von: Simone Klein
4. April 2016
Kommentar

Buchtipp: Zart im Nehmen

Eine Buchbesprechung von Simone Klein

© GABAL

Nach bestandenem Abi zum Ballermann – nicht jeder freut sich darüber, selbst wenn die Reise ein großzügiges Geschenk ist. Denn dort geht es nahezu ausschließlich um eine Partykultur mit übermäßigem Lärmpegel, hohen Temperaturen und mangelnden Rückzugsmöglichkeiten, alles Bedingungen, die einer bestimmten Spezies Mensch alles andere als liegen. Geschätzte 15 bis zwanzig Prozent unserer Gesellschaft gehören zur Gruppe der „Hochsensiblen Personen“, kurz „HSP“. Und so wenig homogen sich das Phänomen gestaltet, so verbindet die Betroffenen eine Gemeinsamkeit: der fehlende Filter. Reize jeder Art fluten diese Menschen ungeschützt. Entsprechend schnell entpuppen sie sich als Spaßbremse, weil sie gerade Dinge, die anderen einen besonderen Kick verschaffen, nicht vertragen, und von Menschenmassen, Lärm und zu viel Alkohol krank werden. HSP leiden häufig an Allergien und Unverträglichkeiten jeder Art und landen besonders schnell im Burn-out. Bezeichnenderweise werden HSP bereits während der Schulzeit gemobbt, weil sie sich Lerninhalte interessierten und für bestimmte Lehrer Empathie empfinden. Ihre Anfälligkeit erscheint auf den ersten Blick als Mangel, der sie zu Außenseitern werden lässt. Doch ist diese Andersartigkeit nicht selbst gewählt, sondern ein Wesenszug. Insofern bewirken abwertende Reaktionen des Umfeldes eher eine Verstärkung der Merkmale als dass Betroffene ihre Haltung aufgeben. Sie können es nicht, sie sind so. Und das ist eigentlich auch ganz gut.

Die Autorin Kathrin Sohst, selbst betroffene HSP, macht sich zur Botschafterin dieser Gruppe und schlägt eine Brücke zur übrigen Gesellschaft, indem sie die Welt der „Harten“ mit der der  „Zarten“ verbindet. Die Teile eins und zwei des Buches zeigen die Vielfalt der „Echt-Authentischen“ und die Auswirkungen ihrer Eigenschaften in sämtliche Lebensbereiche, in Beruf, Beziehungen, Finanzen und Spiritualität. Es wird deutlich, wie intensiv sich der fehlende Filter auf die Gesundheit der Betroffenen auswirken kann und wie selbstverständlich Unkenntnis des Phänomens „HSP“ Ärzten und Psychologen zu falschen Diagnosen führt.

Doch liegt das Anliegen der sensiblen und begabten Autorin gerade darin, den Fokus auf die Vorteile dieser Personengruppe zu lenken. Erst einmal erkannt, werden die Probleme schrittweise gebannt und die bereichernden Stärken systematisch zu Tage gefördert. HSP gelten als dynamisch, leistungs- und zielorientiert, sofern sie ihren Arbeitsalltag frei gestalten können. Sie verfügen über das spezielle Händchen im Umgang mit Menschen und über den siebten Sinn beim Erfassen und Analysieren komplexer Situationen. Es kommen zahlreiche Betroffene zu Wort, die eindrücklich schildern, wie sie vermeintliche Schwächen in Stärken umgewandelt haben. Ergänzend liefert Sohst ein breites Spektrum an Strategien und Lösungsansätzen, die HSP in ihren Alltag integrieren können. Sie werden angesprochen, behutsam angeleitet und ermutigt, eigenverantwortlich zu handeln und ihr Leben lebenswert zu gestalten.

Die Lektüre des Buches „Zart im Nehmen“ spricht betroffene HSP und Menschen in ihrem Umfeld an. „Zart im Nehmen“ verurteilt nicht, sondern schafft Klarheit. Einfühlsam, gründlich und präzise vermittelt sie zwischen Menschen und Welten, die auf den zweiten Blick gar nicht so unvereinbar erscheinen. Zudem verschafft sie durch dieses Buch einen Eindruck, wir stark Arbeitsergebnisse hochsensibler Personen ausfallen können, denn an ihrem Erstling kann sich die Fachbuchwelt jederzeit ein Beispiel nehmen.

Bibliografie: Sohst, Kathrin: Zart im Nehmen. Wie Sensibilität zur Stärke wird. 336 Seiten. Offenbach: GABAL Verlag, 2016. ISBN 978-3869366883. EUR 24.90.

Simone Klein lebt in Baden-Baden und veröffentlichte mehrere Bücher. Besuchen Sie ihre Website hier…


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