von: Redaktion / Jill Grey
25. Januar 2023

Der neue Roman von Jill Grey „SIN – Stadt der Sünder“ – Exklusiv-Textprobe für unsere Leserinnen und Leser

Jill Grey wurde am 5. November 1966 geboren. Mit 14 Jahren stieg sie in die legalen Drogen ein, Alkohol und Medikamente. Zwei Jahre später hing sie an der Nadel. Es folgten zwanzig Jahre der Sucht. 1998 absolvierte die Autorin ein dreijähriges Studium zur Kommunikationstherapeutin. Heute beschränkt sich Greys Sucht auf den täglichen Kaffeekonsum.
In den letzten Jahren schrieb Grey sechs Romane und ihre Autobiografie. Die Autorin lebt zurückgezogen in einem abgeschiedenen Tal in der Innerschweiz, arbeitet vom Frühling bis zum Herbst in der Natur und stellt Salben und Tinkturen her. Als sie den ersten Teil ihrer Biografie veröffentlichte, entschied sie sich für dieses Pseudonym – Grey war der Mädchenname ihrer Großmutter.

© Buchcover

Um das geht es im Buch:
Dale Marten, düster und schweigsam, zu keinerlei Gefühlsregungen imstande, strandet in einer Kleinstadt namens Corby. Dort soll er eine große Lagerhalle, »Der Wal«, räumen. Darin befinden sich unzählige Kisten, welche über die Jahrzehnte eingelagert wurden.
Allein diese Arbeit erscheint Marten schon sonderbar, oder wie er es nennt – bescheuert. Die Einwohner der kleinen Stadt jedoch als sonderbar zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.
Alsbald begreift auch er, dass »der Wal« mehr beherbergt wie herrenlose Kisten, er hütet ein düsteres Geheimnis.
Dale Marten ist froh, aus Seattle rauzukommen. Er erhofft sich, weniger zu saufen und dass er den Nebel in ihm, der ihn seit jeher begleitet, besser in den Griff bekommt. Und da ist noch Burnis Haus, das ihm der Bürgermeister der Kleinstadt unbedingt verkaufen will, zu dem sehr viel Land gehört. Aber auch dieses Haus verbirgt etwas, und für Marten ist es unverständlich, dass er sich mit diesem Haus, dieser Stadt, so verbunden fühlt…

Nun wünschen wir viel Freude beim sich Einlesen:

 

 

SIN – Stadt der Sünder

 

Dale Marten, düster und schweigsam, zu keinerlei Gefühlsregungen imstande, strandet in einer Kleinstadt namens Corby. Dort soll er eine große Lagerhalle, »Der Wal«, räumen. Darin befinden sich unzählige Kisten, welche über die Jahrzehnte eingelagert wurden.

Allein diese Arbeit erscheint Marten schon sonderbar, oder wie er es nennt – bescheuert. Die Einwohner der kleinen Stadt jedoch als sonderbar zu bezeichnen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts.

Alsbald begreift auch er, dass »der Wal« mehr beherbergt wie herrenlose Kisten, er hütet ein düsteres Geheimnis.

Dale Marten ist froh, aus Seattle rauzukommen. Er erhofft sich, weniger zu saufen und dass er den Nebel in ihm, der ihn seit jeher begleitet, besser in den Griff bekommt. Und da ist noch Burnis Haus, das ihm der Bürgermeister der Kleinstadt unbedingt verkaufen will, zu dem sehr viel Land gehört. Aber auch dieses Haus verbirgt etwas, und für Marten ist es unverständlich, dass er sich mit diesem Haus, dieser Stadt, so verbunden fühlt …

 

 

Kapitel 1

 

 

 

1972

 

 

Während Malcom in der Küche schweigend Kaffee trank, schweifte sein Blick in regelmäßigen Abständen zu seinem kleinen Sohn im Wohnzimmer. Dieser hockte, den Bauklotz in der Hand anstarrend, auf einer Decke am Boden. Elizabeth schenkte ihrem Mann Kaffee nach und setzte sich zu ihm, dachte im Stillen, dass ihr Mann allmählich so schweigsam wurde wie ihr Sohn.

»Schatz, nächste Woche kommt ein Zirkus in die Stadt, was meinst du, wollen wir mit Dale hingehen? Vielleicht …«

»Was vielleicht?«, fuhr Malcom seiner Frau müde ins Wort. »Hegst du die Hoffnung, dass ein Clown den Jungen zum Lachen bringen wird? Oder zum Weinen? Glaub mir, auch das wäre okay für mich.«

»Er braucht nur mehr Zeit.«

»Beth, der Junge ist bald fünf Jahre alt! Du dachtest, mit dem Umzug würde es besser werden. Tut es offensichtlich nicht. Seit dem Umzug hat sich absolut nichts geändert!«

»Sobald er im Kindergarten ist, wird sich das ändern, dort ist er mit anderen Kindern zusammen und blüht auf, du wirst sehen.«

Resigniert strich sich Malcom über das Gesicht. »Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus. Ich befürchte vielmehr, er wird auch diese Kinder, wie die auf dem Spielplatz, ignorieren.« Er stand auf, warf einen letzten Blick ins Wohnzimmer und nahm dann seine Jacke. »Lassen wir das Thema, Beth, ich muss zur Arbeit.«

In der Diele hielt seine Frau ihn am Arm fest und flehte: »Verabschiede dich noch von Dale, bitte …« Daraufhin spähte ihr Mann mit Unbehagen ins Wohnzimmer, fragte mit einem bitteren Lächeln: »Wozu?« und verließ das Haus.

Am Küchenfenster stehend beobachtete Elizabeth Marten ihren Mann, der die Straße hinunterging, und wischte sich energisch eine Träne von der Wange. Wenngleich Malcom es nie zugeben würde, glaubte sie insgeheim, dass er Angst vor seinem Sohn hatte. Er gestand ihr einmal ein, dass er es kaum aushielt, wenn Dale ihn so ansehe – er nannte es den toten Blick. Anfangs hatte er sich noch darum bemüht, zu ihm durchzudringen, doch seit einer Weile nahm er ihn nicht einmal mehr in die Arme, starrte ihn einzig, wie gerade am Küchentisch sitzend, aus der Ferne an. Elizabeth war keineswegs bereit, ihren Sohn aufzugeben, es reichte, dass sein Vater dies tat. Sie liebte Dale und würde die Hoffnung niemals aufgeben, dass ihr Kind irgendwann an ihre beider Leben teilnahm.

