von: Petra Lohrman
16. Dezember 2022

Buchkritik: „Berge – 35 Geschichten zwischen unten und oben“ von Jay von Seldeneck (Text) & Florian Weiß (Illustration)

© Kunststifter Verlag

 

`In 35 Bergen um die Welt´ könnte ein Untertitel dieses schönen Buches sein. Reiste das Team Lucia Jay von Seldeneck und Florian Weiß in seinem Werk „Logbuch – Schiffe, die Legenden wurden“ auf dem Wasser, erklimmen sie diesmal luftige und schwindelerregende Höhen. Im handlichen Kleinformat und mit dichtem Inhalt ist es ein Schatzkästchen, auch für Nicht-Bergsteiger. „Sie sind nicht zu fassen. Sie übersteigen unser Sein.  … Das lässt uns schwindeln, wenn wir den Gipfel erreicht haben. Und dennoch: Wir nehmen die Anstrengung immer wieder auf uns, wir steigen immer höher. Und höher. Und irgendwann verstehen wir: Es geht nicht darum, die Berge zu fassen. Sondern es ist der Moment, auf den es ankommt.

Nur der eine Moment der Anstrengung und seine Überwindung. Denn dieser Moment lässt einen ein kleines Stück Ewigkeit spüren. Er lässt uns, ganz kurz, rausfallen aus der Zeit.“ Die Texte und Bilder versuchen einem Moment im Leben eines Berges und eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen darzustellen, wobei nicht unbedingt das Bergsteigen im Vordergrund steht. Gleich in der ersten Geschichte ist es das Fliegen. Otto Lilienthal ließ extra für seine Flugversuche einen „Fliegeberg“ aufschütten. Die Höhe betrug 59,4 Meter, er bestand aus alten Ziegeln – das klingt wenig spektakulär, verglichen mit einem `echten´ Berg, und ist doch von ganz besonderer Faszination. Von einer solchen ist auch der im Tessin gelegene Monte Verità, der zu einer Pilgerstätte von Sinnsuchenden wurde und als „Ursprungsort für gesellschaftliche Gegenentwürfe im 20. Jahrhundert“ gilt. Diese Geschichte wird von einer Fremdenführerin erzählt, die die Menschen hinaufführt auf diesen Berg der Wahrheit, der für sie eher eine Geldquelle als eine der Verzückung ist. Neben den großen Namen wie Fuji, Olymp, Matterhorn, Mont Blanc oder Mount Everest, die natürlich in einem Buch über Berge nicht fehlen dürfen, werden auch weniger bekannte Berge beleuchtet.

Man liest über den Gründungsmythos Nordkoreas, hier wurde der Paektusan zum Symbol der Revolution, die, so die offizielle Version, diesem Berg „entsprießt“. So legitimiert die Staatsführung ihren quasi religiösen Machtanspruch. Im Kapitel „Pointe Burnaby“ wird die Geschichte der mutigen Bergsteigerin Elizabeth Burnaby erzählt, die 1907 den Ladies Alpine Club gründete, um Frauen das zu ermöglichen, was die Männer längst taten und bei diesen nicht als unschicklich galt. Ganz im Gegenteil. Es sollte bis 1975 (!) dauern, bis Frauen in den Alpine Club aufgenommen wurden. Eine andere Pionierin, Cenzi von Ficker, bekommt sogar einen ganzen Berg geschenkt, es ist der Uschba, ein Doppelgipfel im Kaukasus. Erzählt wird diese Geschichte von einem Mädchen, das zusammen mit seinem Bruder die Bergsteigerin beobachtet und sagt: „Wenn ich groß bin, kletter´ ich auch auf die Spitze hoch.“ Andere Berge werden durch einen alten Mythos beleuchtet, wieder andere durch eine Stellenanzeige oder einen Brief, der einen besonderen Moment im Leben des Empfängers charakterisiert – die Perspektiven der 35 Geschichten sind höchst unterschiedlich und das macht das Buch zusätzlich interessant.

Zu jeder Geschichte gehört ein Bild von Florian Weiß, das mit einer von ihm selbst entworfenen Punktiermaschine gestaltet wurde. Hauptsächlich in Grau- und Blautönen gehalten, wirken sie alle sehr harmonisch, sind zugleich realistisch und fantastisch. Sie vertiefen die Geschichten, verstärken die Eindrücke, die sie hinterlassen und erzählen sie auf einer anderen Ebene neu. Eine Art Steckbrief ergänzt mit Angaben zu Höhe, Alter, Gesteinsart etc jeden Berg. Und darüber hinaus begleitet ein Sachtext mit Erklärungen jede Geschichte. Das ist beispielsweise der Hintergrund für die Stellenanzeige, die Wildhüter für das Gebiet des Gran Paradiso anwerben möchte. Oder die Tatsache, dass sich die seit ca. 500 Jahren in den nepalesischen Hochebenen leben-den Sherpa genetisch an den geringen Luftdruck angepasst haben. Oder das Thema Ausbeutung von Natur und Mensch, das anhand des Cerro Rico in Bolivien angesprochen wird.

Zu guter Letzt gibt es noch weiterführende Lesehinweise – es wurde wirklich an alles gedacht, um die LeserInnen von verschiedenen Seiten in die Berge zu führen, wie weit, das entscheiden diese selbst. Die 35 vielfältigen Geschichten zwischen Erde und Himmel erzählen Natur- und Kulturgeschichte(n), Mythen und Träume. Den Schlusspunkt setzt der für Menschen unbe-zwingbare Berg Analog, der der Held eines Romanfragments ist – die Vielfalt der Berge ist unendlich.

 

Petra Lohrmann

 

Jay von Seldeneck (Text) & Florian Weiß (Illustration): Berge – 35 Geschichten zwischen unten und oben, Buchgestaltung: Mara Burmester, kunstanstifter Verlag, 2022, 256 Seiten