von: Petra Lohrmann
5. Dezember 2022

Ann Quin: „Passagen“

Buchkritik von Petra Lohrmann

© März Verlag

Eine Passage ist ein Land- oder Seeweg, in der Astronomie ist sie ein Transit, in der Medizin bezeichnet sie das Durch-laufen einer Flüssigkeit in einen Körper. In der Literatur oder im Film ist sie Teil eines größeren Ganzen. Auf das „Passagen“ betitelte Buch Ann Quins lassen sich all diese Definitionen anwenden. Es fließt durch, über, in, legt Wege zurück. Die LeserInnen sind aufgefordert, mitzureisen. Bewegung und Meer spielen tragende Rollen in dieser außer-und ungewöhnlichen Geschichte. Die Figuren fahren in Booten, im Zug oder Taxi, lassen sich immer nur für kurze Zeit in einem Hotel nieder. Sie sind Suchende. Eine Frau und ein Mann, namenlos. „Sie ist Mitte dreißig, sieht jünger aus. Jünger ohne Make-up. Sie sucht ihren Bruder, von dem sie glaubt, dass er in dieses Land kam. Sie ist sicher, dass sie ihn finden wird. Inzwischen.“ Von „ihr“ stammen zwei Teile des Buches. Sie bestehen aus Absätzen, die ineinander fließen, ohne einen zusammen-hängenden Plot zu konstruieren. Sie beschreibt chirurgisch genau alles, was sie wahrnimmt. Mal benutzt sie das Wort „ich“, mal schreibt sie in der dritten Person. Schon damit fächert sie sich auf, gibt einen Hinweis darauf, wie uneindeutig das Konstrukt Identität ist. Sie berichtet von Begegnungen mit Menschen, von sinnlichen Erlebnissen wie hören, schmecken, riechen.

Sie lebt ihre Sexualität aus, mit ihrem Begleiter, der ihr hilft, ihren Bruder zu suchen in einem Land, in dem offensichtlich eine Diktatur herrscht. Aber auch mit Zufallsbekanntschaf-ten, man weiß jedoch nicht immer, wo in diesem Buch die Realität in den Traum übergeht. „Ich lag auf dem Bett. Dem Strand. Auf einem Felsen, festgenagelt unter ihm. In der Höhle. Das Geräusch von Wasser, das durch andere Höhlen fließt. Unter den Bergen. Ferner Donnerschlag und Hundegebell. Nichts, was ich geschrieben habe, ist von Bedeutung, ich will einfach nur leben – hörst du zu? Er saß auf der Bettkante und starrte an die Wand, durch die Wand hindurch, durch viele Wände. Zimmer, Landschaften, die ich betrat, die ich vor ihm bereiste. Er war immer da. Das blonde Haar, der schlanke Schatten von Mandelbäumen. …“ Er, das ist ihr Reisegefährte, der sich Notizen macht, „für ein Buch. Tagebuch, Bericht…“. Dieses Tagebuch bildet die anderen beiden Teile der „Passagen“.  Sie sind ihrerseits zweigeteilt. Den Tagebucheinträgen auf der rechten Seite sind Notizen in einer separaten Spalte beigegeben, sie widmen sich vornehmlich der griechischen Mythologie. Bilder auf antiken Gefäßen werden beschrieben, der Mythos, den sie abbilden, kurz beleuchtet. Immer wieder geht es um Dionysos, den Rausch, um das Heraustreten aus der Realität. „Ich schien im Inneren von Formen und Schatten zu sein – überlegend, wann sie Wirklichkeit würden: ohne zu wissen, wer das Medium für wen sei. Medium für ihre Medien. Ob ich selbst das Gefühl war in einer Welt aus Formen.“ Oder: „Die primitiven Griechen spiegelten ihre eigenen menschlichen Beziehungen in den Gestalten ihrer Götter wider. Die matriarchalischen Göttinnen reflektieren das Leben der Frauen, nicht Frauen das Leben der Göttinnen.“

Ann Quins Prosa ist wie ein Kaleidoskop, ein jeder Absatz gleicht einem andersfarbigen Steinchen. Neben dem Meer sind auch Spiegel und Schatten von großer Bedeutung, sie machen den Text noch hinter- und untergründiger, verspielter, weiträumiger, bunter. Der gebrochene, sich ständig verändernde Blickwinkel im Verein mit ihrer immensen Sprachfertigkeit und Fabulierlust, macht ihren Text ganz und gar einzigartig. Er lässt viele Deutungsmög-lichkeiten zu, eine davon wäre, dass alle Personen, die Frau, der Mann, der Bruder, eine Person sind. Doch dies liegt ganz im Auge der LeserInnen, hier findet jede und jeder eine andere Geschichte. In ihrer Einleitung spricht Claire-Louise Bennett von der Herkunft Ann Quins (1936-1973). Sie kam aus der Arbeiter-klasse. Diese Herkunft prägt für immer, so Bennett, fördert „ein ästhetisches Verständnis“, das zu „vielstimmigen“ und „experimentellen Werken“ führt. In einem kleinen Raum mit papierdünnen Wänden, einem Leben ohne materielle Sicherheit, entwickelt sich ein anderes Verhältnis zur Welt. Und damit auch zur Ästhetik. Ann Quins Werk schöpft aus vielen Quellen, die entscheiden-de scheint mir ihre Fantasie zu sein. Wichtig ist auch ihre Weigerung, sich der bipolaren Aufspaltung des westlichen Denkens anzuschließen. Ihr Denken und ihre Ästhetik sind am Wasser orientiert. Gegenläufige Wellen, Strömungen unterschiedlicher Temperatur, sich kreuzende Wellen, die trotz der Begegnung ihre ursprüngliche Form beibehalten, der nur dem Wasser eigene Gefrierpunkt und so weiter. All diese Besonderheiten schwingen in Ann Quins poetischer Prosa mit und machen aus den „Passagen“ ein absolut außergewöhnliches, einzigartiges, herausforderndes, grandios gutes Buch!

Petra Lohrmann

Ann Quin: Passagen, Aus dem Englischen von Elisabeth Fetscher, Herausgegeben von Barbara Kalender und mit einem, Vorwort von Claire-Louise Bennett, übersetzt von Eva Bonné, März Verlag, 2022, 132 Seiten, (Originalausgabe 1969)