Dale wurde im Oktober fünf Jahre alt, das Zusammenleben mit ihm fühlte sich hingegen wie Jahrzehnte an. Immerzu bekam sie zu hören, auch von dem Arzt, den sie um Rat gefragt hatte, dass ihr Sohn gesund, einfach außergewöhnlich introvertiert sei und ›diese Sache‹, seine Worte, erfahrungsgemäß Zeit brauche. Manche Kinder wären halt schwieriger als andere. Elizabeth wusste, dass es keinesfalls daran lag, und sie wusste ebenfalls, dass nur sie und ihr Mann ihm helfen konnten. Malcom hatte es aufgegeben, dass sein Sohn eines Tages normal sein würde. Und er schämte sich für ihn, weil die Leute in der Straße und auf dem Kinderspielplatz hinter vorgehaltener Hand über Dale redeten. Das war auch der Grund, weshalb er aufgehört hatte, sie an den Wochenenden auf den Spielplatz zu begleiten.

Ihre Ehe wurde zunehmend schwieriger. Es war, als würde das Verhalten ihres Sohnes einen tiefen Graben zwischen sie schlagen. Die Wahrheit war, ihr Mann hatte seit sieben Monaten nicht mehr mit ihr geschlafen. Elizabeth vermutete, er hatte Angst, dass sie wieder schwanger werden und noch so ein gestörtes Kind zur Welt bringen könnte. So nannte er seinen Sohn, war er aufgebracht. Immer öfters arteten ihre Diskussionen diesbezüglich zu einem Streit aus. Malcom ging auch vermehrt nach der Arbeit ein paar Bier trinken und kam erst nach Hause, wenn sein Sohn bereits im Bett war. Elizabeth befürchtete, dass ihre Ehe zerbrechen würde und sie hatte keine Ahnung, wie sie das verhindern konnte. Sie war an dem Punkt gekommen, an dem sie überglücklich wäre, würde ihr Sohn wenigstens weinen. Damit hatte er mit etwa sechs Monaten aufgehört. Da war nichts mehr, rein gar nichts.

In Grübeleien versunken ging Elizabeth zu der Schale mit den roten Weintrauben, zupfte einen Zweig ab und setzte sich damit zu ihrem Sohn ins Wohnzimmer auf die Decke. »Schau, Dale, ich werfe eine Traube in die Luft und fange sie mit dem Mund auf, das ist lustig!«

Das Kind schaute sie teilnahmslos an.

Die ersten zwei Trauben kullerten auf den Boden. Elizabeth drückte übertrieben spielerisch ihren Unmut darüber aus und zwinkerte dabei ihrem Sohn zu.

Keine Regung.

Die dritte Traube konnte sie dann schließlich mit dem Mund auffangen, jedoch landete sie in ihrer Luftröhre. Keuchend versuchte sie sie hoch zu würgen, erfolglos. Anfangs schätzte Elizabeth die Situation nicht allzu tragisch ein, sie hatte durchaus etwas Angst, dennoch beobachtete sie ihren Sohn weiterhin aus dem Augenwinkel, wollte seine Reaktion sehen.

Sie konnte keinerlei Regung ausmachen.

 

Der Todeskampf von Elizabeth Marten, welcher der kleine Dale emotionslos mitverfolgte, nahm kein Ende. Seine Mutter versuchte zu lange, sich selbst aus dieser misslichen Lage zu befreien, und als sie endlich das Telefon in der Küche erreichte und den Notruf gewählt hatte, konnte sie lediglich noch in den Hörer keuchen. Langsam sackte sie an der Wand neben dem Telefon auf den Boden, und das Letzte, was sie in ihrem Leben wahrnahm, war ihr Sohn. Er stand über ihr und schaute ohne eine Gefühlsregung im Gesicht auf sie herab.

Geraume Zeit blickte der Junge auf seine am Boden liegende Mutter, deren Augen weit geöffnet waren. Der Junge wusste, dass darin kein Leben mehr war. Ihre Augen spiegelten das wider, was er empfand – den Tod.

Er bemerkte den Hörer neben ihr am Boden, aus dem leise eine Stimme drang. Er nahm ihn, kletterte auf den kleinen Hocker neben dem Wandtelefon und hängte ihn auf. Danach hockte sich Dale auf die Decke im Wohnzimmer und glotzte weiter ins Nichts.

 

 

2008

 

 

›Auch heute will der Sommer sich nicht einstellen! Ausgedehnte Wolkenfelder ziehen über Seattle und was soll ich sagen, es regnet und regnet und wird weiterhin regnen. Also, für all die sonnenhungrigen Leute, packt eure Koffer und bucht Ferien außerhalb von Seattle, denn …‹

Was für ein Müll der Typ labert. Meine Hand tastet nach dem Radiowecker, ein Fossil von elektronischem Gerät, ich hau ordentlich eine drauf und unterbrech diesen Idioten von ’nem Wetterfrosch, der sich auch noch über das restliche Wetter der Woche auskotzen muss. Mal ehrlich, man sollte all die Wetterfrösche ersäufen, wen interessiert das Wetter, ändern kann man es ja eh nicht.

Ich wälz mich aus dem Bett, komm mir vor wie ’ne Schildkröte, die auf ihrem Panzer gelandet ist, ein Gefühl, dass mein Kopf hinter mir hergezogen wird, oder noch auf dem Kissen liegt. Ein Kontrollblick aufs Kissen zeigt mir, dass er auf meinem Hals sitzen muss – leider.

Diesen Zustand bezeichnet man wohl als Kater – genauer gesagt als Monsterkater. Und die Schwere in meinem Kopf, die sich auch dann breit macht, hab ich keinen Kater, nennt man Depression. Diese Meinung vertritt zumindest mein Arzt. Er belehrte mich gestern auch gleich, dass jede dritte Person heute darunter leide, grinste dabei altklug, als ob es mir nach seiner Offenbarung besser ginge – Idiot. Drückte mir dann ein Rezept in die Hand und schwafelte was von Antidepressiva. Ich nahm das Rezept und schmiss es in den nächsten Mülleimer. Mag keine Pillen. Anders gesagt, ich wollte von dem Idioten Pillen, die mich am Morgen in die Gänge befördern. Wollt er mir nicht geben.

