von: Martin Kunz
11. Dezember 2017

Denken und Träumen

Das Denken ist nur ein Traum des Fühlens. Novalis
Woher die Gedanken kommen, dort wird nicht gedacht. Jan Philipp Reemtsma

© Urs Heinz Aerni

1

Was sich zeigt, ist Ausdruck dessen, was sich nicht zeigt. Deshalb sollten wir nachdenklich sein. „Nachdenklich sein“ soll hier heissen, sich in aller Stille ins Unterschwellige, Untergründige zu versenken – ohne in ihm zu versinken. Der Imperativ der Aufklärung, das vernunftorientierte Selberdenken zu wagen darf die pöbelhaften Sinne (Kant) nicht verdrängen. Ohne das Zwinkern der Nymphen und Kobolde, ohne Klang und Rausch und rätselhaften Dunst des Nächtlichen kommt das Denken zu früh ans Ende, an eines, das gar keines ist. Der Haken aufklärerischer Absicht ist ihr Furor, mit dem sie die Wildheit des Menschen radikal ordnend durchdringen will. Das nur ist die Ursache des Bösen, dass die Natur nicht unter Regeln gebracht wird, lesen wir bei Kant. Wir hätten an dieser Disziplinierung des Natürlichen zu arbeiten, um den zukünftig möglichen besseren Zustand des menschlichen Geschlechts zu erreichen. An dieser humanistischen oder eigentlich schon transhumanistischen Intention mag etwas verlockend sein. Zu fragen aber ist, ob eine das Ausservernünftige negierende Vernunft für dieses Ziel leitend sein soll.

Kant stand persönlich unter dem Zwang einer überkontrollierten Lebensführung. Schon ein fehlender Knopf an der Kleidung eines Studenten brachte ihn aus dem Konzept. Ihm fehlte der Sinn für das Andere der Vernunft. Was ist dieses Andere? Nur schon diese Rätselfrage zu stellen, führt über Eindimensionalität hinaus. Ohne diese Frage droht der Raum des Vernünftigen zu einem Beinhaus toter Gedanken zu werden.

Der Traum, der innere Dämon, die Dynamis der Bilder, das Es aller Sinne (Michel Maffesoli) sind Dimensionen dieses Anderen. Dank diesem wird Denken Piraterie: Essay, Erprobung, Prüfung.

2

Mir hat geträumt …

Träume und Phantasien als Offenbarungen zuzulassen, nimmt dem Denken die falsche Verklärung, die es sich anmasst, wenn es das ihm Fremde abspaltet.

D., eine liebe Freundin, hat sich verirrt, wird bedroht, mitten in der Nacht. Dunkler Wald.
Tannen, die sich unheimlich zu bewegen scheinen. Finstere Gestalten. Ich will D. retten. Vertreibe die Gespinste. Und tatsächlich, sie findet den Weg wieder. Ein Lichtstrahl von nirgendwo. Morgenröte. Meer. Ein Schiff in der Ferne. Ich habe ihr offenbar geholfen. So wie ich ihr immer wieder helfen zu müssen glaube. Eine Stimme aber sagt zu mir: Geholfen hat ihr der Matrose mit Hammer und Pfeife!

Was hat der Autor oder die Regisseurin eines Traumes vor? Darf man überhaupt nach jemandem fragen, der eine Absicht haben könnte? Der Traum ist nicht Literatur, seine Logik fügt sich den Erwartungen des Betriebs nicht. Im Gegenteil. Der Traum leuchtet nicht ein, seine Witze und Pointen, wenn sie überhaupt vorhanden sind, taumeln. Gerade deshalb kann er ein Licht werfen auf meine einseitige Formatierung.

Deshalb will ich den Traum, diese Quasi-Kunst der Nacht verstehen. Er versteht mich, und ich will nun verstehen, wie er mich versteht.

Ich lasse mich auf die Möglichkeiten der Deutung ein.

3

Der Möglichkeitssinn verleiht dem Denken Flügel. Wer Flügel hat, ist in spielerischer Absicht offen für das, was in die Gegenwart leuchtet, aber noch keinen Ort hat. Ich denke, also bin ich ein Schmetterling, ein Falter, Milchdieb und Molkenstehler, ein Schmandlecker und Lattichvogel.

4

Das Träumen, Phantasieren, das Vorfühlen (Max Scheler) und das nachträgliche Widerspiegeln geahnter Zusammenhänge im Raum des Denkens gehören zu jenem vom inneren Vollständigkeitswunsch gewollten Spiel. Der Ausbruch des Denkens aus seiner Verkappung ermöglicht mentales Probehandeln, Umkehr und Überschreiten, es ermöglicht, wirklich zweiäugig zu werden.

5

Zweiäugig werden, also erkennen wollen, ist eine nicht risikofreie Geschichte von Lieben und Töten. Um das Lebendige zu erkennen, töten wir es. Klarlegen heisst zergliedern. Um der Schönheit des Ganzen willen atomisieren wir es. Denken ist Sezieren. Und Herrschen.

