von: Ricco Bilger, Zürich
30. Juni 2022

Buchtipp: „Leonora – Eine Überfahrt“ von Ursula Pecinska

"Ein feines, schön gedrucktes Buch mit Briefen, die auch heute wieder geschrieben werden müssten."
Urs Heinz Aerni

© Ursula Pecinska - Pressebild Bilger Verlag

In der édition sacré, 500 Exemplare, von Dieter Kubli illustriert, alle nummeriert und signiert.

Ursula Pecinska – 1947 geboren, lebt nach längeren Aufenthalten in England, Kanada und Polen seit 2000 in Blauen, Baselland (Schweiz). 2015 erschien »Hallgatás. Das Tagebuch der Krisztina«, der erste Band einer Trilogie, in der die Autorin Frauen der Literaturgeschichte eine Stimme gibt, eine Stimme, die ihr von den Männern der Zeit und des damaligen Literaturbetriebs verweigert wurde. »Krisztina« ist die Krisztina aus Sandor Maraís »Die Glut«, »Leonora« ist die Nora aus Ibsens Puppenhaus.

Sechs Jahre also hat es gedauert und jetzt ist es soweit: am Dienstag, 31. Mai 2022 feierten wir die Veröffentlichung von »Leonora« in der Buchhandlung Labyrinth, am Nadelberg 17 in Basel. Mit Ursula Pecinska habe ich mich über Leonora, Kisztina und all die vielen Frauen unterhalten, die bis heute im Literatubetrieb und in einer immer noch patriarchalisch dominierten Kultur & Gesellschaft keine Stimme haben.

In 21 Briefen, beginnend am Montag, 1. Januar 1900, beschreibt Leonora ihrer Freundin Christine in Norwegen, was aus ihrem Leben geworden ist, nachdem sie 1880 Mann und Kinder verliess, nach Manchester auswanderte; mitten ins Herz der Industrialisierung, wo Marx und Engels in der Bibliothek über Texten gebrütet haben, welche die Geschicke der Welt erschüttern werden, wo Suffragetten gegen die tradierten Geschlechterrollen aufbegehrten, wo die Friedensbewegung unermüdlich den Weltfrieden anstrebt und wo erste Kooperativen neue sozial- und gesellschaftspolitische Wege gingen.

Dazu ein paar Gedanken des Verlegers Ricco Bilger:

Wäre ich nur ein Dichter, ich schriebe jeden Tag ein Gedicht. Gegen den Krieg, gegen Gewalt, gegen Missbrauch, gegen die Politik. Wie Percy Bysshe Shelleys »The Mask of Anarchy«. Wie damals traute sich auch heute wohl kein Verleger, es zu drucken, kein Festival böte ihm eine Plattform. »`Rise like Lions after slumber / In unvanquishable number– /

Shake your chains to earth like dew /

Which in sleep had fallen on you–/

Ye are many — they are few.’«

»Ihr seid viele – sie nur wenige.«

Ursula Pecinskas Buch »Leonora« ist eine stürmische Prosa in Briefen, Aufruf zu Pazifismus, zu Humanismus, zur Gleichberechtigung. »Leonora« ist nichts weniger als eine in ein Nature-writing–Kleid geschmiegte Kampfschrift. Ein Aufruf zu allem, was auch heute wieder, auch in der Literatur, verpönt ist: Haltung. »Bärinnen, erwacht aus dem Schlummern / unbesiegbar seid ihr (…)«

Ich sehe sie schon, wie sie uns belächeln, – was soll’s! Bertha von Suttner wurde auch belächelt und viele Frauen mehr, die nicht bereit waren, ihre Kinder in den Krieg zu schicken.

»Leonora« von Ursula Pecinska reiht sich hier ein: Eine schreibende Bärin, eine fauchende Löwin.

Ricco Bilder ist Verleger, Inhaber der Buchhandlung Sec 52 in Zürich und gründetet das Literaturfestival Leukerbad im Schweizer Kanton Wallis.

Link:

Bilger Verlag, Zürich