Der Gang ins Bad erscheint mir endlos. Vor dem Waschbecken stütz ich mich ab, bin hundemüde. Kein Wunder, säuft man sich die halbe Nacht durch die Bars. Erwähnter Idiot meinte, es gäbe überall Gruppen der Anonymen Alkoholiker und zückte den Flyer von so ’ner Gruppe in meiner Nähe. Sei kostenlos und habe manch einem Patienten von ihm geholfen trocken zu werden. Ich nahm den Wisch, sagte ›Klar doch‹ und dachte ›Leck mich‹.

Mag keine Gruppentherapien, wo man ’nen Seelenstriptease aufs Parket legt.

Ich schlurf Richtung Küche und stolpere über den verdammten Kater, der mir zwischen die Beine läuft. Zu allem Übel miaut er mich an, was sich anfühlt, als würd jemand mit den Fingernägeln über ’ne Schiefertafel fahren. Ich geb dem Vieh ’nen Tritt und er fliegt fauchend ins Wohnzimmer, was ihn bedauerlicherweise nicht davon abhält, mir nach seiner unsanften Landung in die Küche zu folgen und die Forderungen nach seinem Frühstück fortzusetzen. Geb mich geschlagen, worauf der Kater anfängt zu schnurren und die übel stinkenden Fleischhappen herunterschlingt, die ich aus der Büchse gefischt hab. Nein, das ist nicht mein Kater, er gehört meiner Freundin, Belinda. Die stand an ’nem Morgen mit ihm vor der Tür und bat mich drei Tage auf ihn aufzupassen, weil sie ihre kranke Mutter besuchen wollte. Das war vor drei Wochen. Hab nichts mehr von ihr gehört. Nehm an, dass der Titel »Ex-Freundin« passender ist. Den Kater schmiss ich schon vier Mal vor die Haustür, in der Hoffnung, er macht sich vom Acker. Er hockte jeden Morgen wieder vor meiner Tür. Beim vierten Versuch, mich ihm zu entledigen, beschwerte sich ’ne Nachbarin, dass meine Katze die ganze Nacht vor der Tür weint. Als ob Katzen weinen.

Davon abgesehen – nicht meine Katze. War letzte Woche sogar mit ihm im Tierheim, wo man mir sagte, dass, würde den Kater in zwei Wochen niemand abholen, er eingeschläfert wird.

Hab ihn wieder heimgeschleppt. Bin ja kein Unmensch.

Der doppelte Espresso vermag die Schwere nicht gänzlich aus meinem Kopf zu verbannen, trotzdem haucht er mir so viel Leben ein, dass ich mich dazu überwinden kann, das beschissene Katzenklo zu säubern. O Mann, Katzenscheiße stinkt dermaßen penetrant. Schon dafür sollte man das Vieh erschlagen, und dafür, dass er in meiner Abwesenheit unermüdlich daran arbeitet meine Vorhänge zu ruinieren. Kein Schimmer, was mich daran hindert, ihn in den nächsten Müllcontainer zu werfen. Es liegt nicht an meiner Freundin – Ex-Freundin – keine sentimentalen Gefühle. Wir hatten ’ne wilde Woche zusammen, die wir fast ausschließlich im Bett verbrachten. Allenfalls liegt es daran, dass der Kater heimatlos ist, so wie ich in der Vergangenheit. Ein weiterer Grund könnte sein, dass ich ihm dann und wann ’nen Tritt verpassen kann, was zugegebenermaßen nach ’ner durchzechten Nacht äußerst befriedigend ist.

Meine miese Laune rührt daher, dass ich seit vier Wochen keinen Job hab und massig Zeit, um zu saufen. Sicher, da ist mein Nebenjob, nur herrscht da zurzeit Flaute. Und das ist übel, ganz übel.

Zum Glück kam gestern ein Eilauftrag rein, den ich bis Montag erledigen muss.

Dem Typen auf der Stellenvermittlung sagte ich vor drei Wochen, dass ich auch ’nen Job außerhalb der Stadt nehmen würd. Ehrlich, diese Stadt kotzt mich dermaßen an. Seattle, die Stadt des Regens. Was Ländlicheres wäre okay. Denk, dass das Landleben mir helfen könnte, mich zurück in die Spur zu bringen. Weniger zu saufen. Gestern hat mich dann der Typ von der Vermittlung angerufen und gemeint, er hätte was für mich außerhalb von Seattle.

Es klopfte an der Tür. Davor steht ein kleiner Mann mit Brille.

»Mr Marten, diverse Bewohner haben sich bei mir beschwert, dass gelegentlich eine Katze vor Ihrer Tür herumweint.«

Glaub das ist mein Vermieter, Henry Soundso, meistens so mies gelaunt wie ich und erliegt offenkundig ebenso dem Irrtum, dass Katzen weinen.

»Wenn Sie meinen«, geb ich ungerührt zurück. Keine Zeit mich mit Kleinmist auseinanderzusetzen. Er offenbar schon. »Das ist inakzeptabel, Mr Marten. Wenn man sich ein Haustier zulegt, sollte es auch in der Wohnung bleiben.«

»Hab mir kein Haustier angeschafft.«

»Dann ist das nicht Ihre Katze?«

»Nein.« Mit diesen Worten schließ ich die Tür.

 

Zwanzig Minuten später hock ich in der überfüllten U-Bahn. Ich besitz ’nen alten Chevy C/K, mag die Karre, obschon sie über 18 Jahre auf den Felgen hat. Nur, mit ’ner Karre am Morgen durch Seattle zu fahren – beziehungsweise zu kriechen –, ist nervtötender, als die U-Bahn zu nehmen. Und tatsächlich hock ich, statt wie sonst eingeklemmt in den Massen von Leibern. Eigentlich sollte mich die Tatsache freuen, tut sie nicht. Frag mich, wann ich mich das letzte Mal aufrichtig über was gefreut hab. Wahrscheinlich noch nie. Auch die Woche mit Belinda kann man schwerlich als freudig bezeichnen, obwohl wir guten und wilden Sex hatten. Freude … solch ein Empfinden scheint in meinem Emotionsrepertoire nicht zu existieren, falls ein solches Repertoire bei mir überhaupt vorhanden ist. Vielleicht ist sie deshalb abgehauen und hat ihren Scheißkater bei mir abgeladen. Oder weil ich kaum rede, was beim Sex ja überflüssig ist. Womöglich erlag sie dem Irrglauben, dass der Kater mein Gemüt aufhellen könnte. Tut er nicht.

Die meisten Fahrgäste bearbeiten ihr Handy, den Laptop oder lesen Zeitung, zu meinem Bedauern nicht die alte Lady neben mir, die hat unverkennbar das Bedürfnis auf belanglose Konversationen. Ich nicht.

