von: Petra Lohrmann
8. Dezember 2022

Buchkritik: „Nebel“ von Miguel de Unamuno

© Weidle Verlag

„In den Büchern … in den Büchern … Und was stammt nicht aus den Büchern, Domingo? Hat es denn, ehe es Bücher – in einer oder der anderen Form -, ehe es Erzählungen, Berichte, ehe es Worte gab – hat es denn da über-haupt etwas gegeben? Und wird denn, wenn das Denken aufhört, noch etwas übgrigbleiben? Bücher! Und was ist nicht Sache der Bücher? Kennst du Don Miguel de Unamuno, Domingo?“ Mit diesen Worten wendet sich der Held des Romans, der junge, reiche, einsame Augusto Pérez, an seinen Diener. Er fragt Domingo, ob er jenen Mann kennt, der ihn, Augusto, erschaffen hat. Und damit auch der Schöpfer Domingos, dessen Frau Liduvinas, seiner Angebeteten Eugenias und all der anderen Figuren ist, die der Roman zum Leben erweckt. Was ist Leben überhaupt? Wodurch wird etwas existent? Wer überlebt, der Autor oder die Romanfigur? Zumindest die letzte Frage dürfte beantwortet werden können, viele andere, die der Roman aufwirft, nicht.

Doch zunächst die Geschichte: Augusto, der keiner Arbeit nachgeht und nach dem Tod seiner Mutter recht einsam ist, verlässt eines Morgens sein Haus, um spazieren zu gehen. Er begegnet der anmutigen Eugenia und verliebt sich auf der Stelle in sie, vor allem in ihre Augen, die von nun an als leuchtendes Zwiegestirn über ihm schweben. Er schreibt ihr einen Brief, durch einen Zufall erhält er Zutritt zur Wohnung ihrer Tante und ihres Onkels, wo Eugenia lebt. Die junge Frau verdient ihr Geld mühsam als Klavierlehrerin, obwohl sie die Musik hasst. Die Unglückliche muss geerbte Schulden zurückzahlen, ihr Stolz gebietet ihr, dies aus eigener Kraft zu schaffen. Sehr schnell ist Augusto davon überzeugt, seine zukünftige Ehefrau gefunden zu haben. Er liebt sie, ohne sie zu kennen. „Und wieso bin ich in sie verliebt, da ich doch genauge-nommen nicht sagen kann, daß ich sie kenne? Bah, das Kennenlernen wird sich schon später ergeben. Die Liebe geht dem Erkennen voraus, und dieses tötet sie. … Um etwas lieben zu können – was braucht es dazu? Daß man es dunkel ahnt. Dieses liebende Ahnen ist ja nur ein Schimmer, ein undeutliches Aufleuchten im Nebel.“ Diese Liebesgeschichte ist eine mit diversen Wendungen, in die die ganze Bandbreite menschlicher Gefühle und Verhaltensweisen eingeflochten ist. Sie ist Anlass für komische und tragische Geschehnisse, für die Entwicklung sehr individueller Figuren und nicht zuletzt die Frage: Was macht den Mensch zum Menschen?

Die Begegnung mit Eugenia entfacht ein philosophisches Feuer in Augusto. Er denkt über Zufall, Erscheinungen, den „Nebel des Lebens“, über Verliebtsein, Liebe, Ehe, Scham, Religion, Sterblichkeit, Glück und Leiden, Logik, Traum und Realität und noch viele weitere Themen nach – häufig in Form von Selbstgesprächen, von Zeit zu Zeit aber auch in Gesprächen mit seinem Freund Víctor. Die „Nivola“ (als Abwandlung des spanischen Wortes Novela=Roman), mit der Miguel de Unamuno eine neue Gattung geschaffen hat, was das Buch unvergleichlich macht, besteht zu großen Teilen aus Mono- und Dialogen. Die Umgebung bleibt so gut wie unerwähnt, de Unamuno konzentriert sich auf die Figuren und schüttelt mit seiner kaleidoskopartigen Betrachtung der Welt das Denken gründlich durcheinander. Er sät Zweifel, nur diese bringen seiner Ansicht nach das Denken voran, er widerspricht sich hier und da, das ganz Besondere an diesem grandiosen Werk der Weltliteratur aber ist: er tritt in einen Dialog mit seiner Figur Augusto. In dieser Szene kulminiert die Nivola, denn, nachdem er zunächst erfolgreich bei der Eroberung Eugenias war, wendete sich das Blatt, Augusto wurde Opfer eines Betrugs. Augusto bittet seinen Schöpfer um Hilfe, es entspinnt sich ein hochinteressanter, erhellender und zugleich verwirrender Dialog zwischen einer ausgedachten und einer realen Person, die sich hier in den Roman einschreibt. Stammt nicht alles aus den Büchern? Gab es etwas vor den Worten? Was bleibt übrig? Es gibt mehrere, in die Nivola eingefügte eigenständige  Geschichten, die die Romanhandlung spiegeln.

Die eine erzählt von den merkwürdigen Umständen, unter denen eine Ehe zustande kam, eine andere von einem Vierecksverhältnis, eine dritte davon, wie es ist, Vater zu werden. Ein Gelehrter namens Paparrigópulos bringt Augusto auf noch abstrusere Gedanken – Miguel de Unamuno braucht aufmerksame LeserInnen, diese werden aber herrlich belohnt! De Unamuno kam 1864 in Bilbao zur Welt. Er studierte in Madrid, unterrichtete an der Universität in Salamanca, verbrachte einige Zeit der Verbannung auf Fuerteventura, floh nach Paris, kehrte 1930 wieder nach Salamanca zurück, wo er sechs Jahre später im Hausarrest verstarb. Der Roman „Nebel“ entstand 1914, er ist sein erfolgreichstes Werk. Der Neuausgabe im Weidle Verlag wurde das Nachwort Wilhelm Musters von 1988 beigefügt, in diesem ist zu lesen: „Er war kein Widerspruchsgeist um des puren Widerspruchs willen, und er wollte sich auch nicht nur deshalb in Szene setzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Was er vor allem wollte, das war: allen seine intellektuelle und religiöse Unruhe mitteilen, er selber sagt: `Man muß Zweifel, Mißtrauen, Unruhe in die Menschen säen.´“ Dies gelingt dem Autor mit seiner unvergleichlichen Nivola, die so tiefgründig wie anregend, so tragisch wie komisch, so vielschichtig, phantasiereich und sprachmächtig wie den Geist durchrüttelnd ist. Und dabei ist sie auch noch anziehend wie ein Magnet, denn man mag ihn bis zum Ende nicht aus den Augen lassen, den lebendigen Helden Augusto.

Petra Lohrmann

Miguel de Unamuno: Nebel, Übersetzt von Otto Buek, revidiert nach der dritten Ausgabe des Originals von Roberto de Hollanda und Stefan Weidle, Nachwort von Wilhalm Muster, Weidle Verlag, 2022, 300 Seiten, (Originalausgabe 1914, revidierte Fassung 1935)