Auch etwas in mir, selbst schon die Verdichtung von Herrschaft, will, dass ich mich domestiziere. Aber als herrschendes Selbstseinwollen ohne Anerkennung des Dunklen, dank dem Leuchten überhaupt möglich ist, führen die Imperialismen dieser Instanz in jenen Ungrund, aus dem sie herausführen wollen.


6

Der Traum ergänzt, korrigiert, kompensiert unsere Konstrukte und unsere Lebenspraxis. Aber wir werden ihn – und deshalb uns – nie ganz verstehen. Die flüssige Ontologie des Unbewussten verhindert, dass wir durch und durch authentisch sind. (Ich versuche zwar, verlässlich zu sein, weiss aber nicht endgültig, woran ich bei mir bin.) Es gibt nur Vizeformen des Gelingens. Dabei sind allerdings grosse Unterschiede auszumachen: Je mehr einer abspaltet, was sich an Verrückendem in sein Bewusstseinsgehäuse einmischen will, desto mehr ist sein Denken als Fluchtbewegung unterwegs: Rationalität als Rationalisierung.

Kants Vernunft ist geprägt von einer Rigidität, die von seiner Angst zeugt, sinnliche Antriebe könnten alles durcheinander bringen. Sogar der Musik gegenüber war er misstrauisch, weil sie eine Sprache blosser Empfindungen sei – ohne alle Begriffe.


7

Adorno war fasziniert von den Träumen, er gab eine grosse Zahl seiner Traumprotokolle für die Veröffentlichung frei. Ein eigentlicher Traumphilosoph aber war Ernst Bloch. Der Tagtraum, die Wachphantasie ist für ihn der psychische Geburtsort des Neuen. Noch am scheinbar Abgegoltenen, am archaisch Rumorenden interessierte ihn das, was in ihm als noch Ungewordenes, als künftig Mögliches eingekapselt ist. Lyotard kommt auf den Traum zu reden, weil in ihm die begriffliche Urteilsfom dionysisch aufgewirbelt werde. Der Traum thematisiere, was in der Ordnung nicht aufgehe.

8

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst Du nur das Zauberwort

Unglaublich: In den Dingen, die schlafen und träumen, schläft tiefer noch ein Lied, das man mit dem magischen Wort wecken könnte, so dass die ganze Welt singt! Bild, Musik und Wort gehören zusammen und bilden einen wunderbaren Kosmos. Eine romantisch-mystische Einheitserfahrung.

9

Das Flüssige und Strömende muss der harte Denker abwehren. Kant vermied es krampfhaft zu schwitzen. Absolute Trockenheit ist der Inbegriff von Moral. Im Untergründigen dagegen schäumt und schleimt es.

Kant sei vertrocknet – wie eine Scherbe, berichtet ein Zeitgenosse 1804 (siehe Hartmut und Gernot Böhme: Das Andere der Vernunft). Trotzdem seien seine letzten Worte gewesen: Es ist gut.

10

Viele Wissenschaftler und Künstler sträuben sich nicht, das Denken mit dem Unvordenklichen zu verbinden. Was den Forscher zu intellektuellen Höchstleistungen befähige, sei nicht Willenskraft und Disziplin, schreibt Einstein, sondern ein dem Religiösen oder Verliebten ähnlicher Zustand. In grossem Denken
verbirgt sich eine Grundemotion, die Schönheit einer sich offenbarenden Ferne, die im Nahen sich verdichtet. Das ist alles andere als Anpassung des Geistes an das Nützliche, wie Adorno immer wieder betont, das ist die Ordnung einer anderen Welt, die (Un)Ordnung des Grundanderen.

11

Vor uns war lange Zeit pure Natur. Hat sie sich selber auch geträumt? Sehnen sich Fauna, Flora und Gestein nach dem erlösenden Wort? Die Würde der Natur ist die eines noch nicht Seienden … Philosophie ist eigentlich dazu da, das einzulösen, was im Blick eines Tieres liegt (Adorno).

Nach uns ist vielleicht auch wieder reine Natur, falls sie sich von uns erholt. Oder aber ein Park der Maschinen. Ob diese von uns entkoppelten kognitiven Monster auch träumen werden?

12

Wer nicht, wie etwa Thomas von Aquin oder Martin Luther, des verängstigten Glaubens ist, Träume seien des Teufels – vielleicht sind sie ja manchmal teuflisch -, ist eingeladen, sich in die Dream Bank zu vertiefen, ein Projekt zweier Professoren der University of California, Santa Cruz (www dreambank net).

Oder tiefer noch: in die eigenen Gestaltungen der Anderswelt.

13

Der Traum, in dem ich D. rette, zeigt, dass nicht ICH der Retter bin. Es ist der Klabautermann, ein Kobold.

Martin Kunz