Ich schieb mir die Sonnenbrille auf die Nase. Die alte Lady ignoriert den Wink, euphorisch eröffnet sie die Plauderstunde mit dem Wetter – mit was sonst. Ich geb ein mürrisches »Ja« zurück, was sie als Einladung interpretiert, weiter auf mich einzuquatschen. Zu meinem Leidwesen erfahr ich so, dass ihre Tochter mit der Familie und ’nem Wohnmobil ’ne Tour durch die Staaten macht und sie besuchen wollen. Und wie zu befürchten, zückt die alte Lady just ein kleines Fotoalbum aus ihrer Handtasche und drückt mir ein Bild nach dem anderen unter die Nase. Ich lass die Prozedur kommentarlos über mich ergehen. Eine gewisse Person hat mich Zurückhaltung gelehrt.

Meine Haltestelle wird angesagt. Ich werd von den Qualen ihrer Gesellschaft erlöst und zwäng mich an der alten Lady vorbei, die keinerlei Anstalten macht, aufzustehen und ihren Redefluss zu unterbrechen, und ackere mich Richtung Tür. Draußen lass ich mich im Strom der arbeitenden Bevölkerung treiben, der mich wieder an die Erdoberfläche bringt, wo ich mich nach zehn Minuten im Arbeitsamt einfinde.

Im Büro 13 erläutert mir der Typ am Schreibtisch, dass der neue Job leicht verdientes Geld sei. Außerhalb von Corby, in ’nem kleinen Nest ’ne Stunde von Seattle entfernt, stehe ’ne alte Lagerhalle, in der über Jahrzehnte herrenlose Güter von Wohnungsräumungen zwischengelagert wurden. Die Lagerhalle geriet in Vergessenheit, bis man beschloss, am Rande von Corby einen riesigen Freizeitpark anzulegen. Bevor jedoch sämtliche Bewilligungen und die gesamte Planung durch seien, ginge es mindestens zwei, drei Jahre. Und bis dahin müsste die Lagerhalle, um sie dem Erdboden gleich zu machen, vollständig geräumt sein.

Endlich hört der Typ auf, mich mit belanglosem Müll zuzukleistern, und kommt auf den Punkt:

»Der Job besteht darin, eine Inventur der Güter zu erstellen. Und das sieht folgendermaßen aus; Aufzulisten sind Besitzer, inklusive letzter Wohnadresse/Telefonnummer – falls vorhanden – Anzahl der Kisten, deren Nummern und den Inhalt. Für jeden Posten wird ein neues Blatt erstellt. Ist ein Posten abgeschlossen, legen Sie auf dem Computer eine Datei an und sichern diese jeden Abend auf einen USB-Stick, welchen Sie wöchentlich dem Bürgermeister der Stadt aushändigen. Er leitet die Daten dann weiter. Da Sie in Ihrer Bewerbung Computerkenntnisse angekreuzt haben, sollte das kein Problem darstellen. Nehmen Sie die Stelle an, arbeiten Sie allein in der Lagerhalle, insofern können wir Ihnen keinen Stundenlohn bezahlen, würde schwierig werden, die Stundenabrechnungen zu kontrollieren. Die Stadtverwaltung bezahlt Ihnen wöchentlich 680 Dollar. Zudem Kost und Logie in der Pension der Stadt. Außer Sie wollen jeden Tag den Weg hin- und zurückfahren, wobei zu erwähnen ist, dass Sie für die Benzinkosten selbst aufkommen müssten.«

Der Typ klappt den Hefter zu und mustert mich eingehend. Da mir nach diesem langweiligen Vortrag der Sinn nach ’nem Drink steht, sag ich zu.

»Sehr schön, dann können Sie am Montag anfangen?«

»Nein.«

Dachte nicht, dass der Typ es schafft, noch dämlicher aus der Wäsche zu gucken.

»Wie soll ich das verstehen? Sie wollen den Job ablehnen oder Sie …«

»Geht erst Dienstag.«

Der Typ sieht mich an, als erwarte er ’ne finale Erklärung, die ich ihm nicht geben will. Ich schau ihn auch an und schweig. Er öffnet den Mund, schließt ihn wieder und sagt dann, als hätte er soeben die Entscheidung seines Lebens getroffen: »Also dann … ähm … Na fein, dann am Dienstag!«

Sag ich doch. Er drückt mir ’nen anderen Hefter in die Hand, der die erforderlichen Informationen enthält, steht auf und schüttelt mir die Hand, was vermutlich so viel heißt, dass die Unterredung beendet ist.

Kurz danach steh ich eingequetscht, wie ’ne Sardine in der Büchse, in der U-Bahn und frag mich, weshalb zum Geier die Waggons um zehn am Morgen permanent überfüllt sind.

Nur, was geht mich das noch an, ich werd übermorgen meine Karre beladen und nach Corby fahren, ein Kaff, von dem ich nie gehört hab. Sollte es mir dort gefallen, kann ich meine Wohnung hier in Seattle ja aufgeben. Hört sich doch gut an, die nächsten zwei, drei Jahre in ’ner Lagerhalle zu arbeiten und dabei meine Ruhe zu haben. Das Einzige, was mich daran stört, ist diese Pension, in der ich wohnen soll. Pension klingt eher nach Alterswohnsitz.

Zu Hause angekommen, streicht mir der Kater schnurrend und mauzend um die Beine, und nein, ich geb ihm diesmal keinen Tritt. Schlimmer, ich streichle ihn. Mit mir geht’s wirklich bergab. Denk Belinda hat mir den Namen des Viehs gesagt, hab ihn vergessen, konnte ja nicht ahnen, dass sich sein Kurzurlaub ins Endlose ausdehnen würde.

 

Der Eilauftrag, der, weil er schleunigst erledigt werden muss, zwanzig Prozent mehr einbringt, ist mit Sonderwünschen ausgestattet – was zusätzliche zwanzig Prozent bedeutet. Das ist erfreulich, dennoch hasse ich Sonderwünsche – machen die Aufträge unnötig kompliziert.

Und so hock ich am Montagabend in meiner Karre und warte, bis der Typ den Tankstellenshop, in dem er die Tagschicht macht, verlässt. Ich folge ihm bis zu seiner Hütte auf vier Rädern. Der Wohnwagen, ’ne billige und schäbige Behausung, steht auf ’nem abgelegenen Platz – perfekt.

