. Ein System kann das nicht ins Wanken bringen, aber die Cousinen zeigen, dass auch Menschen, denen niemand Gehör schenkt, ein bisschen Einfluss auf die Entwicklung der Dinge haben und ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Wie Yuna, die am Ende sagt: „Ich löschte, löschte, löschte alles aus.“

 

Petra Lohrmann

Aurora Venturini: Die Cousinen, Aus dem argentinischen Spanisch von Johanna Schwering, Mit einem Nachwort von Mariana Enriquez, dtv Hardcover, 2022, 192 Seiten