von: Simone Klein
22. März 2017
Kommentar

Abseits von Lifestyle und Pilgertourismus: „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“

Simone Klein las das Buch und meint dazu:

© S. Fischer Verlag

 

Achanda ist 15 und hat ein Auge auf die ein Jahr jüngere Shakti geworfen. Der zehnjährige Tarun schwärmt für Kalpana aus dem vornehmen Nachbarhaus. Und Shakti bewundert Brother, der aus einem Land kommt, dessen Fußballnationalmannschaft Weltmeister ist. Eigentlich sind Achanda, Shakti und Tarun Jugendliche mit ganz normalen Bedürfnissen. Doch bietet ihnen die Realität wenig Raum, ihre Phantasien zu verwirklichen. Sie leben im „Recovery Home“, einem Kinderhaus in Kathmandu, wo sie auf ein besseres Leben hoffen. Von den Eltern verkauft, der Kinderarbeit und der sexuellen Ausbeutung mühsam entflohen, fällt es ihnen nicht immer leicht, sich den Regularien eines an westlichen Werten orientierten Alltags zu fügen. Achanda finanziert sich heimlich ein Motorrad, Tarun läuft immer wieder weg und Shakti weiß sehr genau, dass ihr Schutz im Heim nicht ewig andauern wird. Während sich für Achanda eine Chance bei Verwandten auftut, verschwinden Shakti und Kalpana aus dem Blickfeld ihrer Freunde. Werden sie jemals wieder zusammenfinden?

Auf den ersten Blick wirken die nepalesischen Jugendlichen in „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ wie ihre Altersgenossen in Industrienationen. Sie verlieben sich und kämpfen mit ihren individuellen, teilweise kindlichen Mitteln um die Aufmerksamkeit des oder der Erwählten. Doch leben sie am unteren Rand einer Kastengesellschaft ohne Aussicht auf Bildung und sozialen Aufstieg. Schnell werden das Ausmaß ihrer traumatischen Erfahrungen und die Perspektivlosigkeit ihrer Gegenwart deutlich. Ganz selbstverständlich übernehmen sie Lügen und Intrigen einer korrupten Erwachsenenwelt in ihre Routinen und entziehen sich den durch das Heim vermittelten Kindheitsidealen immer wieder. Gleichwohl geht es dabei niemals um Abgrenzung oder Rebellion, sondern stets um das eigene Überleben.

Fundierte Kenntnisse der geographischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten rund um Kathmandu erleichtern es dem erfolgsgekrönten Autor Benjamin Lebert, seine Leser in eine unbekannte Umgebung eintauchen zu lassen. Erneut beweist er eine schon fast erbarmungslose Empathie bei der Zeichnung unfreiwilliger Eigenbrötler, deren Perspektive er sprachlich nicht besser auf den Punkt bringen könnte. Mit einer schonungslosen, für ihn jedoch typischen Kompromisslosigkeit vermittelt Lebert sinnbildlich Dunkelheit zwischen den Sternen. Vielleicht überwindet sich der routinierte Autor zu einer Fortsetzung seines außergewöhnlichen Entwicklungsromans, der Maßstäbe für eine neue, junge Gegenwartsliteratur setzt. „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ bereichert, begeistert und beeindruckt bis ins Mark.

Bibliografie: Lebert, Benjamin: Die Dunkelheit zwischen den Sternen. 2. Auflage. Frankfurt: S. Fischer Verlag, Februar 2017. ISBN 978-3-10-397312-9

Simone Klein lebt als Autorin in Baden-Baden. Besuchen Sie ihre Website…


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