Ich warte, bis es dunkel ist und werf dann ’nen Stein an die Tür. Wie erwartet kommt der Typ heraus und sieht sich um. Aber nicht lang. Er schafft es nicht mehr die Hände zwischen den Draht zu schieben, den ich ihm um den Hals gelegt hab und jetzt zuziehe. Da der Auftrag Sonderwünsche beinhaltet, darf ich ihm auf keinen Fall die ganze Luft abdrehen, demnach halt ich mich zurück und lass ihn auf den Boden fallen, wo er nach Luft schnappt, mich mit weit aufgerissenen Augen anglotzt und krächzt: »Was wollen Sie, wollen Sie Geld? Ich hab ein paar Dollar, Sie können alles haben.«

Was soll ich sagen, was nun kommt ist das übliche Bla, Bla und Gejammer. Ich teil ihm knapp mit, was mir aufgetragen wurde. Verdammt, bei Sonderwünschen bleibt zu viel Raum für Gequatsche und das hass ich noch mehr. Nachdem ich meine Botschaft übermittelt hab, kommt die Leugnung, gefolgt von ’nem Geständnis, und ehe er mit Betteln und Verhandeln anfangen kann – das tun sie am Ende immer – beende ich das Ganze. Wie gesagt, ich mag’s nicht, vollgequatscht zu werden.

Und ich steh nicht drauf, meine Klienten, wie ich meine Opfer nenne, am Tatort zurückzulassen, aber exakt das ist der Auftrag, der zusätzliche Sonderwunsch. Ich hol aus meiner Tasche ein Messer und öffne ihm das Hemd, dann ritze ich »Ich bin ein Kinderschänder« auf seine Brust und betrachte kurz mein Werk – gar nicht so übel.

Anschließend mach ich mich auf den Weg zu meiner Bude, wo ich packen muss.

Nach zwei Stunden ist das Nötigste zusammengepackt, was ich bis Ende Woche brauch. Der Pappkarton, in dem der Kater zu mir gekommen ist, steht auch noch im Schlafzimmer in ’ner Ecke. Nach ein paar Gläsern Jack Daniels entscheide ich mich, den Kater irgendwo auf der Strecke nach Corby auszusetzen. Kann ihn ja schlecht hierlassen. Die halbe Flasche ist geleert, ich entscheide mich, ihn mitzunehmen. Keine Ahnung warum. Nehm mal an, ich werd es morgen früh bitter bereuen oder revidieren.

 

Kapitel 2

 

 

 

Mit akribischer Genauigkeit strich Penny Devor die frischgewaschene Überdecke glatt. Dann wanderte ihr Blick kritisch durch das Zimmer. Nein, das war gewiss kein Zimmer für einen Mann um die vierzig, insofern verzichtete sie darauf, frische Blumen aus ihrem Garten auf die antike Kommode zu stellen. Die Zimmer in ihrer Pension waren vielmehr für ältere, gepflegte Damen und Paare ausgerichtet, so wie Penny Devor selbst eine ältere und äußerst gepflegte Dame war. Und es gab sie, die älteren Ehepaare, die seit Jahren nach Corby kamen, um Ferien zu machen. Paare, die gerne in ihrer wunderschönen Pension stundenlang auf der Veranda saßen und zwischendurch erholsame Spaziergänge machten, um am Abend mit anderen Gästen im großen Wohnzimmer einen alten Klassiker anzusehen, Karten, Backgammon oder Schach zu spielen. Die Rentner kamen stets in Gruppen von vier bis acht Leuten angereist und vorwiegend von Frühling bis Herbst. Und sie waren durchaus geneigt, die Pension ihren Freunden und Bekannten weiterzuempfehlen. Gab sich Penny auch die größte Mühe, ihre Senioren zu verwöhnen und auf jegliche Wünsche einzugehen, und sei es nur mit einer Bett- oder Urinflasche. Ferner berücksichtigte sie Essenswünsche, die vorausgeschickt wurden. Morgen würde ein neuer Gast eintreffen, von der Sorte, die mitnichten ins Bild ihrer Pension passte. Demzufolge war die ältere Dame froh, dass zurzeit keine Senioren bei ihr residierten – wie erwähnt, blieben diese gerne unter sich.

Die Türglocke bimmelte. Sie begab sich in den unteren Stock in die Diele und begrüßte Don Cooper, den Bürgermeister von Corby.

Pennys Mann, John, verstarb vor fünf Jahren, ergo wartete Don ein ganzes Jahr, bevor er anfing seiner Angebeteten, die er seit Jahrzehnten begehrte, zu umwerben. Bedauerlicherweise waren seine Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt, was gegebenenfalls daran lag, dass er verheiratet war.

Als seine Penny die Stufen hinunterkam, dachte Don einmal mehr, dass ihre Schönheit auch mit zweiundsechzig Jahren nicht verblassen wollte. Verlegen streckte er ihr die Blumen entgegen, welche er hinter seinem Rücken versteckt hatte und erfreute sich an ihrem verlegenen Lächeln.

»Don, du alter Narr, wann hörst du auf, mir ständig Blumen zu bringen? Ich habe so viele in meinem Garten.«

»Aber ich liebe es, dich zu beschenken. Soll ich dir das nächste Mal Pralinen mitbringen?«

Beschämt strich sie sich über die Hüften, die noch allemal eine grazile Form hatten. »Damit ich dick und unansehnlich werde?«

»Du wirst immer eine Traumfigur haben, einerlei wie viel Schokolade du isst.«

Die alte Dame wandte sich ab und ging in die Küche. Der Bürgermeister folgte ihr und strich sich seinerseits über die Hüften und den Bauch, letzterer hatte allmählich eine unschöne Rundung. Doch mit seinen vierundsechzig Jahren sah er noch ganz passabel aus.

Penny stellte die Blumen in eine Vase, füllte Wasser ein, platzierte sie auf dem großen Küchentisch und schenkte dann sich und Cooper Kaffee ein. Eine Weile tranken sie schweigend, dann erkundigte sich Don: »Alles vorbereitet für deinen Gast?«

»Ja. Er kommt morgen, irgendwann vor dem Mittag. Wann willst du ihm den Wal zeigen?«

»Nach dem Mittag. Dann kann er übermorgen anfangen. Wird reichlich Arbeit geben, den ganzen Plunder zu räumen.«

»Wie kommen die in Seattle nur auf so eine irrationale, bescheuerte Idee, alles aufzulisten? Man sollte das Zeug besser verbrennen.« Die ältere Dame machte einen Schmollmund, es war ihr absolut unverständlich. Diese hässliche, große Lagerhalle, die man hier in Corby nur als Wal bezeichnete, wurde Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aufgestellt, damals diente sie als Lager für das Militär. Nach dem zweiten Weltkrieg räumte man die Halle leer, seitdem wurde sie als Zwischenlager genutzt. Penny erinnerte sich, dass sie einmal als Kind dort einen Mann sah, der viele Kisten aus einem Laster lud. Auf ihre Frage, was in den Kisten sei, sagte der Fahrer alter Plunder von Leuten, die in Seattle ihre Sachen eingestellt und nie mehr abgeholt hätten. Sie fragte weiter, wozu man die Kisten dann hierher bringe? Der Fahrer grinste und meinte, das frage er sich auch.

