von: Simone Klein
15. August 2016
Kommentar

Buchtipp: Nordlicht – Südlicht von Mooses Mentula

Gastautorin Sabine Klein hat dieses Buch gelesen und hofft noch mehr von diesem Schriftsteller aus Finnland.

© Weidle Verlag - Buchcover

„Ihr nehmt uns doch die Frauen weg!“, lautet einer der ersten Sätze, die Jyri Hartikainen in seiner neuen Heimat nördlich des Polarkreises entgegenfliegen. Der 28-jährige Junglehrer ist kurz vor Schuljahresbeginn nach Sodankylä gereist, um für ein Jahr in Lappland zu unterrichten. Und Jouni Korhonen, sein Kontrahent in der düster anmutenden Kneipe, entpuppt sich wenig später als der Vater seines zukünftigen Schülers Lenne, dessen Mutter Marianne, ebenso wie Jyri, aus dem Süden Finnlands stammt. Es ist ein sonderbares Völkchen in Sodankylä, und Menschen aus den südlichen Regionen des Landes werden mit Skepsis betrachtet. Ebenso eigen, wie die einheimische Bevölkerung, präsentiert sich die Grundstimmung vor Ort. In den Norden Finnlands reist, wer sich selbst finden möchte, denn die Ressource „Mensch“ ist in der Einöde denkbar knapp. Entsprechend empfindlich reagiert man auf Neuzugänge, die sich in den seltensten Fällen dauerhaft etablieren.

Die ländlich, an die samische Kultur angrenzende Lebensweise, erscheint eintönig. Fernab jedes urbanen Einflusses prägen Rentier- und Wildschweinzucht sowie Fischerei den Alltag, den Vater Jouni nicht hinterfragt. Lenne erreicht die Schule mit dem Taxi und legt die Distanzen im Wald mit einem Quad zurück. Unterdessen langweilt sich Mutter Marianne im einsam gelegenen Haus und denkt immer wieder über einen Rückzug in den Süden nach.

In dieser strukturschwachen Region ist es nicht untypisch, dass die Familie von Geldsorgen geplagt wird. Die Ehe von Marianne und Jouni blickt auf deutlich bessere Zeiten zurück und die rosaroten Wolken aus der gemeinsamen Zeit im Studentenwohnheim mussten den grellen Farben einer mühsamen Familienplanung weichen. Es scheint, als hätte sich die Kulisse zerplatzter Träume auf Mariannes körperliche Konstitution ausgewirkt. So gerät ihr einziges Kind Lenne, von der Mutter liebevoll „Rentierjunge“ genannt, zwischen die Streitfronten der Eltern und erfährt dabei immer wieder, dass seine Mutter nur seinetwegen in der Region bleibt. Die häuslichen Ereignisse hinterlassen deutliche Spuren bei ihm. Er rebelliert in der Schule und sorgt für regelmäßige Zusammenkünfte zwischen Mutter und Lehrer, die gemeinsam auf die regionalen Erlebnisroutinen reagieren. Soll sich Jounis anfänglicher alkoholdurchfluteter Affront gegen den Junglehrer zur selbsterfüllenden Prophezeiung entwickeln?

Seinen Debütroman unterteilt der Autor Mooses Mentula in 37 kurze, packende Kapitel. Vier Charaktere präsentieren gleichberechtigt die Handlung und lassen den Leser schnell in die Atmosphäre der unbekannten Einöde tauchen. Scheinbar spielend gelingt Mentula die detaillierte und facettenreiche Schilderung einer Gesellschaft, über die trotz ihrer Ansässigkeit in der Alt-EU außerhalb des skandinavischen Kulturraums wenig bekannt ist. In der Gemeinde Sodankylä lebt statistisch weniger als ein Mensch auf einem Quadratkilometer. Obwohl die Hauptfiguren der Handlung Mobilfunk, Internet und Xbox nutzen, swingt im Arbeitsalltag der Korhonen-Familie noch sehr viel Tradition mit. Die dünne Besiedelung der Region schlägt sich auf die Charaktere nieder: Trotz Gemeinschaft wirkt jeder für sich allein. Der topaktuelle und dennoch zeitlose Nordsüdkonflikt wacht als Gegebenheit über die gesamte Handlung.

Eindrucksvoll und mit viel Fingerspitzengefühl präsentiert Mentula einen postmodernen Familienroman im fließenden Übergang zwischen dem Brauchtum der Samen und dem des Internet-II-Zeitalters. Ihm gelingt eine brillante Figurenentwicklung, die im Rahmen eines Erstlings angenehm überrascht. Bleibt zu hoffen, dass der Autor möglichst zeitnah eine Fortsetzung dieses überaus lesenswerten Romans präsentiert.

Simone Klein ist publizierte schon zwei Bücher, stammt aus Frankfurt und lebt heute bei Zürich. Zu Ihrem letzten Kriminalroman veröffentlichte Berg.Link ein Interview, hier zum Nachlesen…

Das Buch: Mentula, Mooses, Nordlicht – Südlicht. Aus dem Finnischen von Antje Mortzfeldt. 264 Seiten. Bonn: Weidle Verlag, 2014. ISBN 978-3-938803-67-7.

Mooses Mentula, 1976 geboren, hat lange in Nordfinnland und Lappland gelebt. Heute leitet er in der Nähe von Helsinki eine Schule. Nordlicht — Südlicht (Isän kanssa kahden) ist sein erster Roman. Die zuvor veröffentlichte Sammlung von Kurzgeschichten, Musta timantti(»Schwarzer Diamant«), wurde vor allem für die Klarheit ihres Stils gerühmt.


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