»Was ich gehört habe, kommt die Idee von Shelton, die für das Bürgermeisteramt in Seattle kandidiert. Sie hat groß Publik gemacht, dass man versuchen wird, die Besitzer der Güter zu finden. Melden sie sich nach einem Aufruf nicht, wird man diejenigen Sachen, die Geld einbringen könnten, auf einem großen Bazar verkaufen und den Erlös den Obdachlosenheimen zukommen lassen.« Don nahm einen Keks, steckte ihn in den Mund und schob kauend nach: »Ist wohl irgendeine Wahlkampfstrategie.«

»Politiker!«, schnaubte Penny ranzig. »Und was ist mit Burnis Haus?«

Der Bürgermeister lächelte milde. »Ich kümmere mich darum. Behagt dir nicht sonderlich, dass Dale Marten bei dir unterkommen soll. Leider bist du das einzige Motel in der Stadt.«

»Ich bin kein Motel!«, ereiferte sich Penny. »Und nein, es behagt mir keineswegs. In zwei Wochen kommt die nächste Gruppe Senioren und die wollen unter sich sein.«

»Ich rede mit Kelly, sie sagte, sie hätte eventuell Zeit, das Haus zu putzen. Vorher kann ich es unmöglich zur Besichtigung freigeben. Seit Burni sich darin aufgeknüpft hat, ist keiner mehr drin gewesen.«

»Sag ihr, sie soll sich damit beeilen.«

Don griff nach ihrer Hand und sah sie liebevoll an. »Hast du Angst allein mit Marten hier im Haus?«

»Ich? Wie kommst du denn darauf? Ich bin in dieser Stadt geboren, da macht mir nichts Angst.«

 

›Ja meine Freunde, auch heute wird es in Seattle wieder ein verregneter Tag werden, deshalb rate ich euch, nehmt den Regenschirm mit, geht ihr aus dem Haus, ich verspreche euch, ihr werdet ihn brauchen. Wollen wir mal den Rest der Wo …!‹

Ich schlag auf den Radiowecker, wünsch mir, es wär der Kopf dieses Idioten, genannt Wetterfrosch. Kaum hab ich mich auf den Rücken gedreht, hüpft der Kater auf mein Bett und legt sich schnurrend auf meine Brust. So tickt das Vieh also, einmal gestreichelt und schon glaubt er, mein bester Freund zu sein. Okay, der Kater kann ja sonst keine sozialen Kontakte pflegen. Ich lausch dem Schnurren, erinnere mich dann, dass ich heut in dieses Kaff fahren muss und wälz mich aus dem Bett. Mein eigener Kater hält sich in Grenzen und nach ’ner Dusche und ’nem Espresso geht’s mir ganz ordentlich. Ich setz mich auf den Küchenstuhl und beobachte den anderen Kater, der sein Futter runterschlingt, was höchstens ’ne Minute dauert. Dann begutachte ich die offenen Taschen in der Küche und bemerk das Dosenfutter darin. Such in meinem noch trägen Hirn nach einer plausiblen Erklärung und find sie. Hab ich mich gestern Abend tatsächlich entschieden, das Vieh mitzunehmen? Was ’ne halbe Flasche Jack Daniels anrichten kann.

Nun sind die Taschen auf dem Chevy verstaut und die Ladefläche abgedeckt. In der Wohnung stopf ich den Kater in den Pappkarton, sichere den Deckel mit einer Schnur und stell ihn auf den Beifahrersitz. Bevor ich auf den Highway fahr, halt ich bei ’ner Tanke. Während ich drinnen das Benzin und ’nen Snack bezahl, befreit sich der Kater aus dem Pappkarton und schielt aus dem Fenster. Als ich zurückkomm, steht ’ne Frau bei meiner Karre und sülzt mich an: »Ach ist das Kätzlein süß … wie heißt es denn?«

»Kater«, geb ich lakonisch zurück.

»Sie meinen Carter wie der ehemalige Präsident?«

Wie bescheuert muss man sein, seine Katze nach ’nem Präsidenten zu benennen. Aber das sag ich nicht, und ich antworte, weil ’ne gewisse Person mich auch Anstand gelehrt hat. »Ist ein Kater, maskulin.«

»Ach so …«, säuselt die Frau verlegen. »Und wie heißt der Kater?«

»Kater«, wiederhol ich genervt. Ich mein, wenn interessiert’s, wie er heißt, geschweige denn wie alt er ist, und das ist prompt die nächste Frage.

Ich heb bloß die Schultern.

»Oh, dann ist er Ihnen zugelaufen?«, bohrt die Frau unermüdlich weiter. »Und Sie nehmen sich dem armen Tier an.«

Ich kann nicht sagen, ob das ’ne Frage oder Feststellung ist, also nicke ich und mach Anstalten einzusteigen.

»Gäbe es doch mehr Menschen wie Sie«, ruft die Frau mir hinterher. Ich denk; das hoff ich nicht, dann wär die Welt echt am Arsch.

Ich hab Seattle hinter mir gelassen und schiel auf die Bank neben mir, den Pappkarton hab ich zur Fußablage geschmissen, da der Kater sich weigerte, da wieder rein zu kriechen. Jetzt liegt er friedlich zusammengerollt auf der Bank, und als hätte er bemerkt, dass er beobachtet wird, schaut er zu mir auf und fängt an zu schnurren. Scheiße, wieso kann das blöde Vieh nicht anfangen neben meinen Vorhängen auch die Polster meiner Karre zu ruinieren, dann würd es mir leichter fallen, ihn schnörkellos am Straßenrand auszusetzen.

Etwa zwei Kilometer vor Corby steht eine Werbetafel, die besagt, dass man in Pollys Diner die besten Menüs zu unschlagbaren Preisen bekommt. Das nächste Schild verkündet, dass einkaufen nirgends so günstig ist, wie in Dougs Supermarkt. Ich schüttle den Kopf, die Schilder säumen sich endlos dem Straßenrand entlang, ’ne Straße, auf der, kommt einem jemand entgegen, man höllisch aufpassen muss, sonst rasiert man sich gegenseitig die Seitenspiegel ab. Nächstes Schild: Shortys Bar, bei uns sind alle Willkommen, außer Abstinenzler! Ich tret auf die Bremse und schau mir das Schild genauer an; denk, ich hab mich verlesen, aber nein, genau das steht da. Verflucht, was ist denn das für eine Stadt? Ich späh nach vorne, wo das nächste Schild steht: Reverend Milligans Gottesdienst findet jeden Sonntag um 10.00 statt, im Anschluss geselliges Beisammensein mit kostenlosen Getränken (auch Bier) und Kuchen. Inzwischen hab ich meine Karre angehalten und gaff verdattert auf die Werbetafel des Reverends. Kann nicht glauben, was ich da seh.

Ich fahr im Schritttempo weiter, bis mich ’ne pinkfarbene Werbetafel blendet: Sallys Liebesnest, unsere Schwestern kennen keine Tabus!

Eine weitere Tafel verkündet, dass in Toms Garage jede Karre wieder zum Leben erwacht. Und nach ein paar Metern will mir Bella weismachen, dass sie aus jedem Haar ein unschlagbares Kunstwerk zaubern kann.

Kurzum, die letzten zwei Kilometer nach Corby sind vollgepflastert mit Werbetafeln. Frag mich wofür. Kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich irgendjemand in dieses Kaff verirrt.

 

Kurz vor zehn stell ich meine Karre vor der Pension ab. Sie liegt am Stadtrand und ist schwerlich zu übersehen, da die Besitzerin ebenfalls mit einer Tafel am Eingang der Stadt kundtut, dass man nach dreihundert Meter Penny Devors Pension erreicht, mit dem Vermerk, dass es die einzige Übernachtungsmöglichkeit in Corby ist und man bei ihr den besten Kaffee der Stadt bekommt.

Ich steig aus und werf ’nen Blick auf den Kater, der jetzt auf der Bank hockt und mich mit seinen kalten Katzenaugen fixiert. Nein, hab ihn leider nicht am Straßenrand ausgesetzt und bezweifle stark, dass man in der Pension Haustiere mitbringen darf. Die Pension ist ein elegantes, weißes Holzhaus mit roten Fensterläden – sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Ich will grad die Fahrertür schließen, da eilt ’ne ältere Lady die Verandastufen herunter und gibt ein lautes »Juhuu« von sich.

Mir stellen sich augenblicklich die Nackenhaare auf.

Ich bring ein sparsames Lächeln zustande und geh auf die Frau zu, die sogleich meine Hand krallt und sich vorstellt. »… und Sie müssen Mr Marten sein, wir haben Sie erwartet. Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Haus, dann holen wir Ihr Gepäck.«

Das Haus ist, wie ich vermutet hatte – ein Alterswohnsitz. Dementsprechend sieht mein Zimmer aus, dessen Fenster mit schmucken, geblümten Vorhängen verunstaltet sind.

Hätte den Kater doch am Straßenrand aussetzen sollen.

Ich erfahr von der Hausdame, dass es um halb neun am Morgen Frühstück gibt, je nach den Wünschen der Bewohner wird alles serviert. Sie informiert mich auch gleich darüber, dass ich gegenwärtig ihr einziger Gast sei. Ich informier sie meinerseits, dass ich niemals frühstücke, sieht man von ’nem Glas Jack Daniels ab, was ich natürlich für mich behalt.

»Oh … allerdings ist das Frühstück die wichtigste Mahlzeit am Tag. Wir werden sehen. Das Abendessen wird um sieben Uhr serviert, hier im Speisezimmer.«

Besagtes Speisezimmer beinhaltet acht Tische und ein Klavier. Hoff inständig, dass die Lady drauf verzichtet, mich beim Essen mit ihrem musikalischen Können zu beglücken.

Mag kein Klavierspiel.

Im oberen Stock, wo mein Zimmer liegt, gibt es ein Badezimmer, welches, kann es anders sein, im geblümten Gelb erstrahlt. Zurück beim Wagen, hol ich meine Taschen von der Ladefläche, währenddessen klopft Mrs Devor an das Beifahrerfenster, offenkundig hat sie den Kater gesichtet. »Ich wusste nicht, dass Sie ein Haustier haben?«

»Ich auch nicht.«

»Eigentlich sind Haustiere in meiner Pension verboten.«

»Kein Problem, ich lass ihn hier raus, dann kann er allein weiterreisen.«

»Das ist nicht Ihre Katze?«

»Nein, wurde mir untergeschoben.«

Die alte Lady sieht mich missmutig an. »Ich bezweifle, dass wir sie hier draußen lassen können. Die Einwohner von Corby schätzen es nicht, wenn Auswärtige in ihrer Stadt Tiere aussetzen. Da hätten Sie sie besser vor der Stadt aus dem Wagen geworfen. Zum Beispiel auf dem Highway, da wäre das Tier mit Sicherheit in Kürze überfahren worden, was ihm tagelanges Herumstreunen und elendigliches Verhungern erspart hätte.«

Meine Kinnlade klappt runter, und das passiert mir nie. Diese alte Lady, so klein und schmächtig, vermittelte mir bis anhin ein Bild der gütigen Oma, deren liebste Beschäftigung die ist, für ihre Enkel Plätzchen zu backen.

»Na schauen Sie mich nicht so an, Marten, ich vermute diese Option stand auch Ihnen offen, weiß der Himmel, wieso das Vieh noch in Ihrer Karre hockt. Wie dem auch sei, vorübergehend können Sie sie in Ihrem Zimmer halten, aber ich nehme vorher die Vorhänge runter, die Viecher lieben es, daran hochzuklettern.«

Mrs Devor hat offensichtlich Erfahrung mit Katzen.

Nachdem ich meine Habseligkeiten, inklusive Kater, in das Zimmer geschafft und die alte Lady die Vorhänge runtergenommen hat, lass ich mich erst mal aufs Bett fallen, dessen Überwurf – Überraschung – geblümt ist. Nein, bin keinesfalls angetan von meiner Bleibe. Und noch weniger davon, dass das stinkende Katzenklo im selben Raum steht, wo ich penn. Bereu es zutiefst, mein Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt zu haben. Mit ’nem galligen Blick betrachte ich den Kater, der sich auf meinem Bett das braun/gestromte Fell reinigt – schnurrend. Wenigstens ihm scheint die neue Behausung zu gefallen.

Ich öffne die Tasche und hol ’ne Flasche Jack Daniels heraus. Auf der Kommode stehen Gläser und ’ne Karaffe mit Wasser. Nach zwei Gläsern leg ich mich hin und dös bald schon ein.

 

 

1974

 

 

Nach dem Tod seiner Frau Elizabeth fühlte sich Malcom Marten komplett überfordert.

Von der Polizei alarmiert, eilte er nach Hause, wo der Junge im Wohnzimmer hockte und reglos ins Leere glotzte. Es machte den Anschein, dass der Tod seiner Mutter ihn nicht im Geringsten berührte. Im Gegensatz zu Malcom, er war zutiefst erschüttert. Ein Teil von ihm wollte dem Jungen die Schuld am Tod seiner geliebten Frau geben. Ja, er hatte seine Frau geliebt, nur konnte er es ihr nicht mehr zeigen. Er hatte auch Dale geliebt, anfangs, als er ein Baby war. Doch mit jedem Jahr wurde ihm sein Sohn unheimlicher. Ein Kind, das selten sprach und falls, dann war seine Stimme monoton, desgleichen seine Gesichtszüge, die weder Freude, Trauer, Angst oder Wut ausdrückten. Schaute Dale ihn an, wenn er mit ihm sprach, war es, als blicke er in tote Augen und das machte Malcom Angst, einschließlich nicht zu wissen, was in dem Jungen vorging.

Nach Beths Tod wachte er zuweilen in der Nacht auf, bemerkte, dass seine Nackenhaare hochgestellt waren. Öffnete er die Augen, stand Dale vor seinem Bett und starrte ihn ausdruckslos an. Jedes Mal hämmerte sein Herz wild gegen die Brust und auf die Frage, was los sei, wendete sich der Junge stumm ab und ging zurück in sein Zimmer. Die Wahrheit, Malcom hatte die verrückte Vorstellung, dass sein Sohn ihn eines nachts im Schlaf erstechen könnte.

Zuvor hatte sich Beth um den Jungen gekümmert. Sie war es, die ihn in die Arme geschlossen und mit ihm herumgekuschelt hatte, dazu fühlte sich Malcom außerstande. Er hatte es nach ihrem Tod widerwillig versucht. Es kam nichts zurück. Schloss er Dale in die Arme, schien das Kind das einfach zu ertragen. Irgendwann gab er es auf, ebenso mit ihm zu sprechen. Vor Beths tragischem Tod sprach er in ihrer Gegenwart zumindest ab und zu, wenn auch vielmehr ein gelegentliches Ja oder Nein. Nun war das Kind gänzlich verstummt.

Malcom wechselte nach dem Tod seiner Frau in die Nachtschicht, da er sich tagsüber keinen Babysitter leisten konnte. Und weil nachts niemand in der Firma war, nahm er den Jungen mit, breitete eine Decke über einen Stapel neuer Pappkartons aus, legte Dale darauf und deckte ihn mit den Worten zu: »Du schläfst jetzt hier und ich arbeite.« Dann be- und entlud er bis in den Morgen mit dem Gabelstapler Camions.

Kam er nach der Schicht heim, setzte er das Kind vor den Fernseher und schlief ein paar Stunden. All die Nachbarn, welche nach Beths Tod anerboten hatten zu helfen, auch auf Dale aufzupassen, nahmen nach und nach ihre Angebote zurück, mit der Begründung, dass sie mit dem Kind nicht klarkommen würden, es ihnen unheimlich sei.

Dann war sein Sohn alt genug für den Kindergarten, Malcom hegte die Hoffnung, dass ihnen beiden so geholfen sei. Dale, so hatte sich Beth sehnlichst erhofft, normal werden würde. Und Malcom konnte in der Zeit, in der sein Sohn dort war, etwas aufatmen. Für kurze Zeit, denn schon nach einer Woche teilte man ihm mit, dass der Junge unmöglich bleiben könne, mit dem Zusatz, dass es geeignetere Kindergärten und später Schulen für ›solche Kinder‹ gäbe. Die konnte Malcom sich nicht leisten. Heute war sein Sohn sechseinhalb Jahre alt und sein Verhalten hatte sich kein bisschen verändert.

 

Gerade war Malcom mit dem Jungen von der Arbeit heimgekommen. Seit Beth von ihm gegangen war, trank er vermehrt. Genehmigte sich routinemäßig eine halbe Flasche, ehe er ins Bett ging, um ein paar Stunden zu schlafen. Zuvor setzte er Dale vor den Fernseher.

Er leerte das letzte Glas und ging anschließend mit Schlagseite ins Wohnzimmer, wo sein Sohn den Fernseher angestellt hatte, auf dessen Bildschirm jedoch bloß Rauschen zu sehen war. Der Sturm letzte Nacht musste den Satelliten auf dem Dach verrückt haben. Fluchend wendete er sich ab, wollte den Jungen vor dem rauschenden Gerät hocken lassen, besann sich dann seiner Frau und fühlte sich sofort schuldig. Malcom fühlte sich stets schuldig, weil ihm die Geduld und Stärke von Beth fehlte. Und so ging er in den Schuppen, holte die Leiter und stieg aufs Dach, sagte dem Jungen, er solle rufen, wenn das Bild klar sei, was der kaum tun würde. Er würde mindestens ein Dutzend Mal rauf und runter steigen müssen, bis der Fernseher wieder ein klares Bild hatte.

Dazu kam es nie. Er hatte die Schüssel ein klein wenig nach links gedreht und fixiert, im Glauben, dass es in etwa so hinkommen könnte. Dann trat er einen Schritt zurück und verlor auf dem Dach, das vom Regen der letzten Nacht nass war, den Halt und stürzte in die Tiefe.

Als die Nachbarn von seinem Schrei aufgeschreckt zum Haus eilten, lag Malcom Marten tot auf den Gartenplatten. Sein Sohn, Dale, hockte immer noch im Wohnzimmer vor dem rauschenden Fernseher. Behutsam teilte man ihm mit, dass sein Vater tot sei. Das Kind vergoss keine Träne. Absolut nichts schien sich in dem Knaben zu rühren.

 

Möchten Sie weiterlesen? Dann hier bestellen mit Anklick:

Auf der linken Seite sehen Sie eine Auswahl der Bücher von Jill Grey